Flüchtlinge wollen sich bei Deutschland bedanken und helfen in der Krise Syrer bieten Einkaufsservice an

Lübbecke (WB). Schon als die Coronakrise begann, hat Hazem Alsaleh an die alten Menschen im Land gedacht. „Viele haben jetzt sicher Angst.“ Angst nach draußen zu gehen und sich anzustecken. Der 35-jährige Syrer, der seit fünf Jahren aus seiner Heimat floh, meldete sich bei Bernd Porps von der Lübbecker Flüchtlingshilfe. „Wie kann ich helfen?“, fragte er. „Die Deutschen haben uns viel geholfen und uns aufgenommen. Ohne diese Hilfe wäre ich vielleicht tot. Jetzt will ich etwas zurückgeben.“ Und so entstand die Idee, für Senioren einkaufen zu gehen.

Von Friederike Niemeyer
Unter der Überschrift „Lübbecker Nachbarschaftshilfe“ wollen Hommam Aljrf (links) und Hazem Alsaleh von Montag an Einkäufe für ältere Menschen übernehmen.
Unter der Überschrift „Lübbecker Nachbarschaftshilfe“ wollen Hommam Aljrf (links) und Hazem Alsaleh von Montag an Einkäufe für ältere Menschen übernehmen. Foto: Friederike Niemeyer

Mehrgenerationenhaus macht mit

Sein Freund Hommam Aljrf, vor vier Jahren aus Syrien geflohen, schloss sich gleich begeistert an. „Bis vor kurzem habe ich noch bis 17 Uhr gearbeitet. Diese Arbeit ist jetzt weg, also habe ich Zeit“, sagt der 48-Jährige. Über ein Hilfe-Telefon im Mehrgenerationenhaus können sich Interessierte melden und ihre Einkaufsliste durchgeben. Die beiden Ehrenamtlichen achten darauf, dass alles kontaktlos abläuft. „Selbstverständlich desinfiziere ich das Rückgeld“, sagt Hazem Alsaleh. Kein Wunder, dass er auf Hygiene Wert legt: Er ist in Syrien Apotheker gewesen.

Der Weg, der Alsaleh nach Deutschland geführt hat, war traurig und schwer. Er hat ihn noch nicht häufig erzählt. In Rakka in Nordsyrien hatte er als selbstständiger, verbeamteter Apotheker eine sichere Existenz, bis die Truppen des Islamischen Staats in die Stadt kamen. Syrisch-russische Einheiten bombadierten deshalb die Stadt und auch gezielt die Kirche gegenüber, so dass auch die Apotheke getroffen wurde. Viele Nachbarn in der Straße waren schon tot, so dass er sich mit seiner Frau und dem drei Monate alten Baby auf den Weg in die Türkei machte. „Meine Apotheke, die Wohnung, das Auto, alles haben wir zurückgelassen“, sagt er.

Flucht mit Schlauchboot

In der türkischen Stadt Urfa hielt er die Familie mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Um eine Zukunft zu haben, machte er sich auf den Weg in die EU: wie so viele andere in einem überfüllten Schlauchboot von Izmir auf eine griechische Insel, dann nach Athen und über Mazedonien, Serbien und Ungarn nach Wien, schließlich nach Dortmund, Kerken, Hille und Lübbecke. Der 35-Jährige musste lange auf seine Aufenthaltsgenehmigung und dann auf den Nachzug von Frau und Kind warten. Jetzt tut er alles dafür, um in Deutschland als Apotheker arbeiten zu dürfen.

Auch Hommam Aljrf hatte bis zum Bürgerkrieg ein sicheres Leben. Als IT-Fachmann arbeitete er in Damaskus im Gesundheitsministerium. Weil sein damals 13-jähriger Sohn aber groß und kräftig war und viel älter aussah, hatte er Angst, das syrische Militär würde ihn mitnehmen. Also ließ er Frau und Tochter schweren Herzens zurück, um seinen Sohn in der Türkei in Sicherheit zu bringen. Schweren Herzens auch deshalb, weil diese Flucht bedeutete, dass Frau und Tochter nun in ständiger Angst vor dem Geheimdienst untertauchen mussten.

Herzliche Aufnahme

Ebenfalls über Griechenland und den Balkan kam der 48-Jährige nach Deutschland. „Ich bin hier von vielen Menschen sehr herzlich willkommen geheißen worden“, sagt er. Jetzt möchte auch Hommam Aljrf gerne zum Helfer in der Not werden – ganz praktisch.

Bernd Porps von der Flüchtlingshilfe unterstützt das Projekt gerne: weil es von Verantwortung für sich und für andere zeuge. „Und weil hier das Wort Flüchtlingshilfe eine ganz neue Bedeutung bekommt.“

Und so funktioniert es

Die Lübbecker Nachbarschaftshilfe in der Coronakrise wird vom Runden Tisch Flüchtlingshilfe und vom Mehrgenerationenhaus der Diakonie unterstützt. Das kostenlose Angebot, Einkäufe zu erledigen, richtet sich an Senioren sowie an Familien und Einzelpersonen, die sich in häuslicher Quarantäne befinden. Hilfegesuche werden angenommen unter Telefon 05741/2362010 (montags und freitags von 9 bis 12 Uhr, mittwochs von 16 bis 18 Uhr).

Wegen der Ansteckungsgefahr sollen persönliche Kontakte weitestgehend vermieden werden. Hygieneregeln sollten beachtet werden. Weitere Unterstützer sind willkommen (Kontakt: mehrgenerationenhaus@diediakonie.de)

Auch noch gut zu wissen: Es handelt sich um ein ehrenamtliches Angebot. Es besteht kein Anspruch auf Erledigung zu einem bestimmten Zeitpunkt, und die Kooperationspartner übernehmen keinerlei

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