Schuldner- und Insolvenzberatung der »PariSozial« in Lübbecke legt Jahresbericht vor
»Die Einkommensarmut nimmt zu«

Lübbecke (WB). Die Verschuldungsquote in Deutschland steigt. Die Gründe, in eine wirtschaftliche Notlage zu geraten, sind vielfältig. Im Gespräch mit der LÜBBECKER KREISZEITUNG zeigt Schuldnerberater Detlev Schewe Tendenzen für den Kreis Minden-Lübbecke in den vergangenen Jahren auf und ermöglicht einen differenzierten Blick auf die Ursachen von Überschuldung.

Freitag, 09.08.2019, 11:00 Uhr
Die Rechnungen, Mahnungen, Ratenerinnerungen und gelben Briefe vom Gerichtsvollzieher stapeln sich, der Schuldenberg wird immer höher. Die Schuldnerberatung hilft, den Überblick über die finanzielle Situation wiederherzustellen. Foto: dpa

»Es wird immer leichter, sich zu verschulden«, sagt Schewe. Dieser Umstand schlägt sich auch in den Zahlen des Jahresberichts nieder, den die Schuldnerberatung der Parisozial nun für 2018 veröffentlicht hat. »Erneut hat ein, im Vergleich zu früheren Zeiten, hoher Anteil jüngerer Menschen (unter 30 Jahren) Rat gesucht«, heißt es dort.

Durch aggressive Werbung und das Wecken scheinbarer Bedürfnisse via TV und insbesondere Internet werde der Kauf massiv angeregt, so Schewe. »Der Druck, alles haben zu müssen, steigt.« Der Schuldnerberater kritisiert die Auswüchse der Angebote, mit denen manche Unternehmen locken würden. »Easy Credit wirbt zum Beispiel damit, sich seinen Urlaub über Kredit zu finanzieren, oder Paypal, sich via Direktkonto noch weitere Cocktails an der Bar zu genehmigen, auch wenn man sie gerade nicht bezahlen kann. Das geht natürlich absolut in die falsche Richtung.« Das Motto laute: Konsumiere jetzt, zahle später.

Kein gesichertes Einkommen

Zudem würden junge Leute, die dann in die Schuldenfalle gerieten, oftmals früh bei den Eltern ausziehen – und das ohne gesichertes Einkommen. Somit könnten die Lebenshaltungskosten schwerlich allein geschultert werden.

Zu einer Überschuldung komme es aber bei weitem nicht nur durch erhöhten bisweilen sinnlosen Kauf von Produkten und Konsum sowie mangelnder Finanzkompetenz. Schewe: »Weitere Ursachen sind schwierige Erwerbskarrieren, geringes Einkommen, niedrige Renten.« Letzteres habe auch zum Anstieg der Ratsuchenden bei den Rentenbeziehern geführt, so der Diplom-Sozialpädagoge, der bei der Parisozial für den Altkreis Lübbecke und für Bad Oeynhausen zuständig ist. Er stellt eine zunehmende Einkommensarmut fest, »durch die ein menschenwürdiges Leben nicht möglich ist«. Hierbei handele es sich also mitnichten um die Unfähigkeit, mit Geld umzugehen. Arbeitslosigkeit, Trennung und Scheidung sowie dauerhaft ein zu geringes Einkommen führten zu einer Spirale, aus der die Menschen nur mit Hilfe von Fachleuten wieder hinauskommen könnten. Die Parisozial beschreibt es folgendermaßen: Das Einkommen reicht nicht aus, um alle Kosten zu zahlen, die Bank erlaubt keine weitere Überziehung des Kontos, Mahnschreiben häufen sich, der Gerichtsvollzieher kommt, es folgen Lohn- und Kontopfändung, es entstehen neue Schulden, der Überblick geht verloren, die psychische Überlastung nimmt zu.

Einen Grund im leichten Rückgang der Beratungsfälle im Kreis Minden-Lübbecke sieht Heidrun Hofmann, Schuldnerberaterin in Lübbecke und Minden, im Pfändungsschutzkonto, über das viele Schuldner mittlerweile verfügten. »Hiermit haben sie auch bei einer Kontopfändung einen unpfändbaren Sockelbetrag, wodurch die existenzielle Bedrohung durch die Überschuldung nicht mehr als so gravierend erlebt wird«, so Hofmann. Festzustellen sei auch, dass viele Verschuldungssituationen und Beratungsverläufe immer komplexer und umfangreicher würden. Die Folge: Der Anteil der Beratungsfälle mit hohem Aufwand hat zugenommen.

Große Überwindung

Schewe: »Es kommt vor, dass Menschen mit 25 oder mehr Forderungen zu mir kommen.« Zudem verhandelten er und seine Kollegen mit öffentlichen Stellen und Gläubigern. Die Akzeptanz der Schuldnerberatung habe zwar zugenommen, aber für den Einzelnen sei es immer noch eine Überwindung, in Finanzangelegenheiten Hilfe von außen anzunehmen. »Wenn ihnen dann aber ein Weg aufgezeigt wird aus scheinbar unlösbaren Problemen, wird das bereits als Entlastung empfunden.«

Konfrontiert werden die Fachleute auch immer häufiger mit dem Problem ständig steigender Mieten und Energiekosten, die die Mittel für die Lebensführung verknappten. Menschen mit geringem Einkommen oder Bezieher von SGB-II-Leistungen hätten schlechtere Chancen auf dem Wohnungsmarkt. »Und für Überschuldete mit negativer Schufa ist eine Wohnungssuche nahezu aussichtslos, auch bei so genannten Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften«, so Hofmann.

Die Schuldnerberatungsstelle in Lübbecke ist an der Bahnhofstraße 27 (Treffpunkt Parisozial) ansässig. Termine nur nach Vereinbarung, Telefon 05741/34240.

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