Heimische Expertinnen kritisieren Fernsehformat »Germany’s Next Topmodel« Wenn sich alles um die Figur dreht

Lübbecke (WB). Noch drei Wochen bis zum Finale – bis dahin wird weiter aussortiert. Heidi Klum entscheidet derzeit wieder in ihrer Sendung »Germany’s Next Topmodel«, wer die Schönste ist im Land. Und wer eben nicht. Gerade junge Mädchen sitzen jeden Donnerstagabend gebannt vorm Fernseher und wollen nicht besonders, sondern »einfach nur schön sein«, wie es Kandidatin Klaudia in einer Folge unter Tränen bekundete.

Von Kathrin Kröger
Heidi Klum posiert auf dem roten Teppich. Mit ihrer TV-Sendung, die seit 2006 jährlich ausgestrahlt wird und derzeit in der 13. Staffel läuft, polarisiert sie.
Heidi Klum posiert auf dem roten Teppich. Mit ihrer TV-Sendung, die seit 2006 jährlich ausgestrahlt wird und derzeit in der 13. Staffel läuft, polarisiert sie. Foto: dpa

Das WESTFALEN-BLATT hat sich im Gespräch mit drei heimischen Fachfrauen kritisch mit der Sendung wie auch mit dem Perfektions- und Schlankheitswahn auseinandergesetzt, den sie transportiert. Alla van Delft kennt sich aus in der Welt der Mode und Models. Die Lübbeckerin hat nicht nur selbst aktuelle Outfits präsentiert und für Fotos posiert, sondern eine Model-Agentur geleitet. Alla van Delft unterzog die Sendung einem Realitätscheck.

Selbstinszenierung der »Marke« Heidi Klum

Stichwort: Fotoshooting. Müssen sich Models dabei wirklich so extremen Bedingungen stellen, sich sogar quasi nackt vor der Kamera ablichten lassen, wie es in jeder Staffel der Sendung praktiziert wird? »Mit der Realität hat das nichts zu tun. Ein Model wird selten überrascht von der Art des Shootings. Alles wird vorher detailliert abgesprochen, Verträge abgeschlossen und Honorare abgestimmt. So einfach ist das. Ein Mädchen informiert seine Agentur darüber, ob es bestimmte Buchungen meiden möchte, zum Beispiel Akt-Fotografie«, sagt Alla van Delft. »Das gilt auch für ein Umstyling. Inwiefern ihr Look verändert wird, ob Haare kurz geschnitten oder gefärbt werden, entscheidet das Model selbst.«

Stichwort: Selbstinszenierung der »Marke« Heidi Klum. »Sie ist eine starke Frau mit starker Persönlichkeit. Deswegen denke ich, dass sie in der Sendung nicht nur sich selbst vermarktet, sondern auch vermarktet wird.« Natürlich könnte GNTM einen guten Start ins Business bedeuten. »Allerdings weiß ich aktuell nicht, welche Gewinnerin ein international bekanntes Top-Model geworden ist. Ich glaube, keine.« Andersherum spiele es aber kaum eine Rolle, ob ein Mädchen bei der Sendung mitgemacht habe. »Bei einer Modenschau in Düsseldorf auf der Igedo war GNTM-Teilnehmerin Sofia mit dabei. Das war den Organisatoren der Show gar nicht bekannt. Sie wurde gebucht, weil sie eben für den Job passte«, erzählt Alla van Delft.

Studie zeigt Zusammenhang mit Essstörungen auf

Stichwort: Schlankheitswahn. Derzeit ist mit Pia noch eine Kandidatin im Wettbewerb, die nicht untergewichtig ist wie die meisten ihrer Mitbewerberinnen, sondern normalgewichtig. Von einem »curvy model« ist sie aber weit entfernt. In der Vergangenheit mussste Heidi Klum auch schon viel Kritik einstecken, als sie ein Mädchen mit der Aufforderung abzunehmen nach Hause geschickt hat. »Es ist kein Geheimnis, dass in der Modebranche kurvige Models eher selten sind. Auf Fotos sieht man automatisch korpulenter als im realen Leben aus, die Kamera legt ein paar Pfunde dazu. Sehr schön ist, wenn das Mädchen einen schlanken Körperbau hat und keine Diät halten muss. Aktives Hungern macht ein Model sehr schnell kaputt.« Man müsse fit sein, viele Castings an einem Tag absolvieren, gut aussehen, Jobs erfolgreich absolvieren und dafür alles geben.

Ein ganz schlechtes Zeugnis attestieren der Sendung Diplom-Sozialarbeiterin Regine Brand vom Diakonie-Werk im evangelischen Kirchenkreis Minden und Christiane Heinrich, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin von der Familienberatungsstelle in Lübbecke (Pfarrstraße 5, Telefon 05741/9559). »Heidi Klum agiert in ihrer Sendung patriarchalisch und zerstört das Selbstwertgefühl der Mädchen«, sagt Heinrich. Brand verweist auf eine Studie, die »einen ganz klaren Zusammenhang für die Veranlagung, eine Essstörung zu entwickeln, und der Sendung« belegt. Veröffentlicht wurde diese vom Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen. Befragt wurden 241 Patienten, die sich wegen Essstörungen gerade in therapeutischer Behandlung befanden. Dabei benannten 83 Prozent der Befragten GNTM als jene Sendung, die das Schönheitsideal der Gesellschaft widerspiegeln würde. 70 Patienten gaben an, dass GNTM einen »sehr starken« Einfluss auf ihre eigene Krankheit gehabt hätte, weitere 72 befanden hierzu »etwas Einfluss« auf ihre Krankheit.

Verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpers

Während Brand erwachsene Essgestörte und deren Angehörige berät, bietet Heinrich jugendlichen Betroffenen Hilfe und Therapie. Sie sind beide der Ansicht, dass die Zahl der Patienten noch steigen wird. Und stellen eindeutig Rückschritte fest in dem, was die Frauenbewegung einst erreicht hat. Heinrich: »Wir sind weit hinter Alice Schwarzer und die Emanzipation zurückgefallen.« Verantwortlich sei natürlich nicht allein die TV-Show. Frauenzeitschriften und Modemagazine, Werbespots, Videoclips und Instragram-Profile widmen sich ganz dem äußeren Schein. »Denken Sie an das aktuelle Beispiel Meghan Markle, die Zukünftige von Prinz Harry. Öffentlich debattiert wird nicht etwa über ihre neue gesellschaftliche Rolle und was das alles für sie bedeutet, sondern über ihre Hochzeitsdiät.« Und Botox hier, Silikon da, Fett weg an noch anderer Stelle gehöre sowieso schon zur Normalität. Die Psychotherapeutin spricht von der »schönen, zurechtgeschnittenen Welt«.

Nach Angaben von Regine Brand gibt es derzeit etwa 8000 Essgestörte im Kreis Minden-Lübbecke. Auch mehr Männer hätten in den vergangenen Jahren Hilfe gesucht. »Aber die Dunkelziffer ist höher, ist ja ‘ne Frauenkrankheit, da gesteht man sich das nicht ein.« Eines der Grundprobleme sei die verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpers. Ursachen für die Erkrankung gebe es viele. Nicht nur, wie Gesellschaft und Medien das eigene Rollenverständnis prägten. Schwieriges familiäres Umfeld, Mobbing in der Schule, genetische Faktoren, Traumata, Stress durch Leistungsdruck oder auch Probleme in der Sozialisation generell, nennt Brand.

Ratsuchende finden weitere Informationen unter

netzwerk-essstörungen-mi-lk.de/

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