Prof. Dr. Nils Ewald hilft Intersexuellen mit Hormontherapien Manche erfahren es erst als Erwachsene

Lübbecke (WB). Im Ausweis ein drittes Geschlecht eintragen zu können, wie es das Bundesverfassungsgericht in dieser Woche gefordert hat – das ist nach Ansicht von Prof. Dr. Nils Ewald (40) die geringste Sorge der meisten intersexuellen Menschen.

Von Christian Althoff
Symbolbild.
Symbolbild. Foto: dpa

Prof. Ewald ist Endokrinologe, also Hormonspezialist, und Direktor der Klinik für Innere Medizin am Krankenhaus Lübbecke. »Viele Menschen wissen nicht, dass Intersexualität angeboren ist. Das ist nichts, für das sich jemand freiwillig entscheiden könnte.«

Es gebe zahlreiche Formen, sagt der Arzt. Manche  Babys hätten zwar  eindeutig  männliche oder weibliche Chromosomen, aber durch eine genetische Störung schon im Mutterleib hormonelle Probleme. Die führten zur Bildung von Genitalien, die dem anderen Geschlecht gehörten. Andere Babys hätten eine Mischung aus männlich-weiblichen Chromosomen und Fortpflanzungsorganen.

»Es kann sein, dass ein Säugling mit einer Klitoris zur Welt kommt, die so groß ist wie der Penis eines neugeborenen Jungen. Es kann aber auch sein, dass die äußeren Geschlechtsmerkmale völlig unauffällig sind, aber ein als Junge erscheinendes Baby weibliche genetische Anlagen hat.« Das werde dann oft erst in der Pubertät oder später erkannt.

Jedes 3000. bis 5000. Baby kommt intersexuell zur Welt

Früher hätten Ärzte bei Babys mit sichtbar unklarer Sexualität das Geschlecht ziemlich

Prof. Nils Ewald

bald chirurgisch festgelegt, und die Eltern hätten das Kind dann als Jungen oder Mädchen erzogen. »Das wird heute nicht mehr in jedem Fall so gemacht.« Vor einer Entscheidung, an der Eltern, Ethiker, Kinderärzte, Urologen und Psychologen mitwirken sollten, gebe es viel zu bedenken. »Man kann überlegen, ob man das Kind erst etwas älter werden lässt, um zu sehen, ob es eher wie ein Junge oder wie ein Mädchen aussieht und zu schauen, wie es sich fühlt.«

Manche Operationen seien aber unvermeidbar. »Wenn ein Kind nicht funktionierende Hoden im Unterleib hat, werden die oft entfernt, weil sie langfristig zu Krebs führen können«, sagt Prof. Ewald.

Die medizinische Literatur gehe davon aus, dass jedes 3000. bis 5000. Baby intersexuell zur Welt komme, sagt der Endokrinologe. »Häufig liegt das sogenannte Adrenogenitale Syndrom vor, das AGS. Es ist eine vererbte Stoffwechselkrankheit, die letztlich zur Überproduktion männlicher Geschlechtshormone schon im Mutterleib führt.«

Mädchen kämen mit einer penisähnlichen Klitoris zur Welt, hätten aber Eierstöcke. Jungen hätten ein normales Geschlechtsorgan. Die Jungen hätten viel Testosteron, gelteten aber nicht als intersexuell. »Kinder mit AGS wachsen schnell und kommen früh in die Pubertät, aber ihr Knochenwachstum endet oft eher, so dass sie dann kleiner bleiben als Altersgenossen.«

»So cool ist nicht jeder«

Es gebe viele Intersexuelle, die überhaupt keine auffälligen äußeren Merkmale hätten, sagt der Arzt. »Denen hat niemand als Kind angesehen, dass irgendetwas nicht stimmen könnte.« Diesen Menschen stehe er dann gegenüber, wenn sie zwischen 20 und 30 seien und keine Kinder bekommen könnten. »Wir finden dann heraus, dass sie zum Beispiel die Chromosomen des anderen Geschlechts haben. Es ist sehr schwer, solchen Patienten zu sagen, dass sie keine klassische Frau oder kein klassischer Mann sind, sondern etwas dazwischen. In so einem Fall empfehle ich jedem Patienten die Hilfe eines Psychologen.«

Man könne zwar einfach versuchen, so weiterzuleben wie bisher, »aber so cool ist nicht jeder, und das verstehe ich auch.« Möglicherweise gebe es künftig weniger Fälle, in denen Menschen erst als Erwachsene von ihrer Intersexualität erführen: »Seit einigen Jahren gehört nämlich ein Test auf AGS zu den Vorsorgeuntersuchungen für Kinder.«

Endokrinologen könnten Intersexuellen durch Hormontherapien helfen, sagt Nils Ewald. »Wir können zum Beispiel mäßigend eingreifen, wenn sich bei einem Menschen, der als Frau lebt, die Körperform Richtung Mann entwickelt.« Aber auch schon zu Beginn des Lebens sei eine Therapie möglich: »Wenn während der Schwangerschaft eine Intersexualität des Ungeborenen festgestellt wird, können wir oft mit Hormonen gegensteuern.«

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.