18-jähriger Flüchtling aus Bagdad hofft auf eine Ausbildungsstelle Hussein droht die Abschiebung

Lübbecke (WB). Einmal hat Hussein Mazen schon vor Publikum gespielt. Die Nettelstedter Konfirmanden kamen in den Genuss seines Klarinettenspiels – und hörten die Flüchtlingsgeschichte des 18-jährigen hörgeschädigten Irakers. Seit Anfang November übt er jeden Tag auf dem Instrument, so wie er jeden Tag Deutsch übt. An einem Montag Ende Januar kam sein Ablehnungsbescheid.

Von Kathrin Kröger
Bernd Porps von der Flüchtlingshilfe lernt hier zusammen mit Hussein. Derzeit besucht er einen Integrationskurs.
Bernd Porps von der Flüchtlingshilfe lernt hier zusammen mit Hussein. Derzeit besucht er einen Integrationskurs. Foto: Kathrin Kröger

Der sonst so fröhliche und optimistische Hussein, der mittlerweile ein Hörgerät trägt, war nach der schlimmen Nachricht total niedergeschlagen. Sogar den Klarinettenunterricht wollte er aufgeben. Dabei hatte er sich so sehr gewünscht – trotz seines Handicaps – ein Instrument zu erlernen.

Eine weitere große Leidenschaft von Hussein ist die Fotografie. Schon unzählige Male streifte der junge Mann mit seinem Rucksack durch die Gegend, immer auf der Suche nach einem interessanten Motiv. Als er davon erzählt, lachen seine Augen wieder und er zeigt ein paar seiner Bilder, die er in Blasheim, Bielefeld und Berlin gemacht hat.

Hussein besucht einen Integrationskurs

In Deutschland sah der 18-Jährige eine neue Perspektive, in Frieden zu leben und seine Träume zu verwirklichen. So wie auch seine Eltern und seine ein Jahr ältere Schwester Sarah, mit denen er seit August 2016 in Lübbecke wohnt.

Bis der Brief vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eintraf, genoss die aus Bagdad stammende Familie ein vorläufiges Aufenthaltsrecht. Gegen den Ablehnungsbescheid hat der Anwalt, mit dem die Flüchtlingshilfe in Lübbecke zusammenarbeitet, Klage eingereicht.

Bernd Porps, der Hussein und seine Familie kennt, sich ihrer annimmt, ist ebenso enttäuscht wie die Betroffenen selbst über die aktuelle Entwicklung. »Wir sind so ein reiches Land, warum kann man in solchen Fällen nicht großzügig sein?« Auch der 18-Jährige versteht die Welt nicht mehr. »Ich habe doch alles gemacht, was ich konnte. Und auch alles gut gemacht. Trotzdem bekomme ich keine Chance.« Er sei motiviert, besuche derzeit einen Integrationskurs in Minden.

Ständige Angst vor neuen Bomben

In seiner Heimatstadt hat der junge Mann Schlimmes erlebt, doch nach Auffassung des Bundesamtes gibt es dort keine Gefahr für Leib und Leben – auch eine Verfolgung existiere nicht, wie es heißt. Obwohl die Familie ausgeraubt und erpresst wurde, obwohl Hussein durch eine Autobombe verletzt wurde und wegen der Granatsplitter eine gravierende Hörschädigung davontrug, obwohl seine Großmutter bei dem Attentat starb.

Dass es in Bagdad gefährlich sei, Explosionen und Entführungen zum Alltag gehörten, hatte Husseins Vater bei der Anhörung in Bielefeld angegeben. Aber: Die Behörde erkennt zwar an, dass im Irak und speziell in Bagdad eine schlechte Sicherheitslage vorherrsche, argumentiert jedoch, dass zunächst inländische Schutzmöglichkeiten ausgeschöpft werden müssten.

Porps kann dies nicht nachvollziehen. »Allein die Hörbehinderung und die Kieferverletzung durch Bombensplitter, die ständige Angst vor neuen Bomben und Entführungen sind doch Grund genug, Schutz in einem friedlichen Land zu suchen.« Durch die Klage, die der Anwalt beim Verwaltungsgericht Minden eingereicht hat, sei nun erst mal etwas Zeit gewonnen. Diese müsse Hussein nun unbedingt nutzen.

Hussein bringt gute Voraussetzungen für eine Lehre mit

Das Ziel: eine Lehrstelle finden. Dann würde der Paragraf 60a des Aufenthaltsgesetzes greifen. Dies erlaubt die vorübergehende Aussetzung der Abschiebung, also Duldung, »wenn der Ausländer eine qualifizierte Berufsausbildung in einem staatlich anerkannten oder vergleichbar geregelten Ausbildungsberuf in Deutschland aufnimmt«.

»Der Junge ist schlau genug, bringt aus dem Irak auch eine entsprechende Bildung mit. Ich sehe gute Voraussetzungen für eine Ausbildung«, sagt Porps. Das Beste sei eine Tätigkeit, die Handwerk und Künstlerisches miteinander vereine. Hussein sei ein feinsinniger Mensch, das Ideal für ihn eine Lehre zum Fotografen.

Der engagierte Flüchtlingshelfer blickt mit gemischten Gefühlen auf die nächsten Wochen: »Ich hoffe, dass ein Richter erkennt, wie groß das Leid in der Familie durch eine Abschiebung wäre, ansonsten ist die Ausbildung die einzige Rettung.«

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