Friedliche Räumung der Notunterkunft an der Jahnstraße: Flüchtlinge werden in Bussen weggefahren Der Abschied aus Lübbecke

Lübbecke (WB). Am Mittwoch hatten sie noch an der St.-Andreas-Kirche gegen ihre Verlegung  protestiert , am Donnerstag kamen die Busse. Ein Großteil der Flüchtlinge aus der Notunterkunft an der Jahnstraße hat Donnerstagmorgen Lübbecke verlassen.

Von Kai Wessel
Abschied: Einrichtungsleiterin Elke Entgelmeier (links) verabschiedet eine Frau aus der Notunterkunft. Der junge Mann lächelt seiner im Bus sitzenden Freundin zu.
Abschied: Einrichtungsleiterin Elke Entgelmeier (links) verabschiedet eine Frau aus der Notunterkunft. Der junge Mann lächelt seiner im Bus sitzenden Freundin zu. Foto: Kai Wessel

Die Räumung der Notunterkunft verlief ohne Zwischenfälle. Am Mittwoch hatte Pfarrer Eckhard Struckmeier bis Mitternacht mit den Flüchtlingen über den bevorstehenden Transfer gesprochen. Auch Kreisdirektorin Cornelia Schöder war in die Lübbecker St.-Andreas-Kirche geeilt, um die Wogen zu glätten und das Vorgehen zu erklären: »Am Ende sind dann alle gegangen«, berichtete Pfarrer Struckmeier. Mit einigen Flüchtlingen sei noch über Härtefall-Lösungen gesprochen worden.

In der Nacht zu Donnerstag wurde eine schwangere Frau ins Wesling-Klinikum gebracht. Sie brachte dort ein Kind zur Welt. Der Vater des Kindes durfte gestern in Lübbecke bleiben.

Familie eines Neugeborenen durfte bleiben

Für viele andere ging es in drei bereitstehende Busse. Die Fahrt führte in Notunterkünfte nach Detmold, Borgentreich und Staumühle (bei Hövelhof). Von einer Verlegung ins Lager Ibbenbüren hatten die Behörden kurzfristig Abstand genommen.

Der Abschied von der vertrauten Umgebung und ihren Betreuern fiel einigen Flüchtlingen sichtlich schwer. Elke Entgelmeier von der Diakonie Salem – sie hatte die Notunterkunft geleitet – musste Trost spenden und Mut zusprechen.

Auch einige Ehrenamtliche bedauerten, dass Kontakte und mühsam aufgebautes Vertrauen mit der Abfahrt der Flüchtlinge nun hinfällig sind. »Ich werde Montas vermissen«, sagte Sozialarbeiter Matthias Bongartz vom Jugendzentrum Court 5. Der zehnjährige Junge aus einer Stadt im Norden des Iraks habe in den vergangenen Monaten in der DRK-Kleiderkammer geholfen: »Montas war immer besonders höflich«, sagt Bongartz. Wenn es seine Zeit zulasse, will der Sozialarbeiter den Jungen und seine Familie in Detmold besuchen.

Kreisdirektorin kam zum Abschied

Kreisdirektorin Cornelia Schöder verfolgte gestern die Abfahrt der Flüchtlinge an der Jahnstraße: Sie zog auch eine Bilanz der vergangenen Monate: »Als es hier losging, standen wir vor einer großen Herausforderung. Ich glaube, es ist insgesamt ganz positiv gelaufen.« Die zentrale Lage der Notunterkunft sei von Anfang an ein Vorteil gewesen.

Noch lange in Erinnerung werde ihr die Ankunft der Flüchtlinge bleiben: »Ich war damals überrascht, dass so viele Familien hier ankamen. Ich habe mich gefragt, wie sie es überhaupt bis hierhin geschafft haben.«

Einige Flüchtlinge verblieben am Donnerstag noch in der Notunterkunft. Sie sollen am Freitag ebenfalls per Bus umquartiert werden. Dann wird nach Informationen dieser Zeitung eine Unterkunft in Bad Driburg (Kreis Höxter) angesteuert.

Kommentar von Friederike Niemeyer

»Sollten die Flüchtlinge nicht einfach dankbar sein, dass Sie hier sicher vor Bomben und Verfolgung sind? Warum protestieren 150 von ihnen, gegen ihre Verlegung?« – Das mag so mancher Lübbecker über die Aktion der Asylbewerber am Mittwoch gedacht haben.

Flüchtlinge haben in der Andreaskirche ihre Transparente entrollt und gehofft, vielleicht doch noch in Lübbecke bleiben zu dürfen. Für den bürokratischen Akt, dass ihre Unterkunft erst geräumt werden muss, um wieder neu bezogen zu werden, haben sie kein Verständnis – und das ist in ihrer Situation auch nachvollziehbar.

Denn wer jetzt schimpft, sollte sich in die Lage der Flüchtlinge versetzen. Seit Monaten auf der Flucht, haben sie sich nun in Lübbecke eingelebt. In einer guten Notunterkunft, wie sie finden, aber eben in einem lagerähnlichen Provisorium. Sie wissen: Erst wenn sie einer Stadt zugewiesen und im regulären Asylverfahren angekommen sind, kann ein Stück Normalität für sie beginnen, können sie nach vorne blicken.

Deshalb wollen die Lübbecker Flüchtlinge nicht noch einmal nur an anderer Stelle zwischen Pritschen und Stellwänden leben. Das mögen wir als unangemessen empfinden, aber das ist menschlich und nicht undankbar.

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