Neue Führung erinnert an Lübbecker Frauen und ihre Leistungen Fast vergessene Stadtgeschichte

Lübbecke (WB). Wer kennt Agathe Stille, Anna Hadewig oder Emmy Zehden? Sie saßen nicht an den Hebeln der  Macht in Lübbecke und haben doch Bedeutendes geleistet: in der Armenfürsorge, in der Politik oder beim Schutz von Menschen vor der Nazi-Willkür. Die Lebensgeschichten dieser und weiterer Frauen aus Lübbecke haben jetzt Stadtmarketing, Stadtarchiv und Gleichstellungsstelle mit einer   Führung in Erinnerung gerufen. 

Von Friederike Niemeyer
Am Platz der Synagoge erinnert Margret Möller an die Rolle, die jüdische Frauen im gesellschaftlichen Leben Lübbeckes gespielt haben, etwa in Form des Israelitischen Frauenvereins.
Am Platz der Synagoge erinnert Margret Möller an die Rolle, die jüdische Frauen im gesellschaftlichen Leben Lübbeckes gespielt haben, etwa in Form des Israelitischen Frauenvereins. Foto: Friederike Niemeyer

Einen Blick für die lange verborgenen Leistungen von Frauen haben Historiker erst seit kurzem, insofern wundert es nicht, dass auch in der Lübbecker Geschichtsschreibung Frauen kaum vorkommen – langwierige Archivrecherchen waren notwendig, um diese neue Tour vorzubereiten. Aber das hat sich gelohnt. Die neue Führung bietet einen facetten- und lehrreichen Blick zurück in Zeiten, wo Frauen noch verboten werden konnte, sich Marktständen zu nähern (1915), oder in denen sie als Hexen denunziert und hingerichtet werden konnten (1639) – nicht nur für Frauen interessant.

Namensgeberinnen 

Zur Premiere begleitete etwa ein Dutzend Frauen (und ein Mann) Margret Möllering auf ihrem informativen Gang durch die Stadt. Die Teilnehmerinnen erfuhren unter anderem, was es mit den vier Lübbeckerinnen auf sich hat, die Namensgeberinnen von Lübbecker Straßen und Plätzen sind: Dr. Gretchen Holle, Emmy Zehden, Elisabeth Rusch und Agathe Stille. Dr. Gretchen Holle etwa hat die Stadtbücherei mit großem Einsatz aufgebaut und war die erste Leiterin. Margret Möllering berichtete, dass Holle der Stadt am Ende eine beträchtliche Summe vermachte – unter der Bedingung, dass eine Straße nach ihr benannt wird. »Das sorgte für Diskussionen, aber am Ende hat das Geld gesiegt«, berichtete die Stadtführerin.

Am Platz der Synagoge erinnerte Margret Möllering an den 1848 gegründeten Isralitischen Frauenverein, der sich mit einem relativ hohen Jahresetat (entsprechen heute 6500 Euro) der Wohltätigkeit widmete. Aus dem Kreis der jüdischen Bürger stammt auch die Kleiderfabrikanten-Tochter Hilde Ruben, die 1930 die erste Lübbeckerin war, die promovierte. »Aber auch vor dieser gelehrigen Frau machten die Nazis keinen Halt. Sie wanderte nach London aus, wo sie als Hausdame arbeitete«, berichtete Margret Möllering.

Dort, wo heute die Gänsemarkt-Apotheke steht, stand früher ein Mädchenpensionat. Agathe Stille hatte es im 19. Jahrhundertgegründet. Hier sollten junge Frauen etwas lernen, Hand- oder Näharbeiten. »Sie sah es als ihre Pflicht an, Armen zu helfen«, erzählte die Stadtführerin. Agathe Stille gilt außerdem als Gründerin der Kirche in Isenstedt. Zur Errichtung der Kirche stiftete sie 90 000 Mark, starb aber noch vor der Fertigstellung.

Wegen Wehrdienst-Zersetzung hingerichtet

Sogar in Berlin wird der 1900 in Lübbecke geborenen Emmy Zehden gedacht. Sie war Zeugin Jehovas und lehnte aus Glaubensgründen den Wehrdienst ab. Weil sie Verwandte, die ihren Wehrdienst nicht antreten wollten, versteckte, wurde sie selbst wegen Wehrdienst-Zersetzung angezeigt und schließlich 1943 hingerichtet.

Anna Haddewig, die an der Pfarrstraße lebte, war Näherin, Sozialdemokratin und 1927 die erste Frau im Lübbecker Stadtrat.
Elisabeth Rausch war Techniklehrerin mit Sinn fürs Praktische. Sie baute sich an der Osterstraße ein Wohlhaus, packte dabei selbst kräftig mit an. »Die Leute staunten«, berichtete Margret Möllering. Noch heute ein Begriff dagegen ist die wohl berühmteste Tochter der Stadt: Antje Vollmer. Die promovierte Theologin machte bei den Grünen Karriere und wurde sogar Bundestagsvizepräsidentin.

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