100 Tage im Amt: Hüllhorster Bürgermeister Michael Kasche im Interview
„Die Corona-Lage bremst uns leider aus“

Hüllhorst -

Der neue Hüllhorster Bürgermeister Michael Kasche (40, CDU) ist am Montag, 8. Februar, 100 Tage im Amt. Schwieriger als für alle Amtsinhaber zuvor gestaltete sich jedoch coronabedingt diese erste Phase als Gemeindeoberhaupt.

Montag, 08.02.2021, 11:15 Uhr aktualisiert: 08.02.2021, 11:20 Uhr
Michael Kasche zieht eine erste Bilanz als Bürgermeister der Gemeinde Hüllhorst. Foto: Gemeinde Hüllhorst

Mit WB-Redakteurin Kathrin Kröger hat Michael Kasche über seine bisherigen Erfahrungen, aber auch seine Vorhaben gesprochen.

 

Ihr Start als Bürgermeister war alles andere als einfach. Zum einen schlug die Wiedereinführung des Beigeordneten bereits im Vorfeld hohe Wellen, dann folgte die sich zuspitzende Corona-Entwicklung mit einer Inzidenz von mehr als 400 in Hüllhorst.

Michael Kasche: Beide Themen haben die letzten Monate nicht einfach gestaltet. Rückblickend auf die Wiedereinführung des Beigeordneten hat sich meine Einstellung nicht geändert. Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass unsere Verwaltung gut läuft. Eine Schwächung der Kämmerei über wahrscheinlich mehrere Monate mit der Suche nach qualifiziertem Ersatz können wir uns derzeit nicht leisten; schließlich wollen wir im März den Doppelhaushalt einbringen. Die hohen Inzidenzwerte haben auch die Gemeinde Hüllhorst schwer getroffen. Doch die letzten Tage haben gezeigt, dass wir gemeinsam und mit starkem Zusammenhalt die Lage wieder in den Griff bekommen. An dieser Stelle sei allen Bürgerinnen und Bürgern von ganzem Herzen gedankt.

Zur Corona-Lage: Die Baptisten haben ihre Präsenzgottesdienste unterbrochen. Hat sich die Brüdergemeinde der anhaltenden Kritik der Hüllhorster gebeugt oder haben sie diese Entscheidung getroffen aufgrund des hohen Inzidenz-Wertes der Kommune? Wie sehen Sie die Situation im Benediktuspark in Schnathorst?  

Kasche: Ich bin mir sicher, dass die Baptistengemeinde die Reaktionen vieler Bürgerinnen und Bürger wahrgenommen hat. Doch ich würde hier keineswegs von einem Beugen aufgrund anhaltender Kritik sprechen. Denn bundesweit zeigte sich bereits, dass gegenseitige Verdächtigungen und Schuldzuweisungen während dieser Pandemie keinen Fortschritt bieten. Dass dann in den vergangenen Wochen eine hohe Anzahl Covid-19-infizierter Personen im Benediktuspark auftrat, hat uns alle sehr überrascht und zutiefst berührt. Schließlich handelt es sich bei den Infizierten vor allem um die Personengruppe, die mit am gefährdetsten ist. An dieser Stelle sei allen Pflegekräften sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Benediktuspark gedankt, dass sie behutsam mit der Situation umgegangen sind. Ich zolle meinen vollen Respekt und Anerkennung für die Arbeiten in den Kranken- und Pflegeheimen.

Was hat die Gemeinde seit Beginn der Pandemie zur Eindämmung unternommen – wurden angesichts der hohen Inzidenz weitere Maßnahmen ergriffen? Wie gestaltet sich die Arbeit des Krisenstabes beziehungsweise die Zusammenarbeit mit dem Kreis?

Kasche: Wir als Kommune dürfen nicht eigenständig Maßnahmen vornehmen. Wir können dem Krisenstab des Kreises lediglich Vorschläge vorlegen, welche dann von dort mit dem Land besprochen werden. Nicht immer fällt dann die Entscheidung zu unserer Zufriedenheit aus. Unser Ordnungsamt führt regelmäßig Kontrollen mit Unterstützungsteams aus anderen Verwaltungsbereichen durch und leistet seit Monaten sehr gute Arbeit.

Wie fällt Ihre Bilanz generell zu den ersten 100 Tagen aus? Sie sagen: „Solide und generationengerechte Finanzen, erhebliche Investitionen in unsere Schulen und die Stärkung aller acht Ortschaften im Rahmen von Dorferneuerung und Städtebauprogramm liegen mir am Herzen.“

Kasche: Ich wünschte, ich könnte inzwischen deutlich konkretere Aussagen dazu treffen. Doch die Corona-Lage bremst uns leider massiv aus. Es konnten nur wenige Besprechungen und Sitzungen durchgeführt werden, sodass wir bisher nicht wie gewünscht vorankamen. Dennoch stehe ich weiterhin zu meinen Aussagen und stehe für die acht Ortsteile ein. Ziel ist, so schnell wie möglich einen guten Haushalt aufzustellen und die Zukunftsperspektiven aller acht Ortsteile aufzubauen. Aktuell bin ich in vielen Gesprächen bezüglich des Ärztehauses und auch in Sachen Mobilität in der Gemeinde unterwegs, und wir erhoffen uns zeitnahe Ergebnisse durch eine intensive Zusammenarbeit in der Verwaltung. Es gibt viele große Projekte, die dieses Jahr bevorstehen. Ich bin zuversichtlich, dass wir gute Ergebnisse erzielen werden.

Sie haben in Ihrem Wahlkampf sehr auf Präsenz in den sozialen Medien gesetzt und sind auch nach Ihrer Wahl dort sehr aktiv. Was treibt Sie dazu an und welche Resonanz gibt es?

Kasche: Aktuell bin ich auf Facebook, Instagram und sogar TikTok aktiv. Auch in meinem Podcast versuche ich, politische und für die Bürgerinnen und Bürger interessante, aber auch teils persönliche Themen zu erzählen. All dies zu bedienen, ist sehr zeitaufwendig, doch ganz allein bin ich damit Gott sei Dank nicht. Die bisherige Resonanz ist sehr gut. Politik und Verwaltung darf nicht nur hinter verschlossenen Türen stattfinden und soll nicht den Anschein erwecken, staubtrocken zu sein. Auch Spaß gehört dazu. Dieser kommt bei mir nicht zu kurz, wie man teils in meinen Videos sieht. Ich bin ein freudiger und spaßiger Mensch, der dies gerne teilt und auch ab und zu bei der Arbeit auslebt.

Die Schulen sind in der Pandemie vor eine besonders große Herausforderung gestellt. Wie läuft das digitale Lernen? Sind auch Kinder in sozial benachteiligten Familien mit Geräten ausgestattet?

Kasche: Es läuft auf jeden Fall schon besser als im ersten Lockdown. Doch es bestehen immer noch einige Probleme; von der Hardware bis zur Software. Das Land NRW hat Gelder zur Verfügung gestellt und es wurden auch viele Geräte bestellt, doch leider sorgt die enorm große Nachfrage für Auslieferungsverzögerungen. Innerhalb der nächsten Wochen werden nach und nach die neuen Geräte angeliefert, sodass, wenn nicht bereits geschehen, Geräte zur Ausleihung zur Verfügung gestellt werden. Mir ist bewusst, dass die Situation für Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, aber auch Eltern eine deutliche Mehrbelastung darstellt und uns allen muss bewusst sein, dass mit Eintreten des Präsenzunterrichts sowie dem Ende der Pandemie die Herausforderungen nicht verschwinden. Doch ich bin zuversichtlich, dass wir gemeinsam in der Gemeinde solche Herausforderungen stemmen werden.

Bleiben wir beim Thema Schule. Eine der großen Entscheidungen, die für die Gemeinde Hüllhorst anstehen, ist die etwaige Zusammenlegung von Grundschulstandorten. Wie ist Ihre Haltung in dieser Frage und wie ist der aktuelle Stand der Dinge?

Kasche: Bereits in der vergangenen Petition der Dorfgemeinschaft Büttendorf hatte ich mich persönlich für zwei bis drei Schulstandorte ausgesprochen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. In diesem Diskussions- und Entscheidungsfindungsprozess ist mir vor allem Transparenz wichtig. Es gibt unterschiedliche Sichtweisen darauf und das ist auch gut so. Doch allgemein ist es wichtig, dass wir eine Entscheidung zum Wohle der Gemeinde treffen. Hier sind vor allem die zukünftigen Eltern gefragt, die in den nächsten Jahren Nachwuchs planen. Denn ihre Kinder müssen mit der Lösung des Grundschulstandortes „klarkommen“. Mir ist wichtig, dass wir mit einer breiten Mehrheit eine zukunftsweisende Entscheidung für die Gemeinde Hüllhorst treffen. Ob diese Entscheidung letztlich meine persönliche, favorisierte Lösung beinhaltet, kann ich nicht sagen. Ich gebe mich mit jeder Entscheidung zufrieden, sofern sie zum Wohle und durch eine Mehrheit entstanden ist.

Was halten Sie von der Umfrage der Grünen zur Schuldebatte? Sind solche Alleingänge sinnvoll?

Kasche: Ich würde dies nicht als Alleingang diffamieren. Jede Partei möchte in dieser Thematik Klarheit und ein möglichst großes Meinungsbild schaffen. Sofern jede Partei ihre Ergebnisse und Auswertungen der kompletten Politik zur Verfügung stellt – und davon gehe ich bei der Umfrage der Grünen aus – ist dies weniger ein Alleingang, sondern mehr ein wichtiger Baustein. Auch wir von der CDU planen mit einer Informationstour durch alle Ortsteile, um jeden Bürger mitzunehmen und so letztlich der gesamten Politik ein breites Meinungsbild zu präsentieren. 

Sie haben im Wahlkampf gesagt, dass sich Ihrer Ansicht nach die Gemeinde im Stillstand befinde und etliche Dinge nur langsam vorankämen...

Kasche: Als ich noch Fraktionsvorsitzender war, konnte ich keine nennenswerten Entwicklungen feststellen, die in die Zukunft ausgerichtet waren. So möchte ich nun endlich bei der Schuldebatte Tempo machen und spätestens bis zum 31. Dezember 2021 eine Entscheidung haben, sodass wir zügig in die Planung gehen können. Auch beim Ärztehaus muss jetzt Tempo aufgenommen werden, weshalb ich seit meinem Amtsantritt in vielen Gesprächen mit Ärzten und Fachärzten bin. Leider geht die Tendenz vieler junger Ärzte in die Richtung, dass sie eher eine Anstellung anstreben, als sich selbstständig zu machen. Hier muss parteiübergreifend geschaut und vor allem entschieden werden, was die beste Lösung ist. Seien wir ehrlich: Welcher Partei wir auch angehören, wir alle werden älter und mit zunehmendem Alter steigt das Risiko für Erkrankungen; wir alle wollen dann eine bestmögliche, lokale, ärztliche Versorgung. 

Sie haben zudem einen schlechten Informationsfluss zwischen Verwaltung und Bürgern beklagt...

Kasche: Durch meine Social-Media-Auftritte konnte ich bereits viel erreichen. Ich scheue nicht davor zurück, auch in einen direkten Live-Austausch mit den Bürgerinnen und Bürgern zu treten. So war ich bereits einige Male „live“ auf Facebook und Instagram und strebe auch zeitnah wieder an, „live zu gehen“. Auch bei vielen der Social-Media-Diskussionen lese ich still mit, ohne direkt zu kommentieren. Doch die Personen können mich jederzeit direkt anschreiben oder um ein persönliches, telefonisches Gespräch bitten. Dies wurde in der Vergangenheit schon etliche Male angenommen. Verwaltung und Politik muss offen und transparent gestaltet werden, weshalb ich jeder Zeit erreichbar bin.

Wie weit ist die Verwaltung 2.0 gediehen? Die Rede war von einer einfachen, schnellen, unkomplizierten und bürgernahen Verwaltung. In diesem Zusammenhang sind ja auch etwaige Sparpotenziale in der Verwaltung zu sehen.

Kasche: Wenn all dies sofort, innerhalb der ersten drei Monate, klappen würde, dann könnte ich zaubern. Das ist eher ein Ziel meiner gesamten Wahlperiode. Die ersten Schritte wurden bereits getätigt, müssen aber noch erheblich ausgebaut werden. Um Synergieeffekte zu erreichen, bin ich bereits mit anderen Bürgermeistern der Region in Gesprächen, auch außerhalb des Kreises. Doch die aktuelle Situation bremst uns auch hier aus. 

Wann wird der Haushalt eingebracht? Welche Konsequenzen hat womöglich ein solch verspätet verabschiedeter Haushalt? Wird dieser ausgeglichen sein?

Kasche: Der erneute Doppelhaushalt (2021/2022) wird im März der Politik vorgestellt. Leider sorgten die Systemumstellung in der Finanzbuchhaltung sowie Probleme bei den Personalressourcen in der Finanzbuchhaltung und Kämmerei für Verzögerungen. Da der komplette „Corona-Schaden“ noch nicht erfasst ist, kann ich auch keine konkreten Angaben zum aktuellen Stand machen. Ziel soll allerdings ein guter, nachhaltiger Haushalt sein.

Wie weit ist der Klimaschutz in der Gemeinde gediehen? Konnte bereits ein geeigneter Klimaschutzmanager gefunden werden? Ab wann nimmt dieser seine Tätigkeit auf?

Kasche: Wir achten bereits bei jedem Bauvorhaben in der Gemeinde auf den Klimaschutz. Auch diverse Anträge zu Photovoltaikanlagen auf allen Gebäuden der Gemeinde und vieles mehr sind derzeit in Bearbeitung. Eine Klimamanagerin wurde im Januar gefunden und kann vielleicht schon im März ihre Arbeit aufnehmen.

Was kann und will die Gemeinde gegen die vermehrten Vandalismus-Vorfälle in Hüllhorst unternehmen?

Kasche: Die Gemeinde arbeitet sehr gut und eng mit der Polizeidirektion zusammen und es laufen derzeit Ermittlungen. Auch die Videokameras an öffentlichen Gebäuden und Plätzen werden zurzeit akribisch geprüft und es wird evaluiert, in welchem Umfang diese modernisiert werden. Es handelt sich bei den Tätern jedoch um eine sehr kleine Gruppe, die immer wieder in der Gemeinde Hüllhorst Vandalismus betreibt. Hier ist es wichtig, dass die Justiz auch durchgreift und bei der Verurteilung größere Strafen verteilt. Damit dies allerdings klappt, dürfen die Bürgerinnen und Bürger nicht davor zurückschrecken, auch bei der Polizei anzurufen, wenn sie Vandalismus sehen. Vor allem sollten sie nicht mit unterdrückter Nummer anrufen und ihren Namen nennen, sodass man bei Verurteilungen auf solche Aussagen zurückgreifen kann. Wichtig ist hervorzuheben, dass sich der Großteil der Jugendlichen vorbildlich verhält. Ich möchte die Gemeinde auch für die örtliche Jugend attraktiv gestalten. Um tolle Projekte zu starten, möchte ich die Jugendlichen auffordern, eine Ideenwerkstatt zu gründen und an künftigen Projekten mitzuwirken.

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