WESTFALEN-BLATT-Serie „Spuren der Vergangenheit in Oberbauerschaft“, Teil 2: Hebamme Anna Alhorn
„Häufig ging es um Leben und Tod“

Hüllhorst (WB) -

Hobby-Historikerin und Ahnenforscherin Christine Honermeyer widmet sich in ihrer Freizeit den Lebensläufen jener Menschen, die in ihrer Heimat Oberbauerschaft gelebt und gewirkt haben. Dazu gehört auch die Geschichte der Hebamme Anna Alhorn, die ab 1913 im Ort tätig war.

Mittwoch, 06.01.2021, 19:00 Uhr aktualisiert: 06.01.2021, 19:04 Uhr
Die 25-jährige Hebamme Anna Alhorn (rechts) im Jahre 1912 in ihrer Arbeitskleidung. Gleich nach ihrer Prüfung nahm sie ihre Tätigkeit in Oberbauerschaft auf. Foto: Sammlung Honermeyer

Anfang des Jahres schauen die Kommunen und Kreise zurück auf die Zahl der Geburten. Ist sie gestiegen oder gesunken? Auch das Neujahrsbaby kann sich der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit sicher sein. Die moderne Medizin ermöglicht heute eine wesentlich problemlosere Geburt als in früheren Zeiten, als zudem die Hausgeburt Gang und Gäbe war. Eine wichtige Rolle spielten schon immer die Hebammen, die während der Schwangerschaft, der Geburt und des Wochenbetts den Müttern hilfreich zur Seite stehen.

Der Begriff Hebamme kommt aus dem Althochdeutschen und bedeutet „Ahnin/Großmutter, die das Neugeborene aufhebt/hält“. Fachsprachlich wird die Hebamme auch Obstetrix genannt (von Lateinisch obstare, was „beistehen“ bedeutet). Einen der ältesten Frauenberufe ergriff auch Anna Alhorn, die ab 1913 als Hebamme in Oberbauerschaft tätig war. Christine Honermeyer von der Chronikgruppe Oberbauerschaft erinnert in den „Schätzen aus der Chronikgruppe“ an ihren Lebensweg, der 1887 begann und 1947 endete.

Immer wissbegierig, etwas Neues zu erfahren über die Menschen, die in ihrer Heimat Oberbauerschaft lebten und wirkten, stieß die Ahnenforscherin 2012 bei ihren Recherchen auf das Ehepaar Alhorn. Überdies erfuhr sie, dass die Frau Hebamme und der Mann Totengräber war. „Diese Mischung fand ich damals interessant. Sie holte die Menschen als Hebamme auf die Welt und er begegnete den Menschen, wenn sie die Erde wieder verließen“, erzählt Christine Honermeyer. Sie habe die Biografie aber erstmal nicht weiter verfolgt.

„2019 erfuhr ich dann von der Geschichte der überlebenden Zwillingsschwester, einer Tochter von Anna Alhorn, durch deren Patenkind Melissa. Sie hatte diese Geschichte um die Geburt der Zwillinge zu deren 100. Geburtstag (18. Juni 2019) bei Facebook gepostet und mir davon berichtet. Daraufhin habe ich die Enkeltochter Waltraud Hölscher besucht und sie hat mir Fotos und auch das Prüfungs-Zeugnis von Anna Alhorn zur Verfügung gestellt“, schildert Christine Honermeyer ihre Informationssuche, die sich wie so oft einem Puzzle gleich Stück für Stück zu einem Ganzen und somit zu der Geschichte über Anna Alhorn zusammenfügte. Als Quelle diente der Hobby-Historikerin neben besagten Gesprächen mit den Nachfahren auch das Kirchenbuch. 2020 habe sie dann den Hinweis bekommen, dass Anna Alhorn bereits direkt nach ihrer Prüfung in Oberbauerschaft als Hebamme angefangen habe.

Ihre Tätigkeit war keine leichte. „Ich weiß, dass es häufiger um Leben und Tod ging, weil die Hebamme auch mal Nottaufen vornehmen musste (diese wurden bei Lebensgefahr des Täuflings nicht von einem Geistlichen, sondern von einem Laien gespendet, Anm. d. Red.). In ihrem ersten Berufsjahr 1913 wurden in Oberbauerschaft 45 Kinder geboren. Drei der Kinder wurden am Tag der Geburt notgetauft, einmal ist notiert, dass die Hebamme Alhorn die Taufe durchgeführt habe. Auch sind 1913 Zwillinge geboren. Ich denke, das ist auch etwas Besonderes“, sagt Christine Honermeyer.

An dieser Stelle sei ihr Beitrag wiedergegeben: „Im Jahre 1910, am 18. März, gaben sich der Heuerling Heinrich Alhorn und die Zigarrenarbeiterin Anna Salzmann aus Wulferdingsen in der Kirche zu Oberbauerschaft das Jawort. Heinrich Alhorn war 1886 in Oberbauerschaft bei Nummer 2 (Holzmeier) geboren und arbeitete dort. Zwischen 1913 und 1917 hat er das Haus Oberbauerschaft Nummer 134 (heute Beendorfer Straße 8) gekauft und war Neubauer sprich Landwirt. Seine Frau Anna machte eine Ausbildung als Hebamme in Paderborn. Diese schloss sie am 19. September 1912 erfolgreich ab.

1913 wurde sie die neue Hebamme von Oberbauerschaft. In der Zeit von 1913 bis 1923 hat sie sechs Kinder geboren. Am 18. Juni 1919 gebar sie Zwillinge. Die kleinen Mädchen waren zu früh gekommen. Der herbeigerufene Arzt sagte ihr “das erledigt der Herrgott” und war schnell wieder verschwunden. Er sagte auch, sie solle sich keine Mühe machen, die Kleinen durchzubringen. Wenn Kinder so früh zur Welt kämen, würden sie blöd werden und wären nie normal. Aber welche Mutter gibt schon ihre Kinder auf? Sie versorgte die Mädchen selbst und legte sie an den einzigen Ofen im Haus – in eine warme Schublade. Das eine Mädchen, Luise, starb noch am selben Tag. Das andere, Marie, überlebte und hatte ein sehr langes, bewegtes Leben. Sie starb 2012 im Alter von 93 Jahren.

Ihre Mutter Anna Alhorn starb 1947 im Alter von 60 Jahren.

Heinrich Alhorn wurde im Jahre 1912 Mitglied der damals in Oberbauerschaft noch bestehenden Pflichtfeuerwehr. Später im Jahre 1924 kam es zur Gründung der heutigen Freiwilligen Feuerwehr. Dieser trat Heinrich Alhorn sofort bei und blieb ihr mehr als 50 Jahre treu verbunden. Später arbeitete Heinrich Alhorn auch als Totengräber. Er starb 1973 im Alter von 87 Jahren.

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass Katharine Thüner, geborene Bartelheim (1851-1920), zuvor die Hebamme in Oberbauerschaft war. Sie war bis Ende 1912 hier tätig. Ab wann, ist nicht bekannt. Sie kam 1871 durch ihre Heirat mit Friedrich Thüner (1849-1916) nach Oberbauerschaft.“ – Bisher sind in der Serie erschienen: Folge 1: die Vorstellung der Chronikgruppe .

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