Lehrerin Silke Horst berichtet von ihrem „etwas anderen“ Schulalltag in Corona-Zeiten
Unterricht auf Umwegen

Hüllhorst (WB). Der Stundenplan von Silke Horst sah am Dienstag vier Stunden Sport und zwei Stunden Englisch vor. Doch die Lehrerin am Wittekind-Gymnasium Lübbecke war weder in der Sporthalle noch im Klassenraum gefragt. Stattdessen saß die Hüllhorsterin im Home-Office – wie eigentlich immer in letzter Zeit.

Donnerstag, 07.05.2020, 07:26 Uhr aktualisiert: 07.05.2020, 07:30 Uhr
Home-Office statt Klassenraum: Silke Horst gestaltet ihren Unterricht derzeit von zu Hause aus. Den Bewertungsbogen hat die Lehrerin am Wittekind-Gymnasium schon griffbereit, die erledigten Hausaufgaben bekommt sie zugemailt. Foto: Alexander Grohmann

„Es gibt vom Land NRW für die Gymnasien noch keine konkreten Vorgaben, wie wir an den Schulen den weiteren Präsenzunterricht organisieren sollen (Stand 5. Mai/Anm. der Redaktion Red.)“, sagt die 46-Jährige, die der LÜBBECKER KREISZEITUNG einen Einblick in ihren grundlegend veränderten Schul-Alltag gegeben hat. Nur die Abiturienten hatten seit dem Ende Osterferien die Gelegenheit, sich mit ihren Lehrern zum Unterricht in kleinen Gruppen zu treffen. Ansonsten: leere Flure und Klassenräume.

Homeschooling bis Ende der Woche – und dann?

Dabei war am Städtischen Gymnasium alles für den Neustart vorbereitet. „Unsere Schulleitung hat für den 11. Jahrgang einen Stundenplan entwickelt, der sicherstellt, dass alle Fächer abgedeckt sind und die Schüler jeden Lehrer einmal pro Woche sehen“, berichtet Silke Horst. Weil die Politik aber noch keine weiteren Lockerungen beschlossen hat, ist die (Unterrichts-)Stunde der Wahrheit noch nicht gekommen. Bedeutet: „Diese Woche ist weiter Homeschooling angesagt.“

Gerade den Schulen wird in der Corona-Krise viel abverlangt. Schüler und Lehrer lernen dabei permanent dazu – und zwar, wie der „Unterricht auf Umwegen“ möglichst unkompliziert funktionieren kann. Es ist ein tägliches Herantasten, verbunden mit vielen Innovationen. Das geht gleich morgens los, wenn ­Silke Horst ihren Klassen – nun schon in der siebten „außerschulischen“ Lernwoche – über die Plattform „IServ“ die jeweiligen Aufgaben des Tages zukommen lässt.

Distanzlernen ist mit Disziplin auf beiden Seiten verbunden

Der Unterricht auf Distanz ist mit einigen Problemen verbunden – und kostet viel Zeit. Allein mit der Korrektur der vielen Foto- und Audiodateien, die die Oberstudienrätin von den Schülern der 11. Klasse erhält, ist sie pro Schüler zehn bis 15 Minuten beschäftigt. „Das ist dann reine Fleißarbeit“. Silke Horst unterstreicht in ihrem Fotoprogramm die Fehlerstellen, fügt Textfelder ein, malt Häkchen an den Rand und verschickt die bearbeitete Datei anschließend per E-Mail mit einem individuellen Kommentar.

Auch im Sportunterricht ist in dieser Phase Improvisation gefragt. „In der 6c hätte nach Ostern Leichtathletik auf dem Programm gestanden. Das kann man natürlich jetzt so nicht 1:1 durchführen.“ Horst hält ihre Schüler dennoch auf Trab: „Ich verstehe meine Aufgabe zurzeit darin, die Kinder regelmäßig zum Sporttreiben zu animieren.“ So musste eine Klasse am Dienstag anhand von konkreten Vorgaben ein Tabata-Workout zusammenstellen und durchführen.

Englisch-Hausaufgaben kommen auch mal als Audiodatei

Auch ihren Englisch-Unterricht versucht die Lehrerin aus der Ferne lebendig zu gestalten: So mussten ihre ­Q1-Schüler – neben einer schrift­lichen Analyse der „I have a dream“-Rede von Martin Luther King – eine Audiodatei auf „IServ“ hochladen, in der sie die Inhalte von drei kurzen YouTube-Filmen zur amerikanischen Bürgerrechtsbewegung mündlich und natürlich auf Englisch zusammenfassen und kommentieren sollten. Das kommt dem Alltag im Klassenraum schon ein bisschen näher, wenn man die Antwort schließlich auch mündlich vorträgt – allerdings von Angesicht zu Angesicht.

So tun sich immer wieder neue Möglichkeiten auf, um den Lernstoff möglichst zu transportieren. „Jeder Lehrer hat aber andere Herausforderungen zu bewältigen. Das Alter der Lerngruppe spielt eine große Rolle – und natürlich auch das Unterrichtsfach“, unterstreicht die Hüllhorsterin.

Ich bin begeistert, wie verantwortungsbewusst und engagiert die Schüler mitmachen.

Silke Horst, Lehrerin am Wittekinds-Gymnasium

Während Silke Horst 175 Schüler betreut, kommen manche Kollegen sogar auf mehr als 200. Diese Zahl macht deutlich, wie hoch der Aufwand beim Homeschooling ist. Zumal es entscheidend ist, alle Schüler gleichermaßen mitzunehmen. Das war auch das Ergebnis einer Evaluation, die das Gymnasium vor den Ferien durchgeführt hat. Neben Schülern und Lehrern kamen auch die Eltern zu Wort. Die Auswertung der Studie führte zu den Leitlinien, die die Schule für den „Corona-Unterricht Teil zwei“ aufgestellt hat. Ende der Woche folgt am Gymnasium dann die nächste Evaluierungsmaßnahme. „Da geht es darum, wo es noch Verbesserungspotenzial gibt.“

Silke Horst kann bislang Positives berichten: „Ich bin begeistert, wie verantwortungsbewusst und engagiert die Schüler mitmachen.“ Der virtuelle Unterricht sei aber mittelfristig „kein adäquater Ersatz“ für den Schulalltag, weiß die Lehrerin aus Leidenschaft. Die 46-Jährige hofft inständig darauf, dass „es im nächsten Schuljahr wieder einigermaßen normal weiter geht“ – und sie endlich wieder vor die Klasse treten kann.

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