Interview: Nach drei Monaten blickt Bürgermeister Henning Vieker auf einen ungewöhnlichen Start zurück
„Ich lerne jeden Tag dazu“

Espelkamp -

Dr. Henning Vieker ist seit drei Monaten Bürgermeister Espelkamps. Im Interview blickt er auf einen ungewöhnlichen Start in sein neues Amt zurück und wirft auch einen Blick voraus.

Montag, 01.02.2021, 22:43 Uhr aktualisiert: 01.02.2021, 22:50 Uhr
Der 38-jährige Henning Vieker ist seit knapp drei Monaten Bürgermeister und zieht eine erste vorsichtige Bilanz. Foto: Felix Quebbemann

Seit nunmehr drei Monaten ist Dr. Hennig Vieker Bürgermeister in Espelkamp. Seinen Start hätte er sich angesichts der Corona-Pandemie sicherlich anders gewünscht. Dennoch konnte der 38 Jahre junge Verwaltungschef in seiner bisherigen Amtszeit einige wichtige Weichen für die künftige Entwicklung der Stadt Espelkamp stellen. Im Gespräch mit WB-Redakteur Felix Quebbemann blickt der verheiratete zweifache Familienvater auf 90 ereignisreiche Tage zurück.

 

Wie haben Sie den Start als Bürgermeister erlebt?

Henning Vieker: Ich wurde gut aufgenommen von den Menschen, die hier in der Verwaltung arbeiten. Sie ziehen auch in der schwierigen Zeit mit. Als Bürgermeister ist man ja kein Einzelkämpfer. Es freut mich, dass es gut vorangeht. Der Rat hat sich ebenfalls gut konstituiert. Die Stimmung ist gut und man geht konstruktiv miteinander um. „Suche der Stadt Bestes“ – das hat bislang sehr gut funktioniert.

Was läuft anders unter dem Bürgermeister Dr. Henning Vieker?

Vieker: Ich glaube, es ist aufgefallen, dass ich einen anderen Stil habe als mein Vater (Heinrich Vieker, langjähriger Vorgänger von Henning Vieker, Anm. d. Red.). Bei der Bürgerkommunikation habe ich zum Beispiel andere Schwerpunkt gesetzt. Aber auch ich lerne jeden Tag sehr viel dazu. Und ich frage nach. Schließlich habe ich die Weisheit auch nicht mit Löffeln gefressen.

Die Breslauer Straße ist die beliebte Einkaufsstraße in Espelkamp.

Dr. Henning Vieker

Was steht bei Ihnen auf der To-Do-Liste ganz oben?

Vieker: Viele Dinge, die ich noch vorhabe, sind derzeit nicht machbar. Die Feuerwehren und die Wasserversorgung der Stadt hätte ich zum Beispiel in ‚normalen Zeiten‘ häufig besucht. Das muss aufgeschoben werden.

Was hat es mit der Gründung der Stadtentwicklungsgesellschaft auf sich?

Vieker: Das hat mit dem Adient-Gelände (leerstehendes Industriegelände in der Innenstadt, Anm. d. Red.) zu tun. Der Weg in die Gesellschaft hat steuerliche Vorteile. Im Moment ist diese Gesellschaft nur für das Adient-Gelände da. Thorsten Blauert und Björn Horstmeier haben viel Zeit und Energie in das Projekt gesteckt.

Wie sehen Sie die Zukunft der Breslauer Straße?

Vieker: Die Breslauer Straße ist die beliebte Einkaufsstraße in Espelkamp. Das soll sie auch bleiben und vielleicht sogar noch mehr. Mit dem neuen Ostlandpark, der Breslauer Straße und dem Adient-Gelände haben wir ein gewaltiges Entwicklungspotenzial. Die Breslauer kann auch als Platz des Verweilens und für Begegnungen genutzt werden. Das zeigt sich ja bereits. Die Spielplätze auf dem Grünanger werden gut genutzt. Man darf die Breslauer Straße aber nicht losgelöst betrachten. Sie muss im Gesamtkonzept gesehen werden, auch im Zusammenhang mit den Dörfern. Wo wollen wir in 15 bis 20 Jahren hin? Das ist meine Vorstellung. Da diskutieren wir aber noch ein bisschen über den richtigen Weg. Diese Diskussion soll nicht nur mit der Politik sondern mit allen Bürgern geführt werden. Dafür muss man sich aber auch persönlich treffen, denn am Ende muss man sich in die Augen schauen. Die digitalen Möglichkeiten sind gut, um mit Menschen in Kontakt zu kommen, die man sozial sonst nicht erreicht. Wenn man sich aber gegenübersteht, bekommt man ein umfassendes Bild.

Das ist die Chance, und diese Chance muss man nutzen.

Dr. Henning Vieker

Wie bewerten Sie die Entwicklung des Einzelhandels in der Breslauer Straße?

Vieker: Die Einzelhandelslandschaft ist im Wandel. Die Corona-Pandemie dient da nur als Brennglas. Ich glaube, der Einzelhandel sieht in 20 Jahren anders aus. Mit den beiden Vierteln Ostlandpark und Adient holen wir aber Kaufkraft in die Nähe der Breslauer Straße. Das ist die Chance, und diese Chance muss man nutzen. Das geht aber nicht sofort. Ich kann nicht schnipsen und habe ein fertiges Konzept zur Belebung der Innenstädte in der Tasche. An laufenden Themen wie dem ehemaligen Combi-Markt sind wir dran. Wir betreiben aber die Geschäfte nicht. Es geht daher auch um die Aufgabe, die Menschen zusammenzuführen und zu schauen, dass Potenzial da ist. Hybrid-Läden (Geschäfte, in denen Bestellungen sowohl offline vor Ort wie auch online übers Netz vorgenommen werden können, Anm. d. Red.) werden im Einzelhandel zunehmen.

Breslauer Straße in Espelkamp

Breslauer Straße in Espelkamp Foto: Felix Quebbemann

Die weitere Zusammenführung der Dörfer mit der Kernstadt ist sicherlich auch ein Ziel?

Vieker: Das ist mein Wunsch. In diesen Zeiten ist dies aber nicht so einfach. Leider sind Dinge wie die Fortführung der Zuhör-Tour, die ich noch vorhabe, derzeit nicht machbar. Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben.

Die Stadt ist grundsätzlich gut aufgestellt.

Dr. Henning Vieker

Vor einigen Wochen wurde der erste Haushaltsplan unter Ihrer Verwaltungsleitung eingebracht. Wie beurteilen Sie das Werk?

Vieker: Ich glaube, die Stadt Espelkamp ist grundsätzlich gut aufgestellt. Es wurde gut gearbeitet. Durch Förderungen von Land und Bund sieht es für dieses Jahr gut aus und für das nächste Jahr bin ich verhalten optimistisch. Wir senden die richtigen Signale. Der Haushalt ist ein Signal des Aufbruchs. Wir investieren in Kultur und Infrastruktur. Es sollte uns gelingen, dass wir gut durch Krise kommen.

Wie sehen Sie den digitalen Ausbau in Espelkamp?

Vieker: Was die Digitalisierung der Schulen angeht, geht es gut voran. Bei der Breitbandanbindung haben wir aber auch den Bereich außerhalb des Masterplans im Auge. Es bleibt eines der wichtigsten Ziele, das schnelle Internet für ganz Espelkamp zur Verfügung zu stellen.

Da sind wir auch Vorreiter.

Dr. Henning Vieker

Der Klimaschutz in Espelkamp ist sicherlich auch ein bedeutendes Thema?

Vieker: Das Fernwärmeprogramm ist das Herausstechendeste, weil es eine Menge bringt. Da wird die Stadt gemeinsam mit der Aufbaugemeinschaft und den Stadtwerken AöR weiter vorangehen. Da sind wir auch Vorreiter. Dass wir auch im Bereich der Mobilität mehr erreichen wollen, ist klar. Das Sachgebiet Mobilität und der strukturelle Aufbau läuft ja gerade erst an. Das sind die Herausforderungen des Jahres. In diesem Jahr stellen wir einen Klimamanager ein. Der Förderantrag dafür ist gestellt. Zudem haben wir ein Klimaschutzkonzept.

Wie sieht es mit der Bereitstellung von E-Zapfsäulen aus?

Vieker: Wir werden weitere Lademöglichkeiten auf dem Parkdeck am Rathaus schaffen. Dann haben wir insgesamt sechs Ladestationen. Großartig finde ich, wie viele Espelkamper Unternehmen sich in der E-Mobilität engagieren. Es stimmt mich optimistisch, dass unsere Firmen in dem Bereich engagiert unterwegs sind.

Die Espelkamper Unternehmen sehen die Coronakrise eher als Delle denn als Talfahrt.

Dr. Henning Vieker

Haben Sie einen Eindruck von der Stimmung in den Unternehmen?

Vieker: Die Espelkamper Unternehmer hat es immer ausgezeichnet, dass sie das Glas halbvoll sehen. Sie sehen die Chance und nutzen sie dann auch. Wir als Stadt können dabei unterstützen und wir versuchen auch in diesem Jahr, eine ganze Menge an Bauvorhaben umzusetzen. Die Espelkamper Unternehmen sehen die Coronakrise eher als Delle denn als Talfahrt.Einen Satz zu den Dörfern will ich auch noch sagen. Dort läuft einiges. Zum Beispiel der Bau des Vehlager Dorfplatzes. In Gestringen steht der Neubau der Kindertagesstätte und der Feuerwehr an, in der Altgemeinde die Sporthalle. Das neue Feuerwehrgerätehaus in Fabbenstedt ist gerade an den Start gegangen. Mit Blick noch einmal auf die Innenstadt – beim Neubau des Freibades und der Stadtsporthalle passiert auch richtig was.

Zu guter Letzt noch eine Einschätzung zur Corona-Lage in Espelkamp.

Vieker: Die allermeisten Menschen in Espelkamp halten sich an die Vorgaben und sind sehr besonnen. Es liegt noch ein guter Weg vor uns. Haltet durch.

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