Espelkamper Fußspuren: Günter Bünemann berichtet über die Geschichte der Alten Klus
Eine Kapelle, die es in sich hat

Frotheim -

Die Frotheimer Klus hat eine bewegte Geschichte hinter sich. In unserer Serie „Espelkamper Fußspuren“ blickt Günter Bünemann auf die Historie der kleinen Kapelle zurück – und die hat es in sich.

Montag, 11.01.2021, 18:50 Uhr
Die Frotheimer Kapelle ist das Wahrzeichen des Ortes und wird daher natürlich auch gerne als Fotomotiv ausgesucht. Foto: Felix Quebbemann

Ein Raunen geht durch die versammelte Bauernschaft. „Niemals“, ruft der Colon Steinmann und blickt sich zu seinen Mitstreitern um. „Die Klus gehört in die Stelleriege.“

Erneut gibt es ein Raunen, das die Grundfesten der Frotheimer Schule beinahe zum Erzittern bringt. „So hören Sie doch“, beginnt Vorsteher Schweppe. Doch er kann den Unmut der Bauern nicht zügeln. Wortgefechte entfachen sich zwischen Befürwortern und Gegnern des Baus der Frotheimer Klus. Die Versammlungsteilnehmer geraten aneinander. So oder so ähnlich könnte es in den Jahren rund um 1818, dem Einweihungsjahr der Frotheimer Klus, zugegangen sein. Es kam auch schon mal vor, dass die ein oder andere Versammlung mit einer im wahrsten Sinne des Wortes faustdicken Überraschung auseinander ging.

Günter Bünemann, Ortsheimatpfleger in Frotheim, hat sich mit der Entstehung der Klus und ihrer Geschichte intensiv auseinandergesetzt. Im Jahr 2018 feierte das altehrwürdige Gebäude, das heute als Wahrzeichen Frotheims gilt, seinen 200. Geburtstag. Und es ist keine Selbstverständlichkeit, dass das Gebäude heute immer noch steht. Eigentlich ist es noch nicht einmal eine Selbstverständlichkeit, dass die Klus überhaupt gebaut wurde.

Der Wille der Frotheimer zum Bau der Kapelle war groß. Aber woher nur sollten die 1122 Reichstaler, vier Groschen und vier Pfennige kommen, die zum Bau notwendig waren? Es musste gesammelt werden. Klinken – oder besser Holzgriffe – wurden geputzt, um das Geld aufzutreiben.

In der Stelleriege trafen die Sammler jedoch vorwiegend auf Ablehnung. Die dortigen Bauern wollten die Klus in der Nähe der Stellerieger Schule haben und nicht „im Dorpe“.

Da bissen sie jedoch bei der Mehrheit der Frotheimer auf Granit. Mit einer finanziellen Kraftanstrengung wurde das Geld für den Bau aufgebracht. Unter anderem musste die arme Bauernschaft zwei Darlehen aufnehmen.

Nun konnte es losgehen. Aber was heißt eigentlich losgehen? Es ging ja eigentlich schon Anfang des 19. Jahrhundert los. Holz wurde geschlagen und bearbeitet. Eine Genehmigung für den Bau – warum? Der Plan war, die Klus komplett aus Eigenmitteln zu finanzieren. Es solle schließlich zügig gehen. Man wollte zum einen den älteren Bürgern den Fußmarsch durch das Moor bis nach Gehlenbeck ersparen. Dort stand die nächste Kirche. Auch der Gang bis nach Isenstedt war kein Zuckerschlecken. Und die pfiffigen Frotheimer wussten, dass es mit dem Bau einer Kapelle ebenfalls möglich war, einen eigenen Friedhof anzulegen. Also ran an die Arbeit.

Aber die Behörden – wegen der fehlenden Genehmigung – und die Napoleonischen Kriege machten einen Strich durch die Rechnung. Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben. Im Jahr 1818 stand das Gebäude endlich und wurde am 9. August eingeweiht. Selbst die Stellerieger Bauern nickten im Anschluss zustimmend. Auch wenn der eingeschaltete Landrat mit seinem Schiedsspruch für das nicht ganz freiwillige Nicken gesorgt hat. Der Landrat entschied nämlich, dass alle Frotheimer sich an den Kommunalabgaben zur Finanzierung der Klus beteiligen mussten.

Nicht ganz unglücklich dürfte auch Lehrer Detering gewesen sein. Nun konnten Versammlungen auch in der Kapelle abgehalten werden. Und da hat der ein oder andere sicherlich etwas mehr Respekt vor dem „heiligen Mobiliar“ als vor den Tischen und Stühlen der Schule. Bünemann sagt dazu: „Bei den Versammlungen gab es auch Unordnung und Schlägereien.“ Die handfesten Auseinandersetzungen sollten nun in der Klus befriedet werden.

Wer einmal in den nicht gerade gemütlichen Bänken Platz genommen hat, kann sich das gar nicht so richtig vorstellen. Sorgen doch die Bänke schon für etwas – na, sagen wir Missmut. Die Bänke sollen laut Bünemann absichtlich unkomfortabel ausgestaltet worden sein. So habe man verhindern wollen, dass die schwer schuftenden Bauern nach der Landarbeit im Gottesdienst einschlummerten.

„Der Friedhof an der Klus wurde 1842 angelegt“, erläutert Bünemann. Er blättert in seinen Dokumenten und stößt auf viele unerklärliche Dinge, die es in der Klus-Historie gegeben hat. Da ist zum Beispiel die Glocke. Sie war für den Tagesablauf in der Bauerschaft Frotheim ein unerlässlicher Taktgeber. „Drei Mal täglich wurde sie geläutet – um 7, 12 und 18 Uhr“, erklärt Bünemann. Dann wurden die Pferde entweder an- oder abgespannt sowie Mittagspause gemacht.

Auch wurde geläutet, wenn es einen Todesfall im Dorf gab oder der Gottesdienst anstand. Bei stürmischem Läuten wussten die Frotheimer: „Es brennt.“ Sofort ließen sie ihre Feldarbeit stehen und liegen und rannten los – immer dem aufsteigenden Rauch entgegen.

„Die Glocke wurde 1790 aus Bückeburg geholt – für 47 Reichstaler“, sagt Bünemann. Während des Zweiten Weltkrieges sollte sie eigentlich eingeschmolzen werden. „Aber sie war wohl zu klein“, mutmaßt der Ortsvorsteher.

Wo übrigens die Glocke vor 1818 hing, ist nicht genau überliefert. Denkbar ist, dass sie an einem frei stehenden Glockenturm gehangen hat.

Hingegen wusste jeder Frotheimer genau, zu Zeiten von Leichenbestatter und Glockenläuter Anton Bünemann und seiner Frau Caroline, wer gerade an der Schnur der Glocke zieht. Während Anton das Läuten eher lästig war und daher kaum gleichmäßig an der Schnur zog, konnte man beim Geläut durch Caroline sicher sein, dass die Glocke sich beim kräftigen, gleichmäßigen Zug nie besser angehört hat – auch wenn die Zugglocke die sehr zierlich gebaute Caroline sicherlich einige Male mit in die Höhe gehoben hat. So manchem Frotheimer huschte ob dieser komödiantischen Einlage ein Lächeln über das Gesicht.

Nachdem die Friedhofskapelle gebaut wurde, fand die Glocke dort ein neues Zuhause. Die Klus jedoch verfiel in den 1960-er und 70-er Jahren zusehends. Von der Volksschule, in der die Glocke im Anschluss untergebracht wurde, kam sie 2005 endlich wieder zurück an ihren angestammten Platz – in die renovierte Alte Klus, wenn auch jetzt nicht mehr hängend.

 

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