Dr.-Max-Ilgner-Straße in Espelkamp: Gerhard Pollheide drängt auf eine Entscheidung zur Umbenennung
„Es ist Gefahr im Verzug“

Espelkamp (WB/fq) -

Bereits im vergangenen Jahr forderte Maler und Schriftsteller Gerhard Pollheide, dass die Dr.-Max-Ilgner-Straße umbenannt wird. Geschehen ist bis jetzt nicht viel. Nun wiederholt der gebürtige Espelkamper seine Forderung.

Montag, 04.01.2021, 19:15 Uhr aktualisiert: 05.01.2021, 10:18 Uhr
Die Dr.-Max-Ilgner-Straße in Espelkamp soll umbenannt werden. So fordern es Gerhard Pollheide und Andreas Sültrup. Foto: Felix Quebbemann

Anfang des vergangenen Jahres hat Gerhard Pollheide einen Bürgerantrag gestellt zur Umbenennung der Dr.-Max-Ilgner-Straße. Diese Thematik wurde seinerzeit am 17. Juni im Hauptausschuss behandelt. Dort wurde bei einer Enthaltung dafür gestimmt, dass sich der Geschichtskreis mit der Thematik Namensgebung beschäftigt – seitdem jedoch ist das Thema in den Gremien nicht mehr angesprochen worden.

Dr. Max Ilgner (rechts, mit Pastor Birger Forell) ist ein verurteilter Kriegsverbrecher des Zweiten Weltkrieges.

Dr. Max Ilgner (rechts, mit Pastor Birger Forell) ist ein verurteilter Kriegsverbrecher des Zweiten Weltkrieges.

Bei Dr. Max Ilgner handelt es sich um einen verurteilen Kriegsverbrecher des Zweiten Weltkrieges, der ab dem Jahr 1948 beim Aufbau Espelkamps mitgeholfen hat.

Der Maler und Schriftsteller Gerhard Pollheide hat nun in einem Schreiben an die Dringlichkeit des Themas erinnert. Das Schreiben, das der Redaktion vorliegt, entstammt einem Schriftverkehr mit Bürgermeister Henning Vieker. Dessen Antwort stellte Pollheide, der in Isenstedt geboren wurde und viele Jahre in Espelkamp gelebt hat, nicht zufrieden. Daher fordert Pollheide nun öffentlich die Verwaltung und den Bürgermeister auf: „Ich bitte Sie hiermit erneut..., tätig zu werden, denn es ist Gefahr in Verzug.“

Er sei mit dieser Stadt verbunden, so Pollheide. „Daher kann, will und werde ich es nicht dulden, dass meine Stadt Espelkamp dem Nazi-Verbrecher Dr. Max Ilgner durch eine Straße, die seinen Namen trägt, huldigt und Ehre erweist.“

Pollheide schreibt weiter, dies sei „mit das Verabscheuungswürdigste, was die Stadt Espelkamp damit den vielen jüdischen Menschen, die in den Konzentrationslagern starben, antut. Ihnen und den heute in Deutschland lebenden Juden wird mit solch einer Handlungsweise die Würde genommen.“

Bürgermeister Henning Vieker betonte in seiner Antwort auf das erste Schreiben Pollheides (der Schriftverkehr liegt der Redaktion ebenfalls vor), dass es derzeit mit der Corona-Pandemie dringlichere Themen gäbe. Pollheide sieht dies zwar ein und schreibt, dass die Pandemielage schlimm sei. Aber er betont, dass der Antisemitismus in Deutschland wieder auf dem Vormarsch sei. „Daher ist eine besondere Dringlichkeit gegeben, den Straßennamen Dr. Max Ilgner ein für alle Mal aus Espelkamp zu verbannen.“

Pollheide betont: „Wer das auf die lange Bank schiebt, nimmt sehenden Auges in Kauf, dass er damit dem Antisemitismus und den Nazis ein weiteres Stück Legitimation verschafft. Und diese den Nazis gegebene Legitimation wird zu weiteren Verbrechen, zu weiterem Antisemitismus, zu weiteren Anschlägen und zu weiteren Toten führen. Ich weiß nicht, ob Sie das als Bürgermeister verantworten können und wollen.“

Pollheide fordert Vieker auf, noch in diesem oder im nächsten Monat bei dem betreffenden Straßennamen Klarheit zu schaffen. Für den Fall, dass dies nicht geschehe, kündigt Pollheide an, „unverzüglich weitere Verbündete in mein Boot zu holen.“

Ein „Verbündeter“ Pollheides hat sich bereits zu Wort gemeldet. Der Grünen-Politiker und langjährige Ratsherr Andreas Sültrup teilt in einer Stellungnahme mit, dass es gerade in Zeiten von Corona wichtig sei, Aufgaben zu delegieren. Dies sei eine sinnvolle Arbeitserleichterung – „auf jeden Fall besser, als Themen einfach auszusitzen oder unter den Teppich zu kehren“.

Andreas Sültrup, Grünen-Politiker und langjähriger Ratsherr.

Andreas Sültrup, Grünen-Politiker und langjähriger Ratsherr. Foto: Arndt Hoppe

Die Delegierung des Themas „Dr.-Max-Ilgner-Straße“ an den Geschichtskreis sei sinnvoll gewesen, um letztlich alle Namen von Straßen und Plätzen in der Stadt einer historischen Prüfung zu unterziehen.

„Wir alle wissen durch Filme, Bücher und Dokumentationen, dass in Deutschland nach dem 8. Mai 1945 nicht nur Widerstandskämpfer und Menschen, die scheinbar überhaupt nichts von der Ausrottung von Volks- und Religionsgruppen mitbekommen haben, übrig geblieben sind.

Viele hochrangige Nationalsozialisten und andere, die unmittelbar und mittelbar an diesen Taten beteiligt waren, versuchten – vielfach erfolgreich – zu fliehen, ihren Lebenslauf reinzuwaschen oder ihre Mitschuld kleinzureden.“

Auch Espelkamp sei nicht von „Heiligen“ gegründet worden und „mit eine der unrühmlichsten Vorgeschichten hat wohl Dr. Max Ilgner als Vorstandsmitglied der I.G. Farben. Diese hat nicht nur die überfallenen Länder ausgeplündert, sondern ist auch für die Herstellung von Zyklon B und die Errichtung eines eigenen Konzentrationslagers in Auschwitz verantwortlich“, betont Sültrup weiter.

Neben den Flüchtlingen, die nach dem Krieg in Espelkamp gelandet seien, hätten auch die Angehörigen der vielen Ermordeten ein Anrecht darauf, „dass nicht ehemals führende Nationalsozialisten mit Straßennamen geehrt werden“, betont Sültrup.

Christel Senckel (ehemalige Ratsfrau und Mitglied im Geschichtskreis; Anm. d. Red.) habe in der vergangenen Legislaturperiode die Aufgabe mit in den Geschichtskreis genommen, vorbehaltlos und unter Einbeziehung aller Quellen die Lebensgeschichte der Namensgeber für die Straßen und Plätze noch einmal zu bewerten, sagt Sültrup. „Die jetzige Zeit bietet sich hervorragend dazu an“, schließt der Grünen-Politiker.

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