Neues Theater eröffnet Spielzeit mit Familienkomödie über Flüchtlingshilfe
Familie Hartmann im Stress-Test

Espelkamp (WB). Corona-Pandemie, Moria-Flüchtlingscamp und der allgemeine Familienwahnsinn – dass alles passt in die aktuelle Theater-Adaption des Films „Willkommen bei den Hartmanns“ von Simon Verhoeven. Das Neue Theater in Espelkamp präsentierte die Komödie von Michael Bleiziffer als Nachholtermin zum Auftakt der neuen Spielzeit.

Montag, 05.10.2020, 06:00 Uhr aktualisiert: 05.10.2020, 06:02 Uhr
Auch auf der Bühne wurden Corona-Schutzmasken angelegt, wenn der Sicherheitsabstand nicht eingehalten werden konnte. Die Familie ist besorgt, als Richard Hartmann (Steffen Gräbner) einen Zusammenbruch erleidet (von links): Angelikas Freundin Heike (Julia Ledwoch), Angelika Hartmann (Antje Lewald), Sohn Philipp (Marc-Andree Bartelt), Diallo Makabouri (Derek Nowak) und Sophie (Caroline Klütsch). Foto: Eva Rahe

Den Hartmanns geht es gut. Die Kinder sind aus dem Haus, Herr und Frau Hartmann haben eine erfolgreiche Karriere hinter sich und man könnte nun dem wohlverdienten Ruhestand entgegen blicken. Wenn da nicht eine gewisse Lehrstelle wäre. Nicht zu verwechseln mit einer Leerstelle.

Sozial sinnvolles Projekt

Die pensionierte Schuldirektorin Angelika Hartmann (Antje Lewald), genannt Geli, sucht nach einem „sozial sinnvollem“ Projekt. Schnell steht ihr Entschluss fest, sie will einen Flüchtling bei sich aufnehmen. Darauf reagieren die Familienmitglieder unterschiedlich. Ihr Mann Richard (Steffen Gräbner), ein passionierter Kniespezialist mit Angst vorm Altwerden, ist entsetzt. Sohn Philipp (Marc-Andree Bartelts), Workaholic und ständig in Asien unterwegs, geht das Ganze theoretisch an und Enkelsohn Basti (Fabian Bleiziffer, aus dem Off zu hören) fragt lakonisch: „Macht ihr ein Casting?“ Nur Tochter Sophie (Caroline Klütsch), Dauerstudentin und in einem ständigen Clinch mit Vater Richard, findet die Idee großartig.

Geli setzt sich gegen alle Einwände ihres Ehegatten durch und nimmt den Nigerianer Diallo Makabouri (Derek Nowak) bei sich auf. Und natürlich wirft dies das Familienleben der Hartmanns ordentlich durcheinander. Kulturelle Werte prallen aufeinander und rütteln an der heilen Familienwerten. Aber die Hartmanns raufen sich zusammen. Auch wenn eine Trennung zwischen Geli und Richard unausweichlich wird, verfolgen sie gemeinsam ein Ziel, nämlich die Aufenthaltsgenehmigung für „ihren“ Flüchtling Diallo zu erreichen.

Treibende Kraft

Die Hartmanns sind auf ihre Art typisch deutsch: Übersättigt vom Wohlstand, gelangweilt und ständig auf der Suche nach einem neuen Projekt. Dabei beweisen sie aber ihr gutes Herz. Geli ist die treibende Kraft. Sie setzt sich für die gute Tat ein. In einer Schlüsselszene erklärt sie: „Wir sind heute hier zusammen. Gesund. Und dafür sollten wir dankbar sein. Wir wollen in die Zukunft schauen. Ich möchte euch etwas sagen, was die Zukunft angeht. Ich habe mich entschlossen, einen Flüchtling aufzunehmen.“

Damit ist das Publikum mitten drin in der aktuellen Flüchtlingsdiskussion. Denn die Geschichte, die auf den Geschehnissen von 2015 und Merkels markantem Satz „Wir schaffen das!“ basiert, ist heute aktueller denn je. Und das zeigt das Stück in verschiedenen plakativen Szenen. Ob das nun das betroffene Schauen im Corona-Sicherheitsabstand mit Maske ist, als Vater Richard plötzlich einen Zusammenbruch erleidet, das Demonstrieren eines rechten Mobs mit Fackelzug oder die Diskussionen über das Grauen im Flüchtlingscamp Moria. Die Ereignisse der vergangenen Monate finden in der Adaption von Michael Bleiziffer ihren Platz.

Starkes Ensemble

Das Ensemble hat die vergangenen Monate der Spielzeit-Zwangspause gut genutzt, um das Stück auf den aktuellsten Stand zu bringen. Und das ist gut so. So gelingt dem Ensemble eine Komödie, die absolut am Puls der Zeit ist. Stark ist die Darstellung des ganzen Ensembles bis in die Nebenrollen, besonders erwähnenswert dabei Peter Clös, der in acht Rollen schlüpft. Schnelle Szenenwechsel, die Dank eines multifunktionalen Bühnenbildes sehr gut funktionieren, machen das Stück lebendig. Immer wieder gibt es plakative und gut inszenierte Szenen, die in Erinnerung bleiben und dem Zuschauer Raum zum Nachdenken geben.

Hoffnungsträger Kultur

Volksbildungswerks-Geschäftsführerin Gabriele Kopp und Vorsitzender Ernst Becker waren glücklich und erleichtert, dass der Start in die erste Spielzeit nach Corona gut gelungen war. Nachdem 178 Zuschauer im damit ausverkauften Theater ihre Plätze in geordneter Reihenfolge verlassen hatten, fiel das Resümee positiv aus. „Wir alle haben uns gefreut, dass es endlich wieder losging“, sagte Kopp. Auch die Schauspieler seien froh gewesen, endlich wieder auf der Bühne zu stehen, fügte sie an. In dieser Ausnahmesituation müsse die Kultur ein Hoffnungsträger sein, sagte Ernst Becker. Und dabei die größtmögliche Sicherheit garantieren. Die Zuschauer dankten es mit lang anhaltendem und großem Applaus.

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