Bundespräsident a.D. Joachim Gauck bei der 75-Jahrfeier der Harting-Technologiegruppe
„Ein Spirit, den Deutschland braucht“

Minden/Espelkamp (WB). Von der Garage zum Weltunternehmen mit mehr als 5000 Mitarbeitern und 44 Landesgesellschaften: „75 Jahre Harting“ lesen sich wie die Bilderbuchgeschichte eines familiengeführten deutschen Technologieunternehmens. Zur coronabedingt kleinen Jubiläumsfeier im Mindener Botta-Bau, wo heute die Harting-Vertriebsgesellschaften gesteuert werden, kamen am Dienstag mit Christian Wulff und Joachim Gauck sogar zwei ehemalige Bundespräsidenten: der eine als Freund der Familie, der andere als Festredner.

Mittwoch, 02.09.2020, 04:00 Uhr

Ausgehend von dem Datum 1. September erinnerte Gauck daran, dass 1945 nach dem Ende von Weltkrieg und Gewaltherrschaft Menschen wie Wilhelm und Marie Harting aus den Trümmern den Staat, die Wirtschaft und die Gesellschaft neu aufgebaut hätten. Diese Tatkraft, diese Mentalität und dieser Spirit fehlten heute. Stattdessen regierten – „vielleicht nicht in OWL, aber in vielen anderen Gegenden“ – Ermattung und Ängstlichkeit. Gauck: „Wir dürfen die Zukunft nicht erleiden, sondern müssen sie gestalten.“

OWL sei auch ein gutes Beispiel dafür, wie Familienunternehmen ihre Region positiv prägten. Gauck, der Ende der achtziger Jahre in der friedlichen Revolution in der DDR eine wichtige Rolle spielte, bezeichnete die frühe Enteignung der Familienunternehmer als den Anfang vom Ende des kommunistischen Staates. Gesellschaftliche Freiheit sei ohne wirtschaftliche Freiheit nicht denkbar. Und es sei das Verdienst von Familienunternehmern wie den Hartings, dass sie sich auch gesellschaftlich engagierten – für ihre Beschäftigten, für den Standort, für die Kultur. Unternehmer wie diese klagten nicht; sie übernähmen Verantwortung.

Enger Austausch mit Kommunalpolitik

Einen besonderen Dank richtete der frühere Bundespräsident an Seniorchef Dietmar Harting dafür, dass dieser als langjähriger Vorsitzender des Zentralverbandes Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) den Informations- und Meinungsaustausch mit der Politik vorangetrieben habe. „Es täte allen Parlamenten und Regierungen gut, wenn sich mehr Unternehmer mit ihren Erfahrungen auch politisch engagierten”, sagte Gauck.

Wie Gauck erinnerte auch Dietmar Harting daran, dass Deutschland 1945, dem Gründungsjahr des Unternehmens, am Boden lag. Da jetzt wieder eine schwierige Zeit sei, solle man sich daran erinnern. Auch als Familie habe Harting Schicksalsschläge erlitten, insbesondere den frühen Tod des Vaters und Gründers und nur wenige Jahre später den des Bruders und Mitgesellschafters. In der Firmengeschichte hätten die Harting-Frauen stets eine wichtige Rolle gespielt: zunächst Marie, Dietmars Mutter, später Ehefrau Margrit. Heute führt Tochter Maresa Harting-Hertz das Unternehmen gemeinsam mit dem Bruder Philip vom Firmensitz in Espelkamp aus in dritter Generation.

Dass neben dem ehemaligen Bundespräsidenten und der amtierenden OWL-Regierungspräsidentin Judith Pirscher auch zwei Bürgermeister und ein Landrat das Wort ergriffen, erklärte Mar­grit Harting zu Beginn damit, dass man sich als Familienunternehmer sehr wohl der Bedeutung eines engen Austausches mit der Kommunalpolitik bewusst sei. Schließlich habe die Firma heute deshalb ihren Sitz in Espelkamp, weil das Start-up am Gründungsort Minden nicht willkommen gewesen sei. „In Espelkamp, wo dringend Arbeitsplätze für die vielen Flüchtlinge gebraucht wurden, war das anders. Und als dann noch meine Schwiegermutter am meinem neuen Standort ein vierblättriges Kleeblatt fand, war die Entscheidung auch mit dem Herzen gefallen”, berichtete sie.

Philip Harting betonte in einer kurzen Rede, es sei der feste Wille auch der jungen geschäftsführenden Gesellschafter, den Blick in die Welt zu richten, aber den Firmensitz in Ostwestfalen zu schützen. Das Unternehmen habe sich stets weiter entwickelt und werde das auch weiter tun.

Kommentare

Gerd Heinrich  wrote: 02.09.2020 16:27
Fragen in diesen Zeiten
2 Fragen stellen sich ja fast von selbst:
Zahlt denn jetzt jede der im Hintergrund ohne Maske und ohne Sicherheitsabstand stehenden Personen ein Bußgeld?
Oder ... wurde vielleicht die Polizei von den diversen Beamten (inkl. Bundespräsidenten) um Auflösung der die Gesundheit gefährdenden Versammlung gebeten?
Herr Verteidiger  wrote: 02.09.2020 07:29
Schönes Bild
COVID scheint keine Gefahr mehr darzustellen, wenn man den Bildhintergrund anschaut. Beruhigend.
Total 2 comments
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