Vor 75 Jahren: Als in der Munitionsanstalt der Krieg zu Ende ging „Es ist alles vorbei“

Espelkamp (WB). Am 8. Mai 1945 ging der Zweite Weltkrieg, in dem etwa 60 Millionen Menschen den Tod fanden, mit der Befreiung durch die Alliierten zu Ende. Manfred Steinmann vom Espelkamper Geschichtskreis hat dazu einen ausführlichen Bericht verfasst.

Offiziere und Feuerwerker in der Munitionsanstalt Espelkamp. Der Gesamtmunitionsbestand der Muna umfasste etwa 18.700 Tonnen, davon 11.200 Tonnen Kampfstoffmunition.
Offiziere und Feuerwerker in der Munitionsanstalt Espelkamp. Der Gesamtmunitionsbestand der Muna umfasste etwa 18.700 Tonnen, davon 11.200 Tonnen Kampfstoffmunition. Foto: Link

Er schreibt: „Nach zwölf Jahren Unterdrückung, Mord, Terror und Krieg durch die Diktatur der Nationalsozialisten endete das ‚Dritte Reich‘ mit der Kapitulation. Für die Menschen im Lübbecker Land zwischen Wiehengebirge und Stemweder Berg begann bereits am Abend des 4. April 1945 die Nachkriegszeit.

Durchhalteparolen

An diesem Tag, an dem Mittwoch nach dem Osterfest, rückten Einheiten des 8. Armeecorps der 2. Britischen Armee von Westen in das Lübbecker Land vor. Das nahende Kriegsende hatte sich seit längerem angekündigt. Trotz der Durchhalteparolen in den gleichgeschalteten deutschen Medien (Radio, Presse) – eine Wunderwaffe werde das Kriegsgeschick zugunsten Deutschlands wenden - vertrauten viele Menschen den Informationen von BBC London mehr als der Berliner Propaganda. Man sah auf den Straßen versprengte deutsche Einheiten zu Fuß von Westen kommend Richtung Weser ziehen.

Man traf Vorsorge: In vielen Gärten brannten kleine Feuer, es waren die Hitlerbilder, Hakenkreuzfahnen und NS-Literatur, die vernichtet wurden. Im Dunkeln vergrub man Wertsachen, Lebensmittel, alles was einem lieb und teuer war. Auf den Feldern pflanzten Bauern noch schnell Kartoffeln, sie wollten die Beschlagnahme des Saatgutes durch britische Truppen verhindern. Aus dem gleichen Grund wurden in Rahden am 2. Ostertag die Vorräte der Mühlen und der Molkerei an die Bevölkerung verteilt.

Die Ängste und Sorgen in der Bevölkerung wären noch um ein Vielfaches größer gewesen, hätte man das ganze Ausmaß der Bedrohung erkannt, das von der Munitionsanstalt (Muna) in Espelkamp ausging. In über hundert Hallen und Bunkern lag hunderttausendfach der Tod in Gestalt von Munition aller Art, darunter auch Kampfstoffmunition: Granaten und Minen mit den chemischen Kampfstoffen Lost, Phosgen, Clark und dem damals weltweit gefährlichsten Nervengift „Grünring III“ – Tabun.

Bombenangriff

Nach Johannes Preuss „Heeresmunitionsanstalt Lübbecke“ – so der offizielle Name der Muna – umfasste der Gesamtmunitionsbestand etwa 18.700 Tonnen, davon 11.200 Tonnen Kampfstoffmunition sowie 7.500 Tonnen andere Munition und Munitionsteile.

Bei einem Bombenangriff oder einer Gasexplosion musste mit einer räumlich ausgedehnten Umweltkatastrophe in den Bereichen Boden, Wasser und Luft gerechnet werden. Wie groß man sie sich vorstellte, geht aus der Tatsache hervor, dass eine Evakuierung bis in den Harz für die Menschen der umliegenden Orte vorgesehen war.

Zum Glück erfolgte nie ein solcher Bombenangriff auf die Muna. Nur einmal, kurz vor Kriegsende, am 25. März 1945 (Palmsonntag), warfen zwei Jagdbomber Bomben über der Muna ab. Dabei wurde das Werkstattgebäude der Muna-Fahrbereitschaft vollständig zerstört (heute steht dort das Mehrfamilienhaus an der Gubener Straße). Wahrscheinlich handelte es sich um einen Notabwurf. Menschen kamen nicht zu Schaden.

Führerbefehl

Am 4. Februar 1945 erfolgte ein Führerbefehl, wonach Kampfstoffe und Kampfmunition nicht in Feindeshand fallen durften und ein rechtzeitiger Abtransport sichergestellt werden sollte. Ferner waren alle Zerstörungen und Sprengungen, auch bei Gefahr im Verzug, verboten.

Wilhelm Döding, damals wohnhaft in Rahden, wurde nach einer schweren Erkrankung an der Ostfront als Av-Soldat (Av, Arbeitsverwendungsfähig, jedoch nicht kriegstauglich) 1941 in die Muna versetzt als Personalchef und Spieß der Feuerwerker. Er berichtet: ‚Gemäß dem Führerbefehl wurden am 2. und 3. April vier Güterzüge mit Kampfstoffmunition beladen und drei davon in Marsch gesetzt. Der vierte Zug stand noch bei dem Einmarsch der britischen Truppen auf dem Anschlussgleis im Munagelände (heute Bereich In der Tütenbeke). Er wurde von der alliierten Luftaufklärung am 25. April 1945 erfasst.

Am 28. März 1945 hatte nach Angaben Dödings der Kommandant der Muna, Major Küppers, eine Krisensitzung einberufen, an der der Landrat, der stellvertretende Kreisleiter der NSDAP und ein Wehrmachtsführungsoffizier teilnahmen. Es wurde beschlossen, die Muna kampflos zu übergeben und gemäß dem Führerbefehl auf Sprengung zu verzichten.

Danach setzte ein Auflösungsprozess ein. Die Arbeiten wurden eingestellt, Offiziere und Soldaten, die zur Wachmannschaft gehörten, verließen die Muna. Auch die Bedienungsmannschaft der Flakstellung (Vierlingsflak), die zum Schutz der Muna gegen Tiefflieger auf einem Wiesengelände am heutigen Neuen Weg stationiert war, hatte samt Gerät den Rückzug angetreten.

Der Auflösungsprozess erfasste auch das westlich der Muna errichtete Barackenlager, später „Kolonie“ genannt. Dort wurde das Wehrertüchtigungslager der Hitlerjugend am 3. April aufgelöst und die Jugendlichen nach Hause geschickt; das SS-Ausbildungsbataillon setzte sich am 3. April über Rahden nach Nordosten ab; die Wachsoldaten verließen das russische Gefangenenlager. Die nun „befreiten Russen“ wurden später in ein Sammellager nach Osnabrück gebracht und von dort in die Sowjetunion geschickt.

Die letzte Aufgabe Dödings bestand darin, Akten und Unterlagen im großen Kesselhaus zu verbrennen. Als er am frühen Nachmittag Vollzug meldete, verabschiedete sich Major Küpers mit den Worten: „Es ist alles vorbei“.

Schleichwege

Küppers wurde in Frotheim von britischen Soldaten gefangen genommen, Wilhelm Döding verließ als letzter die Muna und konnte sich über Neben- und Schleichwege nach Hause (Rahden) retten.

Der Vormarsch der britischen Truppen verlief im Süden des Lübbecker Landes ohne große Kampfhandlungen. Über die Reichsstraße 65 erreichten die britischen Truppen am 3. April Preußisch Oldendorf und am 4. April gegen Mittag Lübbecke.

Auch der Vormarsch der britischen Truppen über Gestringen und Isenstedt/Frotheim Richtung Minden verlief ohne Kampfhandlungen. „Eigentlich war es ja kein Einmarsch, sondern eher ein Durchmarsch der Engländer“, kommentierte ein Zeitzeuge das Geschehen. Die Kanalbrücke (heute B 239) war am späten Vormittag durch eine Pioniergruppe gesprengt worden. Die benachbarte Eisenbahnbrücke blieb intakt.

Ganz anders die Situation in Levern. Die Einheiten der Waffen-SS waren am Tage vorher abgezogen worden und als ein zusammengewürfeltes deutsches Bataillon – bestehend aus jungen schlecht ausgebildeten Soldaten – die britische Panzerkolonne mit Maschinengewehrfeuer empfing und ein Engländer in der Turmluke seines Panzers tödlich getroffen wurde, nahm das Verhängnis seinen Lauf. Levern wurde förmlich zusammengeschossen. Sechs Zivilisten, zehn deutsche und fünf englische Soldaten fanden den Tod. 54 Gebäude brannten ab.

Panzergruppen

Gegen 15 Uhr erreichten die britischen Truppen Rahden von zwei Seiten, eine Panzergruppe von der Sudriede, die zweite von der Osnabrücker Straße. Der Autor erlebte als Siebenjähriger den Einmarsch im Keller des Nachbarn (Tierarzt Westerhaus). Die vereinzelten deutschen Infanterietruppen mit ihren vier Tiger-Panzern, die wegen ihres geringen Treibstoffvorrates nur bedingt einsatzfähig waren, hatten der Überlegenheit nicht viel entgegen zu setzen und zogen sich ins Dorfinnere zurück. Dort wurde bei heftigen Feuergefechten am Kirchplatz ein deutscher Panzer in Brand geschossen, ebenso etliche Häuser (Gut Hohenfelde, das Geschäftshaus Koch). Gegen 18 Uhr schwiegen die Waffen und die britischen Truppen setzten ihren Vormarsch Richtung Weser fort.

Noch während der Kampfhandlungen in Rahden erreichte die britische Einheit „3. Royal Tanks“ gegen 17.30 Uhr die Muna und hat diese verlassen vorgefunden, wie im „War diary“ (Kriegstagebuch) der Einheit berichtet wird. Nach Aussagen von Zeitzeugen (Karl Nolting und Ernst Fleitmann aus der Altgemeinde) kam diese Einheit am Gasthaus „Waldfrieden“ zum Stehen. Der damalige Muna-Arzt Dr. Lingner, der später bis zu seinem Tod in Espelkamp praktiziert hat, soll durch Hissen einer Rot-Kreuz-Fahne die Kolonne zum Stoppen veranlasst haben und dabei die kampflose Übergabe der Muna deklariert haben.

Nervengas Tabun

Kurze Zeit später sei die Einheit in Richtung Rahden zurückgekehrt. In den Tagen nach dem 4. April wurde das Munagelände von den Briten inspiziert. Dabei fanden sie zum ersten Mal auf dem liegen gebliebenen Zug Grünring III-Granaten mit dem tödlichen Nervengas Tabun.

Am Abend des 4. April erreichten die britischen Truppen die Kreis- und Landesgrenze. Für die Menschen im Lübbecker Land war damit der Krieg beendet, aber die Auswirkungen des Krieges führten in Espelkamp zu tiefgreifenden Veränderungen.“

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7356162?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198399%2F2516048%2F