Neues Theater Espelkamp zeigt „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“
Von Liebe, Verlust und Wahnsinn

Espelkamp (WB/eva). Ein Junge wächst in einer geschlossenen Anstalt auf, ist aber kein Insasse. Josse ist der Sohn des Anstaltsleiters. In seiner Welt ist das Verrückte normal und das Normale verrückt.

Montag, 02.03.2020, 20:00 Uhr aktualisiert: 02.03.2020, 20:50 Uhr
Josse (Johan Richter, Mitte) erzählt seinen Mitschülern, wie er auf dem Weg zur Schule einen toten Mann gefunden hat. Dabei schmückt er seine Geschichte immer mehr aus. Der erwachsene Josse (Moritz Brendel, rechts) beobachtet die Szene. Foto: Eva Rahe

Am vergangenen Sonntag zeigte das Neue Theater Espelkamp die faszinierende Geschichte von Josse und seiner Familie in dem Stück „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“.

Einschlaf-Ritual

Josses Welt ist die psychiatrische Anstalt Hesterberg in Schleswig. Dort verbringt er seine Kindheit und Jugend. Als jüngster Sohn des Anstaltsleiters wächst er auf inmitten von „Psychos, Mongos und Deppen“. Das Haus des Anstaltsleiters liegt im Zentrum der Anlage und ist umgeben von den Wohnräumen, Einrichtungen, Gärten und Werkstätten. Das abendliche Schreikonzert der Patienten und Insassen gehört für ihn zum Einschlaf-Ritual.

Josse ist ein typisches Kind der 70-er Jahre mit Schlaghosen, Yucca-Palmen und das orange Tastentelefon mit Wiederwahltaste. Aus dieser Welt erzählt Joachim Meyerhoff in seiner Romanreihe „Alle Toten fliegen hoch“, die als Vorlage für das Theaterstück diente.

Bemerkenswert ist, dass Joachim Meyerhoff diese Geschichten selbst erlebt hat. Er ist der Ich-Erzähler und berichtet über seine Kindheit und Jugend in der Anstalt.

Dabei beschreibt er eindrücklich – und zuweilen urkomisch – den ganz normalen Wahnsinn des Familienalltags „inmitten von Verrückten“. Dass sein Vater zum Beispiel seinen 40. Geburtstag lieber mit Insassen verbringt als mit „Menschen von draußen“, ist für ihn ganz normal.

Bühnenbild

Das Ensemble des Altonaer Theaters führte das Theaterstück „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ am vergangenen Sonntag in Espelkamp auf. Unter der Regie von Christoph Küster verwandelte sich die Welt des Josse in ein modernes Bühnenspektakel, das zuweilen urkomisch war und dann wieder tief berührte. Dabei verlangte die Inszenierung dem Publikum einiges ab. Schon das Bühnenbild war eine Aufforderung, die normale Welt zu verlassen. Auf mehreren Ebenen spiegelte es das Leben in und außerhalb der Anstalt wieder. Einen Vorhang gab es nicht. Vielmehr wurde der Bühnenraum so genutzt, dass die unterschiedlichsten Räume darin eine eigene Realität fanden.

Die Szenen waren teilweise ab-strakt inszeniert und es war nicht immer leichte Kost. Genial gelöst war dabei die Doppelrolle des Ich-Erzählers Josse. Der Jugendliche Josse (Johan Richter) bekam ein Alter Ego an die Seite gestellt, der für ihn die Geschichte erzählte. Moritz Brendel spielte den älteren Hauptdarsteller und stand seinem jüngeren Konterpart immer zur Seite. Dabei beobachtete er auch seine eigene Geschichte und kam durch die Beobachtung zu neuen Erkenntnissen.

Wackelig

Im Mittelpunkt der Geschichte stand Josses Familie. Erschien sie zunächst noch wie ein standhafter, mächtiger Baum, der auf seinen Ästen die vielen Erlebnisse in Josses Leben trägt, so wurde dieser Baum im Laufe des Spiels immer wackeliger und unzuverlässiger. Namhaft für diesen Baum stand die Figur des Vaters (Josef Tratnik). Von allen gefeiert und angehimmelt für seine ungeheure Lebendigkeit, Liebe und Fantasie, die er großzügig verteilte, verlor er im Laufe der Geschichte immer mehr an Kraft.

Zum Schluss mussten die Kinder und seine Ehefrau (Gundi-Anna Schick) erkennen, dass hinter dem genialen Geist des Vaters eine Lebenslüge steckt. Trotzdem wurde er am Ende nicht alleine gelassen.

Verschiedene Ebenen

Die verschiedenen Ebenen und Gegensätze des Stücks hielten dem Zuschauer einen Spiegel vor. Wo ist die Grenze zwischen dem Verrückten und dem Normalen, wann endet die heile Welt der Kindheit und wann beginnt man, hinter die Fassade der Erwachsenen zu schauen. Solche und andere Fragen standen am Ende im Raum.

Großartige Darstellung

Wer durchhielt, wurde mit einer großartigen Darstellung belohnt. Das Ensemble, das sehr authentisch in seine unterschiedlichen Rollen schlüpfte, zeigte eine hervorragende Darstellung der Geschichte Meyerhoffs. Der Autor selbst sagte über sein Stück: „Man braucht die Komik, um die Tragik zu verstehen.“ Und vielleicht braucht man die Komik auch, um die Tragik zu ertragen.

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