200 Menschen demonstrieren in Espelkamp gegen AfD-Veranstaltung – Politiker zeigt alte Grafik
Die Klimafrage

Espelkamp (WB). Gut 200 Menschen haben am Mittwoch in Espelkamp gegen die AfD-Veranstaltung »Deutschland im Klimawahn« demonstriert. Gastredner auf dem Wilhelm-Kern-Platz waren unter anderem der Meteorologe Friedrich Föst und Paul Schilling von der Aktion »Fridays for Future«. Im Bürgerhaus hielt unterdessen der AfD-Bundestagsabgeordnete Michael Espendiller (29) einen Vortrag.

Donnerstag, 05.09.2019, 21:00 Uhr
Etwa 200 Espelkamper haben an der Demonstration auf dem Wilhelm-Kern-Platz teilgenommen. Sie bekamen unter anderem Wortbeiträge von Organisator Hartmut Stickan, Friedrich Föst und einem Schüler aus Minden zu hören. Foto: Kai Wessel

Hartmut Stickan, Organisator der Gegendemonstration, erklärte, dass man das Für und Wider der Veranstaltung gegeneinander abgewogen habe: »Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass wir gegenüber der AfD nicht schweigen dürfen. Schweigen bedeutet für mich Zustimmung.« Die CDU hatte im Vorfeld Kritik an der Demonstration geübt. Durch sie würde die AfD unverhältnismäßig viel Aufmerksamkeit erhalten.

Hartmut Stickan übte in seiner Rede auf dem Wilhelm-Kern-Platz scharfe Kritik an der AfD. Allein der Titel »Deutschland im Klimawahn« sei Populismus. Nicht nur in Deutschland werde eine Klimadebatte geführt, sondern weltweit. Dass die USA aus dem Klimaabkommen ausgestiegen sind, sei eine Entscheidung von Donald Trump gewesen, der wie die AfD ausschließlich nationale Interessen verfolge. Mit dem Begriff Klimawahn wolle die AfD all jene diskreditieren, die sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzten. Stickan erinnerte nicht nur an steigende Meeresspiegel und schmelzende Gletscher, sondern richtete den Blick auch auf den Mühlenkreis, auf Missernten und das austrocknende Torfmoor (diese Zeitung berichtete). »Es wäre Wahnsinn, diese Fakten nicht wahrzunehmen«.

Argumente widerlegt

Paul Schilling (Fridays for Future) sagte in seiner Rede, er engagiere sich für das Klima, weil er seinen Kindern später einmal in die Augen schauen wolle. Er warnte vor Rechtsradikalen, die »wie vor 86 Jahren« die Macht übernehmen. Friedrich Föst widerlegte in einer Art Frage-Antwort-Dialog mit Reinhard Steinmann Argumente von Klimaleugnern.

Fast zeitgleich äußerte Michael Espendiller im Bürgerhaus Zweifel daran, ob wirklich der Mensch für den Klimawandel verantwortlich ist. In der Wissenschaft, so der Bundestagsabgeordnete, gäbe es Stimmen, die von ganz natürlichen Klimaschwankungen ausgehen. Espendiller zeigte auch eine Grafik zum Thema Erderwärmung, die Modellberechnungen des Weltklimarates (siehe Foto, rote Linie) beinhaltete und tatsächlich gemessene Daten der NASA (grüne Linie). Demnach würden sich die Prognosen des Weltklimarates nicht mit der Realität decken, so Espendiller. Er stellte anhand der Grafik eine »Stagnation« bei der globalen Erwärmung fest. Die Grafik umfasste Daten bis zum Jahr 2015. Auf die Folgejahre, die die wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen waren, ging Espendiller nicht ein.

Ausstoß verwindend gering

Der Mathematiker rechnete außerdem vor, dass der deutsche Kohlendioxid-Ausstoß global betrachtet nur einen verschwindend geringen Anteil (0,003 Prozent) am weltweiten Aufkommen ausmache. Espendiller wandte sich gegen eine CO2-Steuer, die, falls sie eingeführt wird, den Bürger jährlich zwischen 300 und 600 Euro kosten werde.

Auch die Kosten der Energiewende kritisierte Espendiller. Der Bürger würde zur Kasse gebeten für den Umstieg auf Sonnen- und Windenergie. Dabei seien die wenig verlässlich. Auch Energie aus Biogas sei nicht unproblematisch, da zu ihrem Betrieb »Monokulturen auf gutem deutschen Boden« angebaut würden.

Kommentag von Kai Wessel

Die Botschaft von Michael Espendiller ließ an Klarheit nichts zu wünschen übrig: Gegen den Klimawandel ist wenig auszurichten, denn es ist nicht der Mensch und schon gar nicht der Deutsche, der für ihn verantwortlich gemacht werden kann.

Politiker arbeiten gerne mit Zahlen und Statistiken, um ihre Thesen zu untermauern. Dabei wählen sie gezielt die Zahlen aus, die ihre Argumentation stützen, und verschweigen jene, die sie möglicherweise ad absurdum führen. Espendiller setzte noch einen drauf. Er präsentierte eine veraltete Grafik zum Thema Erderwärmung. Wäre die Grafik auf dem aktuellen Stand gewesen, wäre die Wirkung auf die Zuhörer ausgeblieben. Espendiller hat offenbar bewusst getrickst, um zu suggerieren, dass die Vorhersagen des Weltklimarates nicht viel mit der Realität zu tun haben.

Es ist bekannt, dass es immer wieder Jahre gibt, die nicht wärmer sind, als das Vorjahr. Ein Klimawandel vollzieht sich nicht linear. Das weiß auch Espendiller. Nur hat er vergessen, es zu erwähnen. Ebenso wie er vergaß zu erwähnen, dass die Jahre 2016 und 2017 die wärmsten auf diesem Planeten waren. Oder dass 350 Tonnen Kohlendioxid jährlich in die Luft gepustet werden.

Dass Espendiller nicht wusste, wie die Umweltministerin mit Vornamen heißt und auch nicht wusste, wozu die Ökosteuer verwendet wird – Schwamm drüber. Doch wenn ein Bundestagsabgeordneter, noch dazu einer mit Doktortitel, über das Klima spricht, sollte das auf der Basis von belastbaren Fakten geschehen. Und nicht, indem man Tatsachen weglässt oder mit alten Grafiken aufwartet, die das Publikum gezielt in die Irre führen.

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