Ensemble spielt zum Abschluss der Espelkamper Theatersaison »Perikles« »Theater Total« setzt Ausrufezeichen

Espelkamp (WB). »Abgründe, Abgründe, Abgründe«, hätte Dänenprinz Hamlet wohl über die Umstände geurteilt, mit denen sich sein Kollege aus Tyrus herumschlagen muss.

Von Cornelia Müller
Es ist schon beinahe so etwas wie ein Markenzeichen von »Theater Total« geworden: Die Choreografien voller Energie, wie hier bei Perikles’ Hochzeit. Die Shakespeare-Aufführung markiert gleichzeitig das Ende der Theatersaison 2016/17.
Es ist schon beinahe so etwas wie ein Markenzeichen von »Theater Total« geworden: Die Choreografien voller Energie, wie hier bei Perikles’ Hochzeit. Die Shakespeare-Aufführung markiert gleichzeitig das Ende der Theatersaison 2016/17. Foto: Cornelia Müller

Denn »Perikles« trifft es in dem gleichnamigen Theaterstück von William Shakespeare wirklich hart, wie man am Samstag bei der Aufführung von »Theater Total« miterleben durfte.

Seestürme

Bei »Perikles« geht Shakespeare in die Vollen: Zwei Seestürme wirbeln das Leben des Prinzen von Tyrus durcheinander. Bei zwei Herrschern hält er um die Hand ihrer Töchter an: einer ein brutaler Tyrann, der andere das genaue Gegenteil. Zwei Mörder werden um die Ausführung ihrer Tat gebracht. Und zum Happy-End darf Perikles dann gleich zwei Totgeglaubte wieder in die Arme schließen. Doppelt hält besser, scheint Shakespeare sich beim Erdenken dieser wüsten Story gedacht zu haben und legt immer noch eine Schippe drauf.

Vor allem Perikles’ Tochter Marina ist nicht zu beneiden. Bei ihrer Geburt (natürlich während eines Seesturms) stirbt ihre Mutter Thaisa (dass sie nur scheintot ist, ahnt niemand). Perikles gibt Marina in die Obhut einer Frau, die so eifersüchtig auf sie ist, dass sie sie ermorden lassen will. Ausgerechnet eine Horde von Piraten verhindert den Mord, verkauft Marina dafür aber an ein Bordell. Aber sie erweist sich als schlechtes Geschäft für die Kupplerin und bekehrt die Freier, statt ihnen zu Diensten zu sein.

Atemberaubende Bilder

In »Perikles« lässt Shakespeare seine Helden von einer unwahrscheinlichen Situation in die andere taumeln. Das macht es nicht leichter, sich mit ihnen zu identifizieren, und vielleicht ist das ja auch der Grund dafür, dass die Dialoge den jungen Schauspielern von »Theater Total« diesmal nicht ganz so überzeugend über die Lippen gingen. Man hätte ihnen noch mehr Mut gewünscht, alles Pathos dieser königlichen Leidensgeschichte beiseite zu wischen und Perikles so menschlich sein zu lassen wie die Fischer oder die Kupplerin und ihre Kumpane.

Wieder einmal atemberaubend waren die Bilder, die Barbara Wollrath-Kramer und ihr Ensemble schufen. Sie bleiben einem im Gedächtnis: die schlangenhafte Verführungskunst der Antiochus-Tochter, Perikles’ Fahrt über das sturmgepeitschte Mittelmeer oder die kraftstrotzende Choreografie der Feierlichkeiten zu Perikles’ Hochzeit. Herausragend auch die Umsetzung mit einem Bühnenbild, das im Grunde nur aus zwei keilförmigen Rampen bestand, die alles sein konnten: Schiff, Ufer, Behausung, Hinweis auf das »Oben« und »Unten« in der Gesellschaft.

Kleines Wunder

Das Bochumer Projekt »Theater Total«, bei dem sich 30 junge Menschen elf Monate lang mit Haut und Haaren dem Theater verschreiben, bleibt ein kleines Wunder: beständig wandelbar, verlässlich experimentierfreudig und unbedingt sehenswert, egal welches Stück sie für ihre aktuelle Inszenierung auswählen. Zum Ende der Theatersaison in Espelkamp setzten sie noch einmal ein deutliches Ausrufezeichen.

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