Theater Total begeistert das Espelkamper Publikum mit Shakespeares »Wintermärchen« Ein Drama zeigt zwei Gesichter

Espelkamp (WB). »Mamillius, komm, setz dich her und erzähl uns ein Märchen«, ermuntert Hermione ihren Sohn. Und der fragt zurück: »Ein lustiges oder ein trauriges?«

Von Cornelia Müller
Trotz einiger Tragik gibt es in Shakespeares »Das Wintermärchen« noch ein Happyend: Die Statue der verstorbenen Hermione (Viktoria Theil, 2. von rechts) ist lebendig geworden, ist wieder mit ihrem Ehemann Leontes (Fariborz Rahnama) und Tochter (Hannah Rahel Rang rechts) vereint.
Trotz einiger Tragik gibt es in Shakespeares »Das Wintermärchen« noch ein Happyend: Die Statue der verstorbenen Hermione (Viktoria Theil, 2. von rechts) ist lebendig geworden, ist wieder mit ihrem Ehemann Leontes (Fariborz Rahnama) und Tochter (Hannah Rahel Rang rechts) vereint. Foto: Cornelia Müller

Diese Momentaufnahme aus Shakespeares »Wintermärchen«, mit dem am Samstag die Espelkamper Theatersaison zu Ende ging, sagt viel über das Stück. Denn in diesem seltsamen Märchen weiß man nie so recht, woran man ist. Es gibt ein Happy End, aber es wird auch viel gestorben. Des Königs Sohn, sein treuer Diener und eine ganze Schiffsbesatzung müssen mit dem Leben dafür bezahlen, dass der eifersüchtige Leontes alles Maß verliert – lustig klingt das nicht gerade. Aber das Stück hat eben auch noch eine andere Seite. Gauner und Narren (in Gestalt zweier Schäfer) haben ihren großen Auftritt.

Es wird gefeiert, gesungen und getanzt und wer ein Faible für Romantik hat, kommt auch auf seine Kosten. Dabei schert sich Shakespeare keinen Deut um Historie und Geografie, wechselt munter von Sizilien nach Böhmen und zurück und erzählt im Großen und Ganzen eine ziemliche Räuberpistole, inklusive gefräßiger Bären und Statuen, die lebendig werden.

Keine leichte Aufgabe

Drama satt also, was der geniale Theatermann vor etwa 400 Jahren in Verse gesetzt hat. Oder anders gesagt: Theater total. Kein Wunder, dass sich die Teilnehmer des Bochumer Projekts »Theater Total« in diesem Jahr gerade für dieses Stück entschieden haben, das so viele Möglichkeiten bietet. Zugleich aber hatten sich die 26 jungen Menschen unter der Leitung von Barbara Wollrath-Kramer damit keine leichte Aufgabe zugemutet. Denn von der ersten Probe bis zur Premiere Mitte März standen ihnen nicht einmal drei Monate zur Verfügung. In so kurzer Zeit überhaupt eine vollwertige Inszenierung (einschließlich Bühnenbild und Kostümen) auf die Beine zu stellen, ist schon eine Riesenleistung. Und dann gelang ihnen auch noch das Kunststück, sich einerseits eng an die Vorlage zu halten, andererseits aber auch den alten Meister ein bisschen aufzupolieren – wie in der Szene mit den Sirtaki-tanzenden Griechenland-Heimkehrern.

Vielleicht zwangsläufig blieb dabei manches auch ein wenig oberflächlich (vor allem in den düsteren Momenten des Stücks, wenn Leontes vor Eifersucht rast oder Polyxenes Zorn sich gegen den eigenen Sohn richtet). Aber das war leicht zu verschmerzen. Denn die großen Stärken dieser bunt zusammengewürfelten Truppe junger Leute, die das Experiment wagt, sich ein Jahr lang mit Haut und Haaren dem Theaterspielen zu verschreiben, sind ihre Funken sprühende Begeisterung und ihre Lebendigkeit. Und wo immer die sich frei entfalten durften, waren die Zuschauer sofort vom »Theater-Total«-Virus« infiziert.

Packend und unterhaltsam

So erlebte das Publikum Theater als ein »hochemotionales Dingsbums«, wie es die Teilnehmer von »Theater Total« selbst liebevoll-respektlos genannt haben: packend, unterhaltsam und bewegend. Dass sich die Zuschauer für den Applaus von den Sitzen erhoben, um sich dafür zu bedanken, war mehr als verdient.

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