Im Exklusiv-Interview: Dr. Alcay Kamis, neuer Geschäftsführer der Städtischen Heimstätten-Gesellschaft
„20 Jahre nicht mehr gebaut“

Bad Oeynhausen -

Seit November ist Dr. Alcay Kamis (40) Geschäftsführer der Städtischen Heimstätten-Gesellschaft (SGH). Im Exklusiv-Interview spricht er über erste Eindrücke und blickt auf anstehende Veränderungen voraus. Die Fragen stellte Claus Brand.

Mittwoch, 06.01.2021, 16:46 Uhr aktualisiert: 06.01.2021, 16:48 Uhr
Im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT: Dr. Alcay Kamis, seit November Geschäftsführer der Städtischen Heimstätten-Gesellschaft.Foto: Foto: Frank-Dominik Lemke

(WB)

Herr Kamis, Sie leben mit Ihrer Familie in Leopoldshöhe im Kreis Lippe, haben dort vor zwei Jahren gebaut. Dennoch: Was macht Bad Oeynhausen lebens- und wohnenswert?

Dr. Alcay Kamis: Bad Oeynhausen ist geprägt durch einen gesunden Mittelstand und viele kulturellen Einrichtungen. Eine Stadt, die sich laufend weiterentwickelt. Zudem hat Bad Oeynhausen einen Weltruf im Gesundheitssektor und kann zurecht stolz auf diese Entwicklung sein. Ferner ist Bad Oeynhausen naturnah und hat einen hohen Freizeitwert, mit dem Wiehengebirge und der Weser. Bei regelmäßigen Besuchen mit meiner Familie ist meinen Kindern zudem die grüne Innenstadt mit der fußläufigen Erreichbarkeit des Kurparks aufgefallen.

Öffentlich wirksam ist die SGH, abgesehen von Mieterjubiläen oder dem Jahresbericht, bislang wenig in Erscheinung getreten. Wollen Sie das ändern?

Kamis: Definitiv. Als kommunales Wohnungsunternehmen spielen wir eine wichtige Rolle bei der kommunalen Daseinsvorsorge, gerade für Bevölkerungsschichten, die sich derzeit am Wohnungsmarkt aus eigener Kraft nicht behaupten können. Ich möchte die SGH weit mehr als den reinen Wohnungsvermieter positionieren, indem wir zum Beispiel eine zentrale Rolle bei der Umsetzung wohnungs- und stadtentwicklungspolitischer Ziele einnehmen.Was heißt das im Detail?

Kamis: Neben der Bestands- und Quartiersentwicklung für unsere Mieter beabsichtige ich, den Neubau von bezahlbarem Wohnraum zielgruppen- und bedarfsgerecht voranzutreiben. Dies setzt eine Prüfung des Bedarfs in Abstimmung mit der Stadt voraus. Wir sind in vielversprechenden Gesprächen.

In der vorherigen Ratsperiode war das Verhältnis zwischen damaligem Bürgermeister und Ihrem Vorgänger angespannt. Wie gehen Sie mit dieser Altlast um?

Kamis: Über die Altlast werde ich nicht spekulieren und auch nicht in die Vergangenheit schauen. Diese lässt sich nicht mehr ändern. Was wir ändern und gestalten können, ist die Zukunft. Und diese erscheint mir zuversichtlich. Ich bin im regelmäßigen und guten Austausch mit Herrn Bökenkröger. Zudem habe ich bereits viele Kollegen der Stadt kennenlernen dürfen und wurde sowohl von meinen Mitarbeitenden als auch den handelnden Akteuren der Stadt herzlich aufgenommen. Die ersten Anknüpfungspunkte sind erkannt. Die Grundlagen für eine vertrauensvolle Kooperation und Zusammenarbeit wurden aufgrund der Bereitschaft zum Austausch geschaffen. Entwicklungspotenziale bei der SGH als auch in der Zusammenarbeit mit der Stadt sind vorhanden.

Bei Ihrer Vorstellung haben Sie erklärt, mit dem neuen Bürgermeister Lars Bökenkröger auf einem Nenner zu sein, dass Bad Oeynhausen bezahlbaren Wohnraum braucht. Was wird das mittelfristig bedeuten?

Kamis: Dessen Schaffung und Bewirtschaftung ist originäre Aufgabe eines kommunalen Wohnungsunternehmens. Wir verstehen uns bei der SGH als verlängerte Werkbank der Stadt, sind uns unserer Verantwortung bewusst und nehmen uns perspektivisch der Aufgabe an. Wichtig ist es, nicht am Bedarf vorbeizubauen. Daher befürworte ich den Austausch und die Abstimmung mit den Verantwortungsträgern der Stadt und weiteren Akteuren. Das Motto muss heißen: Kooperation statt Isolation.

Was heißt das perspektivisch?

Kamis: Für uns als SGH mittelfristig, dass wir unsere Möglichkeiten in allen Bereichen prüfen müssen. Schließlich haben wir seit 20 Jahren nicht mehr gebaut. Das heißt, dass nicht nur die Finanzierbarkeit gewährleistet sein muss, sondern auch die internen Fähigkeiten und Ressourcen auf den unternehmerischen Prüfstand gestellt werden. Ein Neubau hat technisch andere Anforderungen als das operative Tagesgeschäft in der Kleininstandhaltung.

Bis zum ersten Quartal 2021 wollen Sie sich einen Überblick über den Wohnungsbestand, etwa 1300 eigene Wohnungen sowie 1000 Wohnungen in der Verwaltung, verschaffen, um ein Konzept für die nächsten Jahre zu entwickeln. Welchen Eindruck haben Sie gewonnen, zwischen „Alles Gold, was glänzt“ bis zu „unerwarteten Überraschungen“?

Kamis: Ich bin seit mehr als 17 Jahren in der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft in Führungspositionen tätig. Daher habe ich bis dato keine unerwarteten Überraschungen im Bestand erlebt. Ich erkenne jedoch sowohl intern bei der SGH als auch in den Wohnungsbeständen Entwicklungspotenzial und Gestaltungsmöglichkeiten. Um die Entwicklung und Positionierung der Wohnungsbestände transparenter darzustellen, bietet sich das strategische Portfoliomanagement an. Das verhindert, dass unter anderem Modernisierungsmaßnahmen oder andere Investitionen im Wohnungsbestand auf „Bauch-Entscheidungen“ basieren.

Die SGH wird sich also in Zukunft wieder mehr in der Rolle als Bauherr wiederfinden. Welche Qualitätsstandards verbinden Sie damit? Welche Rolle kommt dabei der Klimabilanz von Gebäuden zu?

Kamis: Die Anforderungen an die Qualitätsstandards dürften je nach Segment und Zielgruppe abweichen. Wenn wir die SGH neu positionieren möchten, müssen wir einige Themen „neu denken“. Damit meine ich, dass wir als kommunales Wohnungsunternehmen neben dem Wohnungsbau perspektivisch auch anderen Segmente beziehungsweise Teilmärkte wie soziale Infrastrukturen berücksichtigen sollten. Dazu zählen unter anderem Kindertagesstätten, Schulen, Wohngruppen, Frauenhäuser oder Quartierstreffpunkte.

Der Klimaschutz spielt sowohl im Bestandsgebäude als auch im Neubau eine wesentliche Rolle – nicht nur bei der SGH, sondern in der bundesweiten Betrachtung. Ich sehe die Ziele 2050 für den klimaneutralen Gebäudebestand aufgrund unterschiedlichster Einflussfaktoren als gefährdet.

Woran machen Sie das fest?

Kamis: Beispielsweise beträgt die Sanierungsquote im Gebäudesektor für energetische Modernisierungen in Deutschland aktuell ein Prozent. Zur Erreichung der Klimaschutzziele müssten die Anstrengungen auf zwei bis drei Prozent erhöht werden und die Mieten trotzdem für breite Schichten der Bevölkerung, das heißt für mittlere bis geringe Einkommen, bezahlbar bleiben. Die Wohnungswirtschaft ist zwischen Klimapolitik und Mietrecht geraten.

Welche Rolle schreiben Sie dem Bildungszentrum in Rehme unter dem Dach der SGH zu?

Kamis: Wir konnten den Vertrag Mitte Dezember um fünf Jahre verlängern und haben mit dem Objekt als Betreiber bundesweit ein Alleinstellungsmerkmal. Es macht mich stolz, dass wir als SGH über die immobilienwirtschaftliche Verantwortung hinaus ebenso gesellschaftspolitische Verantwortung übernehmen und unseren Beitrag leisten. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass sowohl die Einrichtungsleiterin des Bildungszentrums und der Leiter des Bildungszentrums, das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben, mit ihrem enormen Einsatz und Engagement maßgeblichen Anteil am Erfolg der Einrichtung haben. Wir prüfen optionale Maßnahmen und weitere Nutzungsmöglichkeiten.

Seit dem Wintersemester 2014 haben Sie einen Lehrauftrag im Bereich Unternehmensführung an der EBZ Business School. Werden Sie ihn weiterführen? Welche Relevanz hat er für Ihre Tätigkeit bei der SGH?

Kamis: Sie beeinträchtigt meine Aufgaben bei der SGH nicht – vielmehr profitiert die SGH sogar. Die Teilnehmer sind in der Regel berufsbegleitend Studierende und in Führungspositionen. Insofern ist es mir möglich, mein wohnungswirtschaftliches Netzwerk zu erweitern, die Erfahrungen von anderen Unternehmen gewinnbringend für die SGH einzusetzen sowie Talente für uns zu gewinnen. Ferner sind die Vernetzungen zu den Dachverbänden der Branche, wie zum Beispiel zum Zentralen Immobilien Ausschuss, hilfreich, um die SGH über Bad Oeynhausen hinaus in der Wohnungswirtschaft einzubringen.

In Bad Oeynhausen ist auf der Ebene des Kirchenkreises und des Seniorenbeirates jüngst eine Debatte über Wohnformen für Senioren angestoßen worden. Welche Modelle haben hier aus Ihrer Sicht Zukunft?

Kamis: Hier kommt uns meine bundesweite Vernetzung und der regelmäßige Austausch zur Branche zu Gute. In der Wohnungswirtschaft gibt es viele Modelle. Beispielsweise haben die Kollegen vom kommunalem Wohnungsunternehmen aus Bielefeld bundesweit mit ihrem „Bielefelder Modell“ Beachtung und Anerkennung gefunden. Es ermöglicht Senioren und Menschen mit Behinderung ein selbstbestimmtes Wohnen mit Versorgungssicherheit, ohne dass eine Betreuungspauschale anfällt.

Darüber hinaus wurde das Projekt „SOPHIA“ ins Leben gerufen und wird ebenfalls von einem kommunalen Wohnungsunternehmen, aus Berlin, begleitet. Das Innovationsfondsprojekt „Virtuell betreutes Wohnen“ stellt in einer Kombination aus technischer Betreuung und persönlicher Fürsorge eine Versorgung für ältere Menschen in den eigenen vier Wänden sicher. Hierbei übernimmt „SOPHIA“ das Monitoring sowie die soziale Betreuung. Ich bin der Überzeugung, dass im gemeinsamen Austausch viele gute und kluge Lösungen entwickelt werden können.

Die Pandemie wird sich, wenn auch erst zeitverzögert, im Immobilienbereich auswirken. Wird das auch auf das Geschäftsmodell der SGH Einfluss haben?

Kamis: Die tatsächlichen Auswirkungen lassen sich zeitverzögert feststellen. Derzeit können wir lediglich mit Annahmen arbeiten.

Was heißt das genau?

Kamis: Aus meiner Sicht wird sich die Nachfrage sowie die Nutzung von Büro- und Gewerbeimmobilien ändern. Da wir unseren Schwerpunkt im Wohnbereich haben, sind wir zunächst nicht von enormen Mietausfällen betroffen. Branchen-Kollegen bestätigen eine Mietausfallquote beziehungsweise Stundungen von ein bis zwei Prozent über den gesamten Wohnungsbestand. Insofern ist die prognostizierte Ausfallquote und die damit verbundene Kündigungswelle erfreulicherweise ausgeblieben. Signifikante Einflüsse auf das Kern-Geschäftsmodell erkenne ich derzeit nicht. Wir haben einen gesellschaftlichen Versorgungsauftrag – unabhängig von derzeitigen Begleitumständen. Das entbindet uns aber nicht davon, das Kerngeschäft mit weiteren Entwicklungen anzureichern.

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