Beim Kabarett von Jürgen Becker im Theater im Park fliegen die Fetzen
Scharfzüngig, intelligent, unterhaltsam

Bad Oeynhausen (WB). Seine Speerspitze trifft mitten in die Komfortzone des Durchschnittsbürgers: seichtes Wirtschafts-Wachstum, gefälliger Wohlstand und das (blinde) Vertrauen, die Politik werde sich um die Wichtigkeiten dieser Welt schon kümmern. Aus diesem Dornröschenschlaf hat Jürgen Becker das Publikum im Theater im Park unsanft wachgerüttelt.

Montag, 05.10.2020, 06:00 Uhr
Jürgen Becker hat das Publikum in Bad Oeynhausen unsanft wachgerüttelt. Foto: Gabriela Peschke

Denn mit seinen klug recherchierten Fakten zur Einbahnstraße des Kapitalismus nahm er die Zuhörer mit in eine Betroffenheit, die hinter allem Humor eine ernste Botschaft hatte: Leute, schnallt Euch an für die Achterbahnfahrt der kommenden Jahre!

Sezierender Blick

Da war nichts, was dem sezierenden Blick des routinierten Kabarettisten verborgen geblieben wäre: In seinem Rundumschlag durch Wirtschaft, Politik und Gesellschaft stellte der aus Rundfunk und Fernsehen bekannte Mann an den Pranger, was eigentlich alle wissen, aber wogegen man sich offenbar ohnmächtig fühlt.

Der drängende Klimawandel und die Ausbeute von Ressourcen, die Schieflage im Gesundheitssystem, die vermeintlichen Vorzüge der Digitalisierung. Die große Bühne der Weltpolitik Chinas und der USA nahm er genauso ins Kreuzfeuer wie die „Kabinettstückchen“ im heimischen Berlin.

Vor allem: Jürgen Becker bewies erneut, wie er den herben Beigeschmack der Brisanz mit so einer kräftigen Prise Humor zu würzen vermochte, dass das Kabarett den Zuschauern auf der Zunge zerging.

„Werbung für Antidepressiva“

„Die Zukunft ist immer ungewiss“, so das Eingangs-Statement des 61-Jährigen, der in Jeans und Turnschuhen, mit losem Jackett und Dreitagebart einen recht jugendlichen Eindruck erweckte. Dagegen spielte er schnell seine „Altersweisheit“ aus: Gestern war nicht nur alles anders, sondern auch leichter und vielleicht besser – ohne Digitalisierung. Denn weder Google noch die Tank-Apps der Elektrozapfsäulen speicherten die Daten zum Konsumverhalten.

Auch musste man nicht über algorithmische Selektion auf einer Computer-Plattform den Partner für den nächsten Lebensabschnitt ausmachen. Was heute mit künstlicher Intelligenz als Allround-Kitchen-Aid daherkommt, „hieß früher schlicht: Mutti“, so der Kabarettist.

Und: „Wer heutzutage zehnmal FDP im Browser eingegeben hat, bekommt automatisch Werbung für Antidepressiva“, schoss er nicht nur gegen Suchmaschinen, sondern auch gegen die heimische Politik. Spontanbeifall, wie so oft an diesem unterhaltsamen Abend, war der Lohn für klug gewählte Worte und manch pointierte Spitze.

Das „durchökonomisierte Wirtschaftssystem“, das keinen Platz lässt für Menschlichkeit in der Medizin, keine Wertschätzung hat für Ethik in der Politik und die Bürger behandelt, als wären sie „optimierte Leistungsfacetten“ – diesem Rundumschlag gilt in den knapp 90 Minuten die volle Aufmerksamkeit und das scharfe Wort des Rheinländers.

Ja, die alten Zeiten!

Waren das noch Zeiten, als die Hunde über die Postboten herfielen, während heute „die gehetzten Zusteller so mager sind, dass an ihnen nichts mehr dran ist“, wetterte Becker gegen prekäre Arbeitsverhältnisse. Auch „ehrenwerte Berufe“, die früher in die Namensgebung Eingang fanden, wie Schmied oder Müller, müssten heute in abgewandelter Form als „Back Street Boy“ statt Bäcker oder Petra Praktikum und Lothar Leiharbeiter Verwendung finden.

Ein Gesundheitssektor mit 240 Milliarden Euro Umsatz, so hatte Becker recherchiert, der auf Apparatemedizin setze und dessen Fallpauschalen in Krankenhäusern letztlich zur „englischen Entlassung, nämlich noch fast blutig“ führten, müsse dringend reformiert werden.

Seine Forderung: die Bürgerversicherung aller, auch der Beamten und Abgeordneten, eine faire Entlohnung für über 36.000 Pflegekräfte, eine optimierte Krankenhaushygiene („20.000 Tote jährlich allein durch Krankenhauskeime“!) und vieles mehr – für Beckers leidenschaftliches Plädoyer gab es schubweise immer wieder viel Applaus.

Gleichermaßen scharf schoss er gegen den desolaten Wohnungsmarkt in Großstädten, die Geltungssucht von Präsidenten, die ihren Volksauftrag vernachlässigten („So viel Versagen wie bei Donald Trump gibt es sonst nur bei Schalke 04“) oder die versteckte Macht von Monopolstrukturen.

„Das Problem ist nicht, dass wir in einer schlechten Welt leben. Sondern, dass wir uns keine bessere mehr vorstellen können“ – ein Appell aus dem Mund eines „vorsichtigen Optimisten“, der bei aller Ernsthaftigkeit den Zuschauern einen anspruchsvoll unterhaltsamen Abend bereitet hat.

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