Geschäftsführerin über die Behandlung von Covid-19-Patienten, eine mögliche Impfung, Standortfragen und mehr
HDZ: Offensive in der Pflegeausbildung

Bad Oeynhausen (WB). Soeben hat das Herz- und Diabeteszen­trum (HDZ) einen zweiten Hybrid-OP in Betrieb genommen. Im Rahmen der Pandemie hat die Klinik Covid-19-Patienten behandelt. Pflegekräfte sind auf dem Jobmarkt Mangelware. Über diese Aspekte und andere hat Claus Brand mit Dr. Karin Overlack, Geschäftsführerin im HDZ, gesprochen.

Samstag, 05.09.2020, 11:00 Uhr
Dr. Karin Overlack, Geschäftsführerin des Herz- und Diabeteszentrums in Bad Oeynhausen, steht vor dem Gebäude der Diabetesklinik, in dem derzeit Sanierungsarbeiten laufen. Rechts ist das Gebäude der Kinderherzklinik zu sehen. Foto: Marcel Mompour

 

Wie viele Covid-19-Fälle wurden im HDZ behandelt?

Dr. Karin Overlack : Elf, alle schwerst krank, alle auf der Intensivstation. Sie wurden im Regelfall lange beatmet. Sie hatten schwere Vorerkrankungen, zum Beispiel waren die Patienten herztransplantiert oder hatten eine Knochenmark-Transplantation erhalten. Sie sind aus ganz Deutschland zu uns verlegt worden. Aus der Staatskanzlei hatte es die Anfrage gegeben, Patienten aus Italien aufzunehmen. Aber OWL war mit Blick auf ihren Transport flugtechnisch schlecht erreichbar. Letztendlich ist kein Patient aus Italien zu uns gekommen. Im Moment betreuen wir keinen Covid- 19-Patienten.

 

Was heißt „lange Beatmungszeit“ in diesen Fällen?

Overlack : Da geht es um 30 Tage. Wie Mediziner weltweit, haben auch wir mit den elf Patienten viele Erfahrungen gesammelt.

 

Könnten im HDZ im Herbst kurzfristig wieder Covid-19-Fälle aufgenommen werden?

Overlack : Ja. Wir haben die Fachkompetenz zur Behandlung mit Lungen-Unterstützungs-Systemen. Wir haben 17 Geräte dafür im Haus, permanent neun freigehalten für Corona-Patienten. Erhöht sich die Zahl der Patienten mit schwerem Verlauf, stehen wir bereit, sie aufzunehmen. Nachdem wir eine Einschränkung der Intensivkapazitäten für unsere schwerkranken Herzpatienten nicht in Kauf nehmen konnten, und um der Regel des Landes zu entsprechen, kurzfristig 30 Prozent der Kapazitäten bereitstellen zu können, halten wir aktuell 28 Intensivbetten bereit. Sie sind alle zusätzlich, quasi „on top” zu den bestehenden 99 aufgebaut.

 

Wo liegt mit Blick auf die Pandemie der Unterschied zwischen Mitte März und heute?

Overlack : Am Anfang waren die organisatorischen Herausforderungen groß. Alles war neu. Wir hatten täglich Corona-Taskforce-Sitzungen. Wir hatten Mitarbeiter, die zwei Mal die Woche in den Krisenstab des Kreises entsandt wurden. Das hat sich entspannt. Wir tagen inzwischen im Abstand von zwei Wochen, zwischenzeitlich sogar noch seltener. Aber aufgrund der Reiserückkehrer sind die Besprechungen jetzt wieder im 14-tägigen Rhythmus.

 

Gab es Engpässe im HDZ bei der Schutzkleidung?

Overlack : Gott sei Dank zu keinem Zeitpunkt. Bei FFP2-Masken und auch bei normalen Mund-Nasenschutz-Masken waren Versorgungswege aus China abgeschnitten. Es wurde nichts mehr geliefert. Die Produktionsstätten dort waren zum Teil geschlossen. Diese Gesamt-Gemengelage und der Aspekt, dass die ganze Welt zu kaufen versuchte, führte zu einem massiven Preisanstieg. Ein normaler Mund-Nasen-Schutz lag ursprünglich bei sechs Cent. Der Preis ging hoch auf über einen Euro. Es gab keinen Moment, wo wir innerhalb weniger Tage Pro­bleme bekommen hätten. Aber auch ein noch für zwei Wochen reichender Vorrat kann für Unruhe im Haus sorgen, weil niemand sich vorstellen möchte, ohne entsprechende Schutzkleidung und angemessene Hygienematerialien am Arbeitsplatz zu sein. Unsere Herausforderung war, diese Aufgabe gut zu händeln, Sicherheit zu vermitteln. Das haben wir geschafft.

 

Konnten Sie allen Covid-19-Patienten helfen?

Overlack : Nein. Deutschlandweit sind 50 Prozent der beatmeten Patienten verstorben. Das ist bei uns vergleichbar. Wir hatten hier im Haus die schwersten Fälle. Trotzdem ist es gelungen, bei der Sterblichkeit den Wert des Bundesdurchschnittes zu halten. Das ist aus meiner Sicht ein dennoch überzeugendes Ergebnis und spricht für die Fähigkeiten unseres Intensivteams. Natürlich erscheint das für einen Ausstehenden immer noch sehr hoch.

 

Klinikbetrieb zwischen Daseinsfürsorge und Kommerz: Jüngst hat Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, erklärt, wäre man Studien zum Abbau von Krankenhaus-Kapazitäten gefolgt, hätte es in Deutschland in der Pandemie zu Situationen wie in Italien kommen können. Hat er Recht?

Overlack : Schlüsselfrage ist: Bedeutet eine Reduzierung von Krankenhaus-Standorten eine Reduzierung von Intensivbetten? Geht man davon aus, dass eine Zentralisierung des Krankenhaus-Sektors zur Stärkung der Maximal-Versorgung führt, dann würde ich das so nicht voll teilen. Andererseits wäre es so, dass Patienten, die bildlich gesehen mit Fieber vor einer Krankenhaus-Tür stehen, wenn sie sich auf weniger Krankenhaus-Standorte verteilen müssen, an einigen Standorten in einer Pandemie für einen größeren Ansturm sorgen würden. Dann könnte es schwieriger sein, ein größeres Infektionsgeschehen zu managen, dass es auch nicht zu Ausbrüchen in den Häusern kommt. Vom Grundsatz her ist eine flächendeckende Versorgung wichtig – auch wenn der eine oder andere Standort in Deutschland zur Disposition steht. Ich würde nie vorschlagen, 2000 Häuser auf 200 zu reduzieren. Bei schweren Akut-Erkrankungen ist es nicht im Sinne der Patienten, weite Strecken zurückzulegen.

Vor wenigen Tagen hat NRW-Gesundheitsminister Laumann verdeutlicht, dass in Nordrhein-Westfalen ein Krankenhaus für 90 Prozent der Menschen in 20 Minuten erreichbar sein müsse. Um in einer Krise keine Probleme zu bekommen, müsse man einen gewissen Puffer an Überkapazitäten finanzieren. So eng wie vor Corona könne man nicht mehr planen. Sehen Sie dies auch so?

Overlack : Er hat das Krankenhaus-Gutachten in Auftrag gegeben, um sich ein Bild zu machen, wer an welcher Stelle welches Leistungsspektrum erbringt. Mit Blick auf Leistungsgruppen sollte die Frage beantwortet werden: Was kann man zentralisieren und was nicht? Er hat immer gesagt: Innerhalb von 30 Minuten soll man ein Krankenhaus erreichen können. Jetzt sagt er 20 Minuten für 90 Prozent. Das könnte mit 30 Minuten für alle identisch sein. Beim Thema Herzinfarkt würde ich diesen Zeitangaben zustimmen. Aus dem Krankenhaus-Gutachten-NRW lässt sich für OWL für den Herzbereich kein Handlungsbedarf ableiten. Wir sind hier gut aufgestellt. Wir können dankbar sein, dass es hier auch andere Krankenhäuser gibt, die im kardiologischen Bereich überzeugende Leistungen erbringen. Die Situation hier ist anders als im Rheinland. Dort haben sie eine Ballung von Maximalversorgung, die schwer verständlich ist, mit direktem Konkurrenzkampf nicht immer nur automatisch zum Wohl des Patienten. Dort lassen sich Doppelvorhaltungen reduzieren.

 

Wie sehen Sie den Wettstreit der Kliniken untereinander, so um qualifizierte Mitarbeiter?

Overlack : Leider haben wir bundesweit einen Fachkräftemangel, gerade in der Pflege. Die Konkurrenzsituation wird verschärft durch die Pflegepersonal-Untergrenzen. Häuser, die in der Vergangenheit zu Lasten der Pflege gespart haben, sind jetzt gezwungen, Personal aufzustocken. Das bedeutet einen massiven Zugriff auf limitierte Ressourcen von einer neuen Seite. Wenn das gekoppelt ist mit einer Ausfinanzierung der Pflegepersonalkosten auf Station, wie es das Pflegepersonalstärkungsgesetz vorsieht, dann führte diese von der Politik geschaffene Situation dazu, dass sich der Personalmangel in der Pflege deutlich verschärft.

 

Ist die Personalsuche für das HDZ leichter als für andere?

Overlack : Da würde ich unterscheiden zwischen Ärzten und Pflegepersonal. Ärzte sind in einer anlaufenden Karriere mobiler als Pflegekräfte. Bei Ärzten hat das HDZ einen enormen Stellenwert. Für uns bedeutet das einen deutschlandweiten Zugriff. Beim Pflegepersonal haben wir nicht zwingend einen Vorteil. Wir haben 99 Intensivbetten mit der Betreuung schwerstkranker Patienten. Das ist herausfordernd mit einem anderen Anspannungsgrad. Das kann nicht jeder. Bei der Vergütung sollte das meiner Meinung nach berücksichtigt werden, mit einer tariflichen Anpassung, die den hausspezifischen Unterschieden Rechnung trägt. Es bringt dabei nichts, wenn einzelne Häuser anfangen, Zulagen zu zahlen.

 

Wie viele Pflegekräfte könnten Sie sofort einstellen?

Overlack : Die von uns für Dezember beziehungsweise Mitte 2020 eingeplanten insgesamt 40 Pflegekräfte von den Philippinen sind noch nicht da. Zunächst kämpften wir mit massiv steigenden Wartezeiten auf Visa. Dann kam Corona mit einem Ausreiseverbot von dort für medizinisches Fachpersonal. Wir gehen davon aus, dass sie kommen, wissen aber nicht wann, hoffentlich noch 2020. Durch die Ausfinanzierung der Stationspflege kann jedes Haus es sich momentan leisten, jede verfügbare Pflegekraft einzustellen. Es wird keiner den Fehler begehen, im Zweifel nicht einen Schluck mehr aus der Pulle zu nehmen, als er bräuchte. Das gilt auch für uns. Grenzen setzen nur die Möglichkeiten, neue Leute einzuarbeiten. 50 wäre eine für uns gesamtverträgliche Zahl. Mit Blick auf Personal, das in Rente geht, brauchen wir künftig etwa 75 neue Pflegekräfte pro Jahr.

 

Zum 1. Oktober soll die Zahl der Ausbildungsplätze am HDZ für Pflegeberufe erhöht werden. Welche Bedeutung kommt dabei der Pflegeschule auf dem Herforder Bildungscampus zu, die im Oktober öffnet?

Overlack : Die Hälfte der Ausbildungsplätze ist dort angesiedelt, auch die 15, die von Bünde aus dorthin verlagert werden. Wir wollen uns auf 100 Absolventen pro Jahr voranarbeiten, um über den eigenen Fluktuations- und Ruhestandsbedarf hinaus auszubilden. 25 Ausbildungsplätze gibt es in Minden, 75 sollen es in Herford werden. Irgendwann haben wir auf drei Jahre geblickt dann 300 Auszubildende in der Pflege. Im Jahr 2019 waren es 50 Plätze.

 

Das Diabeteszentrum wurde/wird grundsaniert. Sind alle Arbeiten abgeschlossen?

Overlack : Zuerst haben wir die Transplantationsstation saniert, dann die für mechanische Kreislaufunterstützungssysteme. Die Station darunter, die D2 mit 50 Betten, wurde im Frühjahr planmäßig an das Diabeteszentrum übergeben. Jetzt läuft die Kernsanierung der Station im ersten Stock. Dies dauert ein Jahr. Im Frühjahr 2021 soll sie fertig sein. Im HDZ ist dann alles etwa auf gleichem Level, mit Ausnahme einer Intensivstation mit mehr als 20 Betten, die noch saniert wird.

 

Das HDZ hat jüngst fast zwei Millionen Euro in einen zweiten Hybrid-OP investiert. Welche großen Investitionen stehen in diesem Jahr und 2021 an?

Overlack : Die Katheter-Großanlagen sind entweder neu beziehungsweise für die Kinderklinik gerade ausgeschrieben. Der Ersatz wird noch in diesem oder im nächsten Jahr erfolgen. Es ist eine zwei Ebenen-Anlage. Sie wird mehr als eine Million Euro kosten. Weiter wird es um Großgeräte wie MRT gehen. Da gibt es Wünsche aus der Radiologie. Bei der genannten Intensivstation wird auch das komplette Leitungssystem erneuert werden.

 

Was gibt es aus Sicht des HDZ Neues zur Überlegung, Krankenhaus und Auguste-Viktoria-Klinik in der Nachbarschaft an einem Standort zu vereinen?

Overlack : Es bleibt dabei. Es ist für das HDZ von großer Bedeutung, das Krankenhaus in unmittelbarer Nachbarschaft zu erhalten. Bei der Parksituation würde ich gerne Entlastung schaffen. Ich bin selber gehandicapt mit eigenen Planungen, so lange ich nicht genau weiß, wie in diesem Bereich die Planungen für das Krankenhaus aussehen. Bei einer Annahme, dass am jetzigen Krankenhaus-Standort später ein Parkhaus steht, macht es wenig Sinn, wenn ich jetzt eins baue.

 

Mit welchem Zeitrahmen rechnen Sie beim Krankenhaus-Projekt?

Overlack : Es wird ein ausschreibungspflichtiges Projekt sein mit entsprechendem Vorlauf. Bis zur Fertigstellung muss man mit einem längeren Zeitraum rechnen. Für die Mitarbeiter und Patienten würde ich mir wünschen, dass die Pläne rasch umgesetzt werden. Wenn man das Krankenhaus Bad Oeynhausen betritt, denkt man schon: Man könnte ein bisschen etwas neu machen. Aber wie will man im Bestand sanieren, wenn man eigentlich den Neubau vor der Nase hat? Mich würde freuen, wenn das Projekt Fahrt aufnimmt.

 

In welcher Forscherrolle sehen Sie das HDZ mit Blick auf das Coronavirus?

Overlack : Durch unseren großen Blutspendedienst und unser Labor waren wir sehr schnell in der Zulassung von Antikörperplasma. Ich finde es toll, wie viele Spender sich freiwillig gefunden haben, um Antikörperplasma zu spenden. Man nimmt ihnen Blutplasma ab, in dem sich Antikörper befinden. Von dem gespendeten Plasma erhält ein Akut-Patient an drei Tagen jeweils 250 Milliliter. Nächster Schritt ist es, Möglichkeiten zu finden, ein konzentriertes Antikörperplasmaserum herstellen zu können, wie wir es beispielsweise bei der passiven Immunisierung gegen Tetanus kennen. Aber auch unseren transplantierten Patienten stehen bei bestimmten Virusinfektionen spezifische Serumpräparate im Bedarfsfall zum sofortigen Schutz zur Verfügung.

 

Sie sind Ärztin. Wann rechnen Sie mit einem Impfstoff? Würden Sie sich impfen lassen?

Overlack : Ich glaube, dass wir einen Impfstoff haben werden. Zum Zeitpunkt wage ich keine genaue Prognose, hoffentlich in halbwegs realistischer Zeit. Ich würde mich impfen lassen. Als Mitarbeiter einer Gesundheitseinrichtung sind wir moralisch verpflichtet, die Patienten zu schützen. Wir können es uns nicht leisten, ungebremst ein Virus im Haus zu verbreiten. Auch als Privatperson ohne diesen Bezug würde ich das so sehen, weil ich und meine Familie dann geschützt sind. Ich würde mich mit einem in Deutschland zugelassenen Präparat gegen das Virus impfen lassen.

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