Vor 75 Jahren begann die Besatzung der Innenstadt von Bad Oeynhausen durch die britische Rheinarmee
Zwischen Krieg und Frieden

Bad Oeynhausen (WB). Mit der bedingungslosen Kapitulation aller deutschen Streitkräfte am 8. Mai 1945 war der Zweite Weltkrieg in Europa zwar offiziell zu Ende. Für die Menschen in Bad Oeynhausen waren die unmittelbaren Folgen allerdings bis 1954 zu spüren. Am 12. Mai 1945 begann die neun Jahre dauernde Besatzung eines Großteils der Innenstadt durch die britische Rheinarmee.

Donnerstag, 07.05.2020, 06:30 Uhr
Rendezvous an der Stacheldraht-Barriere: Diese Aufnahme aus der Besatzungszeit in Bad Oeynhausen ist vermutlich nahe der Südbahn entstanden. Foto: Stadtarchiv Bad Oeynhausen

Nach schwerwiegenden Bombenangriffen mit insgesamt etwa 220 Toten auf die Weserhütte, den Südbahnhof und die Oeynhausener Schweiz am 30. März 1945 markiert der 3. April 1945 ein weiteres historisches Datum. „An diesem Tag war der Zweite Weltkrieg in Bad Oeynhausen zu Ende“, sagte Stadtarchivarin Stefanie Hillebrand dem WESTFALEN-BLATT. Die Stadt sei kampflos an die amerikanischen Truppen übergeben worden.

Räumung war absehbar

Zwei Wochen später sei die Zuständigkeit für die Kurstadt von den amerikanischen zu den britischen Streitkräften gewechselt. Dass sie am 3. Mai die Räumung von Großteilen der Innenstadt angeordnet hätten, um dort das Hauptquartier der britischen Rheinarmee einzurichten, sei rückblickend nicht verwunderlich.

„Mit ihren Kliniken und Sanatorien waren Kurstädte wie Bad Oeynhausen bestens mit allem ausgerüstet, was für die Genesung Kriegsversehrter benötigt wurde“, sagte Stefanie Hillebrand. Auch während des Krieges habe es ja in der Stadt Lazarette gegeben.

Kurstadt bewusst geschont

Wie in der Chronik der Stadt Bad Oeynhausen nachzulesen ist, hatten jedoch viele Bad Oeynhausener nach dem Abschluss der Kampfhandlungen geglaubt, das Schlimmste sei nun überstanden. Sie seien sicher gewesen, dass eine Stadt wie Bad Oeynhausen – „eine international bekannte Heilstätte“ – nun bald wieder ihrer Bestimmung werde dienen können.

Wie der von der Militärregierung eingesetzte Bad Oeynhausener Bürgermeister Dr. Walter Kronheim in der Stadtvertretersitzung am 7. Mai 1945 erläuterte, sei die Räumungsverfügung zwar auch für die Stadtverwaltung überraschend gekommen. Dass die Stadt Bad Oeynhausen Sitz des britischen Hauptquartiers werden sollte, sei nach Angaben hoher britischer Offiziere aber bereits 1943 ins Auge gefasst worden.

Dafür soll es Anzeichen gegeben haben. So hält sich bis heute das Gerücht, dass die Briten schon im Krieg Flugblätter mit dem folgenden Text abgeworfen hätten: „Bielefeld und Minden werden wir schon finden. Bad Oeynhausen werden wir schonen. Da wollen wir selber wohnen.“ Belegt ist die tatsächliche Existenz derartiger Flugblätter laut Chronik der Stadt Bad Oeynhausen aber nicht.

Tausende werden evakuiert

Um die Auswirkungen des Räumungsbefehles zu verdeutlichen, benannte Stefanie Hillebrand verschiedene Zahlen: „23 Prozent des Stadtgebietes mit 55 Prozent der Wohnungen waren betroffen.“ Zwischen der Bekanntgabe des Räumungsbefehls und dem geforderten Ende der Evakuierung lag gerade einmal eine gute Woche.

Laut Räumungsbefehl durften die Evakuierten Lebensmittel und Kohlen; Decken, Bettbezüge, Federkissen; nötige Ess- und Kochgeräte; Fahrräder und kleine persönliche Gegenstände wie Papiere mitnehmen. In den Häusern zu lassen waren Möbelstücke, Betten, Matratzen, Teppiche, Vorhänge oder auch Verdunklungsblenden.

Bürgermeister Dr. Walter Kronheim war zudem aufgefordert, dafür zu sorgen, dass die Evakuierten alle Zimmer und Schranktüren offenlassen und dass diese mit Schlüsseln versehen sind. „Die Hausschlüssel sind mit Adressen verzeichnet bei Ihnen abzugeben“, heißt es weiter in dem an Walter Kronheim gerichteten Befehl.

Überall Stacheldrahtzäune

Bereits während der Evakuierung bekamen die Betroffenen die ersten Auswirkungen der neuen Besatzungszone zu spüren. „Das evakuierte Gebiet wurde mit Stacheldraht eingezäunt, und an den Ein- und Ausgängen wurden Schlagbäume errichtet“, erläuterte Stefanie Hillebrand.

Wie aus dem Band „Bad Oeynhausen zwischen Krieg und Frieden“ hervorgeht, mussten aufgrund des Räumungsbefehls zwischen 6500 und 9000 Menschen ihr Zuhause verlassen. „Hinzu kommen viele Flüchtlinge“, erläuterte Stefanie Hillebrand.

Viele hätten sich während der Evakuierung Mut zugesprochen, weil sie davon ausgegangen seien, bald wieder in ihre Häuser zurückkehren zu können. „Dass die Besatzung durch die Briten neun Jahre dauern würde, hatte zu Beginn wohl keiner vermutet“, sagte die Stadtarchivarin.

Vielerorts Zutritt verboten

Ohne Weiteres ist es den Deutschen laut Stefanie Hillebrand während der Besatzung nicht gestattet gewesen, das Gelände des Hauptquartiers der britischen Rheinarmee zu betreten. Viele hätten dort allerdings gearbeitet.

Andere hätten sich nachdem Verlust ihres Zuhauses in der Innenstadt von Bad Oeynhausen außerhalb etwas Neues aufgebaut. Rund um die Einmündung Mindener Straße/Eidinghausener Straße seien beispielsweise in der Nachkriegszeit viele Baracken entstanden, in denen sich neues Gewerbe angesiedelt habe.

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