Patrick Zahn spricht Im Interview über die Zeit nach der Pandemie
Wirtschaftsförderer spricht über Auswirkungen der Corona-Krise

Bad Oeynhausen (WB). Gerade in diesen Tagen ist Patrick Zahn, Wirtschaftsförderer der Stadt, gefordert. Handel, Dienstleister und Unternehmen, ob groß ob klein, kämpfen mit den Folgen der Corona-Krise. Dieser Zeitung stand er im Interview dazu Rede und Antwort. Mit ihm sprach Claus Brand.

Samstag, 04.04.2020, 09:02 Uhr aktualisiert: 04.04.2020, 09:20 Uhr

Die Plattform citybadoeynhausen.de, die Gewerbetreibende und Kunden vernetzen soll, steht. Hätten Sie gedacht, dass dies so schnell möglich ist?

Patrick Zahn : In der Vergangenheit hat es zwei Versuche gegeben, eine solche Plattform ins Leben zu rufen. Doch das Interesse der Dienstleister, Gastronomen und Einzelhändler war nicht so groß, dass es zur Realisierung kam. Durch nun wesentlich veränderte Rahmenbedingungen hat sich auf einen Schlag die Bereitschaft zum Mitmachen wesentlich verändert. Durch den Wegfall üblicher Vertriebsformen musste schnell eine kreative und unkomplizierte Lösung gefunden werden. Größte Herausforderung war, schnell ein sinnvolles Angebot zu schaffen. Wir haben von der umfangreichen Shoppingplattform mit allen Vertriebsmöglichkeiten bis zur online gestellten Excelliste alles in Betracht gezogen. „Wir”, das sind Beate Krämer, Staatsbad-Geschäftsführerin, Irina Hanke vom Stadtmarketing und ich. Die besonderen Umstände erforderten ein Ergebnis, mit dem sich alle Interessierten identifizieren könnten. Es kann sich sehen lassen und ist ausbaufähig. Wir bitten weitere Händler, Gastronomen und Dienstleister, sich im Portal eintragen zu lassen.

Was ist im Blick auf die Plattform noch zu tun?

Zahn : Sie muss beworben werden. Sie muss Akzeptanz unter den Bad Oeynhausenern erlangen, die der besonderen Situation gerecht wird. Wenn die Bürger etwas benötigen, sollten sie erst auf der Plattform nachschauen und möglichst Angebote lokaler Einzelhändler, Gastronomen oder Dienstleister nutzen. So kann der Bad Oeynhausener Bürger dem Bad Oeynhausener Händler helfen und Solidarität beweisen.

93 Einzelhändler, Gastronomen oder Dienstleister nutzen Plattform

Welche Optionen bietet die Plattform nach der Krise?

Zahn : In der ersten Phase haben sich 61 Einzelhändler, Gastronomen oder Dienstleister angemeldet. Wir glauben, dass es mehr Potenzial gibt. Wir wünschen uns deutlich mehr teilnehmende Unternehmen. Aktuell sind es 93, Stand Donnerstagabend. Es ist zukünftig nicht nur denkbar, Bad Oeynhausener Betriebe beim Aufbau einer eigenen kleinen Website zu unterstützen, sondern die Plattform zum Bad Oeynhausener Online-Marktplatz zu entwickeln, vielleicht mit angeschlossenen Shop-Funktionen. Das kann nur im Bewusstsein erfolgen, dass sich auch die Plattform-Nutzer zukünftig finanziell engagieren. Aktuell hat das Staatsbad die Einrichtungs-, Entwicklungs- und Gestaltungskosten getragen. Jetzt gestartete Marketingmaßnahmen werden von Staatsbad, Stadtmarketing und Wirtschaftsförderung finanziert. Die Bereitschaft, sich zukünftig mehr einzubringen, ist da. Das entnehme ich den vielen positiven Rückmeldungen.

Welche Sorgen aus Wirtschaft und Handel spielen derzeit die größte Rolle?

Zahn : Die angeordneten Beschränkungen sind eine existenzielle Bedrohung für manches Unternehmen. Aufwendungen für Miete, Waren und Personal müssen in vielen Geschäftsbereichen trotz Umsatzrückgängen oder -ausfällen gezahlt werden. Die Beratung kleinerer Betriebe und Kleinstbetriebe spielte in der vergangenen Woche die größte Rolle. Insbesondere im Vorfeld zur Beantragung der Soforthilfen bestand allergrößter Beratungsbedarf. Hier galt es, teilweise sehr ergreifende Einzelschicksale mit viel Fingerspitzengefühl durch die Situation zu begleiten.

Wie praxisnah sind die Förderprogramme von Land und Bund? Wo muss nachgebessert werden?

Zahn : Die seit Freitag der Vorwoche angebotenen Soforthilfen sind für viele Kleinstunternehmer überlebensnotwendig. In den Gesprächen begrüßten die Unternehmer das Hilfsprogramm sehr. Wichtig ist, dass nicht nur die schnelle Beantragung ermöglicht wird, sondern die Auszahlung zugesagter Gelder schnell erfolgt. Besonders in den Bereichen Gas­tronomie, Einzelhandel und Dienstleistungen wird dringend finanzielle Unterstützung benötigt. Gut ist, dass die Rahmenbedingungen der Soforthilfe fortlaufend praxisnah angepasst werden.

Das Soforthilfeprogramm richtet sich nur an Firmen bis 50 Mitarbeiter. Doch eine wichtige Säule des Mittelstandes sind auch andere so genannten KMU, also Unternehmen mit mehr als 50 und nicht mehr als 249 Beschäftigten. Sicher haben solche Firmen ein Stück weit andere Absicherungsmöglichkeiten. Doch es scheint ein Systemfehler zu sein, dass es für sie keine Zuschüsse, sondern nur staatliche Kredite gibt. Es ist nicht auszuschließen, dass auch ein solcher Betrieb in der besonderen Situation in finanzielle Schwierigkeiten gerät. Bisher hat mir keiner gesagt, dass Bankbürgschaften, KfW-Kredite, Steuerstundungen und Kapitalbeteiligungen die Rettung sein könnten.

Viele Firmen, besonders auch Kleinstfirmen, nutzen das sinnvolle Instrument der Kurzarbeit, um bei sinkender Auftragslage die Mitarbeiter zu halten. 2000 Firmen sollen es in den Kreisen Minden-Lübbecke und Herford laut Hochrechnung der Agentur für Arbeit sein. Meine Nachfrage dort ergab, dass es fundierte statische Zahlen erst Ende April für Bad Oeynhausen und alle anderen Städte geben wird.

Große Solidarität macht Mut

Welchen Appell richten Sie an Banken und Sparkassen mit Blick auf die Zusammenarbeit mit den Unternehmen?

Zahn : Ich habe in der letzten Woche mit einigen Mitarbeitern unterschiedlichster Kreditinstitute gesprochen und bin mir sicher, dass niemand von ihnen einen Appell von mir benötigt, um sich der Bedeutung ihrer Aufgabe bewusst zu sein. Besonders den Hausbanken kommt wichtige Bedeutung zu. Sie übernehmen zum Beispiel das Prüfungsverfahren der KfW-Bank für das Sonderprogramm und garantieren mit ihrer Kreditzusage, dass der Kredit – bis zu 25 Prozent des Umsatzes 2019 –, in maximal fünf Jahren zurückgezahlt werden kann. Das ist keine leichte Aufgabe, weil nicht alle Antragsteller geforderte Rahmendaten einhalten werden.

Was ist für Sie auf lokaler Ebene die größte Sorge?

Zah n: Ich fürchte, dass gerade in Gastronomie und Einzelhandel einige Unternehmer an ihre finanzielle Belastungsgrenze kommen. Niemand kann vorhersagen, wie lange der Stillstand andauert. Ob gezahlte Soforthilfen ausreichen, um vielleicht ein oder zwei weitere Monate zu überstehen, wage ich zu bezweifeln. Das allein schon vor dem Hintergrund, dass dieser Zuschuss in der Steuererklärung als steuerpflichtige Einnahme zu behandeln ist und versteuert werden muss. Das könnte die ohnehin anspruchsvolle Situation der Innenstadt noch mehr beeinträchtigen.

Was macht Ihnen Mut?

Zahn : Die große Solidarität. Mieten werden gestundet, Zahlungsverpflichtungen ausgesetzt. Man findet in vielen Bereichen ein Entgegenkommen. Auch wir als Stadt haben bei unseren gewerblichen Mietverhältnissen auf die Einziehung fälliger Zahlungen verzichtet, stunden Beträge zinslos. Ferner wird es von unseren Gewerbetreibenden begrüßt, dass, wenn es wegen der Pandemie zu Liquiditätsengpässen kommt und Gewerbesteuerforderungen nicht fristgerecht gezahlt werden können, ihnen eine bis Ende 2020 befristete Stundung ohne sonst erforderliche Nachweise gewährt werden kann.

Diese Unterstützungsbereitschaft erlebe ich vielfach. Man hilft sich, wo man sich nur helfen kann. So hat zum Beispiel das Herz- und Diabeteszentrum sich vor zehn Tagen mit der Bitte an den Bürgermeister gewandt, kurzfristig eine Lagerfläche für eine Maskenlieferung zu finden. Innerhalb weniger Minuten konnten wir von der Wirtschaftsförderung eine geeignete anbieten, die ein Unternehmer in Oberbecksen ohne Umschweife bereitgestellt hat.

Ich würde mir sehr wünschen, dass dieser Gedanke auch nach dem Ausnahmezustand weitergelebt wird. Denn eines höre ich immer wieder von den Firmen, dass der Wille und die Bereitschaft, nach der Pandemie wieder ins normale Geschäftsleben zurückfinden zu wollen, riesengroß ist.

Auf welche Projekte schlägt die Krise durch? Läuft zum Beispiel bei der Sanierung des Empfangsgebäudes im Nordbahnhof alles nach Plan?

Zahn : Natürlich hat die Krise Einfluss auf einige Projekte, jedoch nur in der Form, dass es zeitliche Verschiebungen gibt. Allein schon wegen eingeschränkter Kontaktmöglichkeiten sind große Besprechungsrunden, die bei manchen Projekten unumgänglich sind, nicht realisierbar. Doch natürlich wird in den Rathäusern und in den Firmen, die nicht schließen mussten, unter Berücksichtigung der Schutzvorkehrungen weitergearbeitet. Videokonferenzen gewinnen an Bedeutung.

Zum Glück dürfen die Handwerker ihrer Tätigkeit nachgehen, und so läuft die Sanierung im Nordbahnhof weitestgehend planmäßig. Die Fensterelemente wurden gerade eingebaut, der Scheibeneinbau sollte bis zum Wochenende erfolgen. Dachdecker und Gerüstbauer beginnen ihre Arbeit, und im Innenbereich wird bald der Estrich gemacht. Der Maler streicht die Unterdeckenkonstruktion. Ziel bleibt es, dass in den Sommerferien der erste Bauabschnitt im westlichen Gebäudeteil fertiggestellt wird. Die Crêperie ist übergeben, darf aber leider wegen der Schutzverordnung nicht öffnen. Die Handwerker arbeiten in den Räumen für die Bahnhofsmission, für die Radstation und für die öffentlichen Toiletten.

„Ein gesunder Mensch hat 1000 Wünsche, ein Kranker nur einen“

Welche Auswirkungen befürchten Sie auf den Gesundheitsstandort, gerade auch mit Blick auf die Reha-Kliniken?

Zahn : Er wird hoffentlich die Krise gut überstehen. Besonders das Herz- und Diabeteszentrum scheint eine besondere Rolle in der Krisenbekämpfung zu übernehmen. Bei der Suche nach einem schnell verfügbaren Mittel gegen das Virus bereitet es sich auf die Suche nach Antikörpern bei genesenen Patienten vor. Die Suche nach Antikörpern soll aus dem gespendeten Blutplasma Genesener erfolgen.

Die Reha-Kliniken befinden sich in einer sehr angespannten Lage. Durch den geltenden Aufnahmestopp für Reha-Patienten dort stehen sie vor einer großen Herausforderung. Besuchsverbote wurden erteilt, jedoch sollen Anschlussheilbehandlungen erfolgen können. Aufgrund des COVID-19-Krankenhausentlastungsgesetzes des Bundes könnte den Reha-Kliniken eine besondere Aufgabe im Rahmen der Unterstützungsleistung für Krankenhäuser zukommen. So wurden zum Beispiel in Niedersachsen 22 Reha-Kliniken angewiesen, leichte stationäre Fälle aus Krankenhäusern zu übernehmen, die nicht mit dem Corona-Virus infiziert sind. In Bad Oeynhausen ist die Klinik Porta Westfalica bereit, freie Kapazitäten zur Verfügung zu stellen. Zur Entlastung der Krankenhäuser und Pflegedienste soll dort kreisweit zentral eine zeitlich begrenzte Notfallversorgung erfolgen.

Sie haben einen Wunsch frei mit Blick auf die Krise.

Zahn : Wir bleiben alle gesund und gehen den Neustart mit großer Solidarität an! Ein gesunder Mensch hat 1000 Wünsche, ein Kranker nur einen.

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