Vor 75 Jahren ist das Eisernwerk Weserhütte bombardiert worden
Bei der Mittagsstulle fallen die Bomben

Bad Oeynhausen (WB). Karfreitag, 30. März 1945: ein Tag, der für etwa 200 Arbeiter des damaligen Eisenwerkes Weserhütte in Bad Oeynhausen mit dem Tod endete. Tausende Arbeiter konnten noch rechtzeitig fliehen, bevor die Alliierten sechs Bombenangriffe flogen, um das für die Rüstungsindustrie der Deutschen Wehrmacht umfunktionierte Werk zu zerstören. Gerhardt Horstmann und Wilhelm Riesmeier, beide damals 14 Jahre alt, können sich noch genau an die Ereignisse des Tages erinnern.

Montag, 30.03.2020, 07:40 Uhr
Heute erinnert eine Tafel am 1998 eröffneten Einkaufszentrum Werre-Park an das Eisenwerk Weserhütte, das ehemals dort stand. Wilhelm Riesmeier (89, links) und Gerhardt Horstmann sind Zeitzeugen des Bombenangriffs auf die Weserhütte am 30. März 1945. Das Foto entstand vor der Zuspitzung der Coronakrise. Foto: Louis Ruthe

„Jeden Morgen hatten wir Angst“

„Mit 13 sind wir eingezogen worden und jeden Morgen hatten wir Angst“, berichtet Gerhardt Horstmann. Am 1. April 1944 fing er als Werkzeugmacher in der Weserhütte an, Punkt 7.30 Uhr. „In Reih und Glied mussten wir unsere Finger und Schuhe vorzeigen. Wenn was nicht stimmte, haben wir einen auf die Schnauze bekommen“, sagt Gerhardt Horstmann. Das erste halbe Jahr habe er nur am Schraubstock gestanden und Passstücke gefeilt. „Dass ich Passstücke für die Pak oder die Flak gefeilt habe, ist mir erst Jahre später bewusst geworden“, berichtet er. Für Wilhelm Riesmeier ist der 1. Juni 1944 der erste Arbeitstag gewesen. „Wir haben damals etwa 60 Pfennig die Stunde bekommen“, berichtet der damals in Volmerdingsen wohnende Zeitzeuge. Heute lebt er in Lübbecke. Von 7.30 Uhr bis 17 Uhr sei in der Weserhütte geschuftet worden. „Eine Mittagspause stand uns immer zu“, sagt Wilhelm Riesmeier. Er sei oftmals mit dem Rad zur Arbeit gefahren. Gerhardt Horstmann nutzte den Bus, um aus Rothenuffeln zur Arbeit zu fahren.

Tag der Bombadierung

„Es war erstmalig, dass wir auch an Karfreitag arbeiten mussten“, erinnert sich Wilhelm Riesmeier. Es sei eine sonnige Woche gewesen. Also stieg Wilhelm Riesmeier wieder auf sein Rad und fuhr zur Weserhütte runter. Auch Gerhardt Horstmann überlegte sich, an dem Tag das Rad anstatt den Bus zu nehmen. „Ich musste ein bisschen eher los, habe es aber pünktlich zum Antreten geschafft“, sagt er. Nach einem „ganz normalen Morgen“ hatten die zu dem Zeitpunkt 14-Jährigen auf die Minute genau um 12.30 Uhr ihre Mittagspause begonnen, mit einigen hundert anderen Arbeitern. „Der Aufenthaltsraum war auf einer Empore und über eine Treppe zu erreichen“, sagt Wilhelm Riesmeier.

„Alles hat gewackelt“

Immer mal wieder sei es zu der Zeit zum Bombenalarm gekommen. So auch um kurz vor 13 Uhr am 30. März 1945. „Plötzlich ertönte über die Werkssirenen ein Vollalarm“, berichtet Gerhardt Horstmann und ergänzt: „Ich packte meine Mittagsstulle ein, riss meinen Henkelmann vom Tisch und rannte zur Treppe.“ Doch kaum an der Treppe angekommen schlugen die ersten Bomben in den Westhallen des Werkes ein. „Alles hat gewackelt. Einige schmissen sich hin und uns erfasste eine riesige Druckwelle voller Schutt und Asche“, berichtet Gerhardt Horstmann. Wilhelm Riesmeier ergänzt: „Plötzlich war alles hell und wir rannten so schnell wir konnten.“

Die Flucht

Durch ein großes Tor im Ostflügel des Werkes verließen die beiden Zeitzeugen damals das Werk. Gerhardt Horstmann lief zum Spänebunker an der Weser, wo sein Fahrrad stand. „20 bis 30 Personen haben da versucht Schutz zu finden“, sagt Gerhardt Horstmann. Wilhelm Riesmeier rannte bis nach Volmerdingsen, ohne einen Blick zurück zu wagen. „Ich habe mich am Wiehengebirge orientiert“, sagt Wilhelm Riesmeier. Sein Fahrrad habe er nie wiedergefunden. „Als ich Zuhause ankam, habe ich erstmal von meiner Mutter einen hinter die Löffel bekommen, weil meine Klotten voller Staub waren“, berichtet Gerhardt Horstmann. „Ich habe dann irgendwie aus mir heraus gestottert, dass die Weserhütte bombardiert wurde und Muttern nahm mich in den Arm“, sagt er. Noch am selben Abend sei er auf einen Aussichtspunkt im Wiehengebirge geklettert. „Es stand alles in Flammen“, erinnert sich Gerhardt Horstmann.

Als die Alliierten kamen

Wenige Tage später hätten die ersten Panzer der Alliierten es über den Berg geschafft. „Die ersten Tage sind wir alle im Haus geblieben“, erinnert sich Gerhardt Horstmann. Erst Ende Mai habe er sich wieder aus dem Haus getraut.

„Wir beide hatten ganz großes Glück. Wenn die Bomben nur 50 Meter weiter östlich eingeschlagen wären, wären wir auch tod gewesen“, sagt Wilhelm Riesmeier. 150 Arbeiter seien bei den insgesamt sechs Angriffen ums Leben gekommen, dutzende weitere erlagen später ihren Verletzungen. Mehr als 3500 Arbeiter seien in dem Werk beschäftigt gewesen. „Viele kamen mit mir über den Berg“, sagt Gerhardt Horstmann.

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