Direktor der Diabetesklinik bezieht Position zur Volkskrankheit Diabetes
Runter von der Vollkasko-Couch

Bad Oeynhausen (WB). Mitte November war der Weltdiabetestag. Mit der Aufklärungsarbeit ist damit für Professor Dr. Dr. h.c. Diethelm Tschöpe, Direktor der Diabetesklinik in Bad Oeynhausen, aber noch lange nicht Schluss. Im Interview mit dieser Zeitung stellt er sich Fragen rund um die Volkskrankheit. Der 61-Jährige ist auch Vorsitzender der Stiftung „Der herzkranke Diabetiker“ unter dem Dach der Deutschen Diabetesstiftung. Jüngst ist Tschöpe zudem in das Ärzteparlament auf Landesebene gewählt worden. Die Fragen stellte Claus Brand.

Sonntag, 05.01.2020, 14:01 Uhr aktualisiert: 05.01.2020, 14:04 Uhr
Mit Blick auf die Volkskrankheit findet Prof. Dr. Dr. h.c. Diethelm Tschöpe klare Worte: „Als chronisch Kranke verfolgt die Diabetiker das Schicksal, dass ihre Behandlung Weitblick von Ärzten verlangt.“ Das bedeute Aufwand und sei nicht immer willkommen. Foto: Peter Hübbe

 

Wie erklären Sie dem Laien, wie sich die Formen von Dia­betes unterscheiden?

Prof. Diethelm Tschöpe : Zu etwa zehn Prozent handelt es sich um den Insulinmangel-Diabetes, der Typ-I-Diabetes. Es ist eine Autoimmun-Krankheit. Der Körper zerstört dabei seine eigenen Insulin bildenden Zellen, meistens im Kinder- und Jugendalter. Der Diabetes, bei dem das Hormon sogar überschießend produziert wird, aber nicht mehr richtig wirkt, wird als Typ-II-Diabetes bezeichnet. Er macht den Großteil aus. Es bleibt die Sonderform, dass die Bauchspeicheldrüse, zum Beispiel durch einen Tumor oder eine Entzündung, zerstört wird, manchmal auch durch operative Eingriffe. Das ist der Typ-III-Diabetes. Die Funktion der Bauchspeicheldrüse ist dann ebenfalls eingeschränkt.

 

Wie passt dazu die im Volksmund bekannte Bezeichnung Alters-Diabetes?

Tschöpe : Am ehesten kann man ihm dem Typ-II zuordnen, weil das Lebensalter dieser Patienten meisten jenseits der 50 liegt.

 

Wie kann man Vorsorge gegen Diabetes treffen?

Tschöpe : Die schlechte Nachricht zuerst: Diabetes hat praktisch immer eine genetische Komponente. Diese Personen sind anfällig, wenn externe Faktoren hinzukommen. Es gibt den Raucher, der sein Leben lang raucht, und der keinen Krebs bekommt. Es gibt den, der nur Kaiserschmarrn und Sachertorte isst, und nie Diabetes bekommt. Das kann man aber leider nicht verallgemeinern. Zu viele Kalorien, eine falsch zusammengesetzte Ernährung, viel kurzkettige Kohlenhydrate, wo der Zucker besonders schnell aufgeschlossen wird, sind nicht förderlich. Bei einer Scheibe Vollkornbrot zum Frühstück bleibt die Zuckerkurve flach. Die bayerische Brezel kommt einer Glucose-Infusion gleich. Vereinfacht kommt das Zucker-Molekül in letzterem Fall schneller im Körper an. Das belastet. Mit gesunder Ernährung schont man seinen Körper.

Wer genetisch anfällig ist, kann über die richtige Zusammensetzung der Ernährung aus Fett, Kohlenhydraten, Eiweiß und Ballaststoffen erreichen, dass er den Ausbruch des Diabetes verschiebt. Der Lebensstil beantwortet so die Frage: Wann bekomme ich Diabetes, wenn ich genetisch vorbelastet bin? Den Katalysator kann man ausbremsen.

 

Sind Sie dabei ein gutes Vorbild am Frühstückstisch?

Tschöpe : Mal so, mal so. Es gibt die Tage mit Müsli und ungezuckertem Natur-Yoghurt. Aber es gibt auch das klassische Sonntagsfrühstück, wo man sich ein Brötchen schmecken lässt. Spricht man über gesunden Lebensstil, meint man ein ausbalanciertes Leben, was Ernährung und Bewegung angeht. Entscheidend ist, die grundsätzlichen Rahmenbedingungen einzuhalten. Das Ideal: Man isst nicht mehr, als man verbraucht. Sonst wird der Körper mit Kohlenhydraten und Zucker überflutet. Entscheidend ist zu wissen, wie man die negativen Konsequenzen des Croissants abfedern kann. Das kann ganz einfach sein: ein Croissant essen und dann spazieren gehen. Man darf sich nicht auf die Vollkasko-Couch fallen lassen, getreu dem Motto, da gucke ich jetzt mal weg. Man muss schon gesundheitsbewusst leben. Dazu gehört zum Beispiel der Gedanke, wie früher, etwas Bestimmtes einmal in der Woche und nicht jeden Tag zu genießen. Das Wissen, was man wann isst, sollte um das Wissen um die Notwendigkeit von Bewegung ergänzt sein. Mitunter ist der Geist willig, das Fleisch aber schwach.

 

Wie kann der Arzt dabei helfen?

Tschöpe : Indem er das Wissen dazu vermittelt. Aber schnell kann es dazu kommen, dass alles, was der Arzt sagt, vom Patienten als Verlust von Lebensqualität empfunden wird. Der Patient sagt sich: ‚Jetzt soll ich weniger essen und mich auch noch bewegen?‘ Die ärztliche Kunst ist es, nicht nur sein Wissen als eine Art Oberlehrer abzuspulen, sondern dem Patienten Wege zu zeigen, wie ihn diese Schritte bereichern, seine Lebensqualität verbessern. Umsetzen muss es alleine der Patient.

 

Was sind Patientenfragen, die Ihnen oft begegnen?

Tschöpe : Mit Blick auf Diabetes: Werde ich ihn wieder los? Mit der Antwort: Die Genetik kann man nicht abschütteln. Man kann es leicht modifizieren, abmildern.

Mit Blick auf die Behandlung mit Tabletten und Insulin: Muss ich die mein Leben lang nehmen? Mit der Antwort: Das hängt sehr individuell vom Patienten ab. Leider haben wir in Deutschland viele Jahre die Linie verfolgt, das Medikament, das den Blutzucker am schnellsten senkt, also Insulin, vielen Patienten zu verordnen. So sind viele damit behandelt worden, die es gar nicht gebraucht hätten. Das hat für das Leben drastische Konsequenzen, bis in den Beruf hinein. Die Welt ist eine andere, wenn Sie Insulin spritzen müssen, mit allem, was dazu gehört. So ist die Frage nach der dauerhaften Einnahme berechtigt. Heute ist es Konsens, dass gerade die Diabetestherapie eine Domäne der personalisierten Medizin ist. Das lässt sich im HDZ schon an der interdisziplinären Patientenaufnahme festmachen. Mancher Arzt hätte wohl lieber ein Rezept oder Kochbuch, allgemein anwendbar. Aber gerade bei Diabetes hängt der Behandlungserfolg ganz stark von der individuellen Therapie ab.

 

Was entgegnen Sie auf die Aussage eines Diabetikers: Doktor mir geht es doch gut, ich habe nichts?

Tschöpe : Patienten mit Typ I werden es schnell merken, weil sie unter anderem von einem Koma bedroht sind. Beim Gros der anderen Patienten, selbst mit schlecht eingestellten Blutzuckerwerten, haben sie keinen Leidensdruck in dem Maße. Aber die Betroffenen karamellisieren ihren Körper quasi langsam vor sich hin. Ein großes Problem des Diabetikers liegt im Herz-Kreislauf-Bereich, mit den Risikofaktoren Herzinfarkt und Schlaganfall, Verschluss der Bein- oder Nieren-Arterien, Blindheit. Das tritt oft als Gemengelage auf. Meistens treten diese Faktoren erst nach einer langen Diabetes-Laufzeit auf. Viele Patienten sagen zuvor: ‚Doktor, mir geht es doch gut‘. Dann folgt die erste Behandlung. Angenommen, der Patient hält sich nicht an Vorgaben. Dann kommt er nach drei Monaten wieder. Diesem Patienten geht es dann meist immer noch gut. Die Werte sind aber schlecht. Das Problem, das er bekommen kann, tritt womöglich auch erst zehn oder 15 Jahre später akut auf. Das wird von vielen Menschen leider gerne verdrängt. Das ist das eigentlich Gefährliche.

 

Eine Diabetes-Erkrankung kann auch mit einer Amputation verbunden sein. Wie helfen Sie diesen Patienten, vor allem auch mental?

Tschöpe : Wir sind dankbar, dass wir eine starke klinische Psychologie haben. Die Probleme muss man in zwei Pakete packen. Einmal geht es darum: Wie kann ich einen Menschen ohne Aussicht, dass er das Grundproblem verliert, unterstützen? Zudem geht es um die Unterstützung eines Patienten, der den Gau dieser Komplikation erlebt hat, und dessen Behandlung zu einem Extremitätenverlust führt oder geführt hat. In der Folge geht es dabei um die Beratung zur Lebenshilfe, aber auch um die Stabilisierung des Selbstbildes. Oft sind dies Patienten, die ihre chronische Erkrankung zuvor massiv verdrängt haben. Das diabetische Fußsyndrom fällt nicht vom Himmel. Viele Menschen haben offenbar einen Blackout, schieben das weg, weil sie ihren eigenen Körper nicht mehr wahrnehmen. Das ist nicht bei jedem Patienten so, aber es kann so sein. Auch eine depressive Belastung kann hier eine Rolle spielen. Wichtig ist, in solchen Situationen ein funktionierendes Team zu haben, das der Situation gewachsen ist. Die Botschaft ist: Ich brauche die Hardware, aber auch die Software, um den Patienten vernünftig zu steuern.

 

Gibt es Indikatoren, die auf Diabetes hindeuten?

Tschöpe : Es gibt Symptome, die Spuren eines nicht erkannten Diabetes sind. Oft sind es Patienten, die gehäuft Harnwegsinfekte haben, im gynäkologischen Bereich vermehrt Mykosen haben. Im kardiologischen Bereich ist es oft so, dass sie sich nicht mit der typischen Angina pectoris präsentieren, sondern sagen, dass sie sich unwohl fühlen. Mitunter geht es auch um Atemnot, zum Beispiel, dass man plötzlich nicht mehr gut die Kellertreppe heraufkommt. Dann sollte sofort die Alarmglocke läuten. Der Diabetiker ist aber ein Patient, den Sie nicht wirklich von den Symptomen eindeutig fassen können.

 

Hilft auch hier die regelmäßige Vorsorge beim Hausarzt, zum Beispiel mit der Ermittlung des Blutzuckerwertes?

Tschöpe : Ja, die kennen ihre Pappenheimer. Die sagen auch mal direkt: Du gefällst mir nicht. Du hast hohe Blutfettwerte. Bei Dir muss ich mal einen Glucose-Toleranztest machen, Dich möglicherweise auch zum Kardiologen schicken. Diabetes ist eine ganzheitlich zu betrachtende Erkrankung. So gehen auch wir mit den Patienten um.

 

Wie viele Diabetiker gibt es in Deutschland?

Tschöpe : Neun bis zehn Millionen. Die Dunkelziffer liegt bei geschätzt 20 Prozent. Es ist die größte Einzelerkrankung in Deutschland.

 

Wie sieht die Verteilung von Diabetes mit Blick auf die Altersgruppen aus?

Tschöpe : Wie gesagt. Es ist eine Mehrtyp-Erkrankung. Den Typ I gibt es eher im Kindes- und Jugendalter, den Typ II eher mit fortgeschrittenem Alter. Bei letzterem ist sehr wichtig: Die Möglichkeit, Diabetes zu bekommen, nimmt mit dem Alter zu. Aber die Gefährlichkeit des Diabetes, mit Blick auf die Endorganschäden, die setzt sehr früh ein. Ich denke dabei an so genannte Leistungsträger um die 50, die von Komplikationen besonders betroffen sind. Es gibt aber auch zunehmend Fälle vom Typ II in jüngeren Altersgruppen, bis ins Kindesalter, wo ein falscher Lebenswandel, der Sozialstatus im Hintergrund, große Probleme sind. In der Kinder- und Jugendmedizin sehen wir in den vergangenen Jahren einen Anstieg der Zahl dieser Patienten. Das bedeutet auch: Je jünger ein Patient ist, um so mehr müssen die verschiedenen Disziplinen wie ein Zahnrad ineinander greifen. Das deckt sich mit dem Grundverständnis unseres Hauses. Das ist entscheidend für die Entwicklung der Erkrankung. Denn Kinder sind über viele Lebensjahre der Belastung durch Diabetes ausgesetzt.

 

Was ist Ihnen bei der Arbeit für die Stiftung „Der herzkranke Diabetiker“ wichtig?

Tschöpe : Die Kompetenz des Patienten zu stärken, ihn in den Mittelpunkt zu stellen, seine Prognose zu verbessern. In den USA gibt es eine Kampagne dazu. Im Mittelpunkt steht dabei, dass Bewusstsein zu den Risiken der Erkrankung geschaffen wird. Ziel muss auch in Deutschland der Patient sein, der verstärkt nachfragt, dass er mit Mitte 50 zum Beispiel verlangt, die Herzfunktion zu überprüfen. Er setzt dann oft erst den interdisziplinären Versorgungsprozess in Gang, der für Prävention steht. Als HDZ haben wir 2019 den Glucohead-Preis an Dr. Anette-Gabriele Ziegler verliehen, die sich beim Typ I-Diabetes um die Frühdiagnostik von Kindern kümmert, die Diabetes bekommen könnten. Bei frühzeitiger Erkennung kann man dessen Manifestation beeinflussen. In Familien, die belastet sind, hat man, wenn man diesen Schritt vollzieht und dieses Programm wahrnimmt, die Chance, von echter Diabetes-Prävention zu sprechen.

 

Wo liegt die größte Forschungsaufgabe bei Diabetes, die womöglich auch einen Nobelpreis verdient hätte?

Tschöpe : Wer die Therapie aufzeigt, der die Menschen vor der Manifestation des Typ I-Diabetes schützt, der könnte Hoffnung haben, in dessen Nähe zu kommen. Wer aufklären kann, woran es liegt, dass bestimmte Patientengruppen auf eine Therapie besonders gut ansprechen, während diese bei anderen eine solche Wirkung nicht hat, der hätte ebenfalls gute Chancen.

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