Heiteres und Tiefgründiges bei literarischem Abend „Weihnachten mit Erich Kästner“ im Theater im Park in Bad Oeynhausen Fröhliche Weihnacht – überall?

Bad Oeynhausen(WB). Aller guten Dinge sind drei: Nach zwei erfolgreichen Bühnenprogrammen über Erich Kästner hat der Schauspieler Walter Sittler am Freitagabend seine dritte literarische Revue über den beliebten Schriftsteller vorgestellt. Im ausverkauften Theater im Park konnte sich das Publikum vor Begeisterung kaum bremsen.

Von Gabriela Peschke
Schauspieler Walter Sittler präsentiert den Schriftsteller Erich Kästner von seiner humorigen und von seiner ernsten Seite.
Schauspieler Walter Sittler präsentiert den Schriftsteller Erich Kästner von seiner humorigen und von seiner ernsten Seite. Foto: Gabriela Peschke

Wie schreibt man eine Weihnachtsgeschichte mitten im Hochsommer? Ganz einfach: Man fährt dorthin, wo man in Winterstimmung kommt. Walter Sittler alias Erich Kästner reist zur Zugspitze. Dort, auf einer Holzbank sitzend, notiert er, was ihm zur Weihnacht durch den Kopf geht.

Stimmungsvolles Szenario

In der Produktion von Martin Mühleis erlebten die Zuschauer dafür ein stimmungsvoll arrangiertes Szenario. Da war zunächst die sechsköpfige Band („Die Sextanten“), die mit ihrer Interpretation klassischer Weihnachtslieder gleich zu Beginn eine heimelige Atmosphäre schuf. Birte Horst, verantwortlich für das Lichtdesign der Aufführung, bewies viel Fingerspitzengefühl bei der Ausleuchtung der einzelnen Sequenzen. Für diese wiederum hatte Mario Lars mit seinen Illustrationen die perfekte Kulisse geschaffen: Auf der ganzen hinteren Bühnenwand untermalten seine Zeichnungen, was Erich Kästner teils humorvoll, teils bitter-ironisch zur Weihnacht und zum Winter aufs Papier gebracht hatte.

Da gab es die Geschichte der armen Familie Thaler, die nicht das Geld aufbringen konnte, damit der Sohn zur Weihnacht aus dem Internat nach Hause käme. Übrig gebliebene Kerzen vom Vorjahr, ein leerer Gabentisch – doch dann der Sohn in der Tür, der dank einer Zuwendung seines Lehrers doch noch zu den Eltern reisen kann.

Über Nostalgie hinaus

Armut zur Weihnacht – ein Thema, das Kästner selbst erlebt und skizziert hat. Aber die Geschichte, die Walter Sittler da vorträgt, geht über das Nostalgische hinaus: Gibt es heutzutage nicht auch vielerorts ein „armes Weihnachtsfest“, mitten in einem reichen Land? Die Frage klingt leise mit, als die Musiker unter der Leitung von Libor Síma „Stille Nacht“ anspielen und virtuelle Schneeflocken in der Illustration von Mario Lars es gerade so richtig kuschelig werden lassen.

Kästner blickte nicht nur mit scharfem Auge auf das Weihnachtsfest, sondern auch auf die vermeintlichen Winterfreuden der spröden Luxusgesellschaft seiner Zeit. Im „Grand Hotel Bruckbeuren“, für das sein eigenes Lieblings-Refugium in den Kitzbüheler Alpen Pate stand, pflegt man die Allüren sportlicher Noblesse und kümmert sich nicht um die Natur: „Das Gebirge machte böse Miene / das Gebirge wollte seine Ruh / und mit einer mittleren Lawine / deckte es die blöde Bande zu“, dichtete Kästner in „Maskenball im Hochgebirge“ und spöttelte über die Pistenjäger: „Die einen gehen zum Tee, die anderen gehen zum Arzt“.

Richtigen Ton getroffen

Walter Sittler traf für diesen reflektierenden Schriftsteller genau den richtigen Ton. In Kniebundhose und mit Schiebermütze ein Abbild seiner Zeit und zugleich ein Weiterdenker und Hinter-Frager, zeigte Sittler Kästner als mutigen Menschen, der die Zeichen seiner Zeit zu deuten wusste, auch während und nach dem Krieg.

Im zweiten Teil des Abends nahm Walter Sittler die bitteren Töne des Chronisten stärker in den Fokus: „Morgen Kinder, wird’s nichts geben“, rezitierte er Kästners literarische Nachkriegsbeobachtungen, ironisch begleitet von leisen Klängen des fast gleichnamigen Weihnachtslieds. Und schmallippig las Sittler aus Kästners Notizen über die Reichspogromnacht und dessen Warnung vor der „Umkehr der Werte als Umkehr menschlichen Gewissens“.

Doch Kästner wäre nicht Kästner, würde er sich nicht dem argen Zeitgeist mit einer Prise Humor entgegenstemmen: Mit einem Toast auf die Zukunft („Der Fortschritt schreitet fort – wo soll er auch sonst hin?“) schließt die literarische Revue. Und Walter Sittler, das Glas noch in der Hand, wird stürmisch vom Publikum gefeiert. Dazu erklingt leise Musik: „Fröhliche Weihnacht – überall!“

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