Superintendent Andreas Huneke im Interview Nur noch eine Gemeinde im Bad Oeynhausener Süden?

Bad Oeynhausen (WB). Mit dem ersten Advent beginnt das neue Kirchenjahr. Das WESTFALEN-BLATT nimmt dies zum Anlass, mit Superintendent Andreas Huneke (62) auf die letzte Etappe seiner achtjährigen Amtszeit zu schauen. Wo steht der Kirchenkreis Vlotho? Wo steht Kirche heute? Auch letztere Frage nimmt, vor dem Hintergrund der Anfeindungen in der Vlothoer Gemeinde St. Stephan gegenüber dem homosexuellen Pfarrer Jörg Uwe Pehle, Raum ein. Mit Andreas Huneke sprach Redakteur Claus Brand.

Im Interview bezieht Andreas Huneke, Superintendent im Kirchenkreis Vlotho, Position zum Finale seiner Amtszeit, zu Anfeindungen gegenüber einem homosexuellen Pfarrer und zur Rolle als frisch gebackener Opa. Hier steht er vor dem Kreiskirchenamt in Bad Oeynhausen.
Im Interview bezieht Andreas Huneke, Superintendent im Kirchenkreis Vlotho, Position zum Finale seiner Amtszeit, zu Anfeindungen gegenüber einem homosexuellen Pfarrer und zur Rolle als frisch gebackener Opa. Hier steht er vor dem Kreiskirchenamt in Bad Oeynhausen. Foto: Claus Brand

Advent: Was bedeutet diese Zeit für Sie? Wie reduzieren Sie den Faktor Stress in der Vorweihnachtszeit?

Andreas Huneke : Es ist die Zeit der Vorfreude und Vorbereitung. Gott kommt in Jesus zu uns und hilft uns zu begreifen, was Liebe, Barmherzigkeit und Frieden bedeuten. Natürlich ist die Zeit auch etwas stressig, weil viel los ist und vorbereitet wird. Aber der Anlass ist ein schöner: Gott kommt zu uns in einem Kind in Bethlehem. Ich bin gespannt, was ich dieses Jahr dabei empfinde. Ich bin gerade Großvater geworden.

Sie haben sich hinter Pfarrer Jörg Uwe Pehle gestellt, der sich Anfeindungen wegen seiner Homosexualität ausgesetzt sieht. Am vergangenen Sonntag hat er sich im Gottesdienst für die Welle der Solidarität und Sympathie in den vergangenen Tagen bedankt. Zur Frage, ob er bleibt oder geht, hat er sich Bedenkzeit bis Weihnachten erbeten. Spätestens beim Neujahrsempfang am 19. Januar will er seine Entscheidung bekannt geben. Was ist Ihre Hoffnung?

Huneke : Ich hoffe, dass er bleibt und seine Arbeit fortsetzt. Ich hoffe auch, dass in der besinnlichen Advents- und Weihnachtszeit in Vlotho Besinnung und Frieden einkehren.

Im Anschluss an den Gottesdienst hat Jörg Uwe Pehle die von ihm und seinem Ehemann initiierte Aktion »Ein Lächeln für...« vorgestellt. Dabei geht es nicht nur um das Thema Schwulenhass. Die Aktion soll sich gegen Unterdrückung, Intoleranz, Hass und Voreingenommenheit in jeder Form richten, so auch bei Ausländerhass und Mobbing am Arbeitsplatz. Was ist Ihre Meinung dazu?

Huneke : Ich unterstütze das gerne mit meinem Lächeln.

Im Februar 2021 geben Sie Ihr Amt ab. Wann ist diese Entscheidung gefallen?

Huneke : 2020 endet meine zweite Amtszeit mit der Sommersynode. Im Sommer 2018 habe ich mit unserem Nominierungsausschuss verabredet, kurzfristig für eine Verlängerung noch einmal zur Verfügung zu stehen, bis zum meinem Ruhestand ab Februar 2021. Bei der Finanzsynode im Spätherbst 2020 soll meine Nachfolgerin oder mein Nachfolger gewählt werden. Mögliche Kandidaten werden sich zuvor auf einer Synodalversammlung vorstellen.

Ich stehe nicht für eine weitere Amtszeit zur Verfügung, weil ich die Erfahrung meiner Krebserkrankung in den Knochen habe. Und auch wenn ich gesundheitlich gut wieder hergestellt bin, liegt meine Leistungsfähigkeit nicht mehr bei 150, sondern bei 100 Prozent. Dieses Amt erfordert aber viel Kraft. Die kann ich punktuell aufbringen. Aber die Regenerationszeit wird immer länger. Ich brauche morgens meinen Sport. Deshalb gibt es Termine auch möglichst erst ab 10 Uhr. Gut 16 Jahre sind eine sehr lange Zeit in diesem Amt, mit vielen Veränderungen, die kraftraubend waren.

Wofür werden Sie im Ruhestand mehr Zeit haben?

Huneke : Für vieles, was ich jetzt lange ausgeblendet habe, zum Beispiel Musik, auch in der Gemeinde. Das war in dem Amt nur noch am Rande möglich. Derzeit greife ich nur bei der jährlichen Fortbildung für die Pfarrer auf Langeoog zur Gitarre.

Mitte Oktober 2004, vor 15 Jahren, haben Sie als Superintendent begonnen. Wenn Sie Kirche damals und heute vergleichen: Wo liegt der Unterschied?

Huneke : Es gibt Problemstellungen, die sich erst jüngst immer deutlicher abzeichnen. Demografie war damals schon ein Thema. In den 1970er Jahren hatten wir 90.000 Gemeindeglieder im Kirchenkreis. Derzeit sind es noch etwa 52.000. Das hat tief greifende Auswirkungen. Jedes Gemeindeglied, das uns fehlt, ob durch Austritt, Wegzug oder einen Todesfall, bedeutet auch einen Finanzverlust. Pro Person geht es um ein Minus von 86 Euro im Jahr.

Was heißt das für die Gemeinden im Alltag?

Huneke : Vieles, was früher möglich war, geht heute nicht mehr. Ein Beispiel ist der Konfirmandenunterricht. Die Zahl der Konfirmanden ist in manchen Gemeinden so gering, dass man über eine Zusammenlegung des Unterrichts nachdenkt. Teils ist dies schon passiert. Auch in der Seniorenarbeit hat sich vieles verändert. Die Leute werden heute älter. Solange sie mobil sind, sind sie viel unterwegs. Mit Mobilitätseinschränkungen brauchen sie oft professionelle Hilfen. Das Interesse an Gemeinschaftsangeboten ist geringer geworden, und kommerzielle Angebote, zum Beispiel bei Reisen oder im Sport, haben die ehrenamtliche Selbstorganisation in Gemeinde und Verein ersetzt.

Wie sieht die Entwicklung bei Kitas und Schulen aus?

Huneke : Viele Kindergärten haben sich verändert. Der Anteil evangelischer Kinder ist in vielen Orten kleiner geworden. Das hat auch mit Migration etwas zu tun. In der Altstadt und in Rehme ist ihr Anteil sehr klein, einen höheren Anteil gibt es beispielsweise noch auf der Lohe. Da wird die Organisation von Kindergarten-Gottesdiensten schwieriger. Sie sind für die Eltern heute nicht mehr selbstverständlich, obwohl die Konfession bei diesen Gottesdiensten keine Rolle spielt.

Was bedeutet dies mit Blick auf die Pfarrer?

Huneke : Vor 16 Jahren konnte man einem Pfarrer einer kleinen Gemeinde noch zusätzliche Aufgaben geben. Heute sind alle mehr als ausgelastet. Der Pfarrberuf erfährt keine besonders hohe Wertschätzung mehr. Hinzu kommt, dass in den 1980er Jahren in Westfalen sehr viele Pfarrer eingestellt worden sind. Das bindet bis heute und auch in Zukunft viel Geld für Pensionsrückstellungen. Leider ist die Zahl der Theologiestudenten mit dem Ziel Pfarrer zu werden, vergleichsweise klein.

Welche Erinnerung haben Sie an Ihren ersten Tage und Wochen als Superintendent?

Huneke : Es war ein fließender Übergang in Abstimmung mit meinem Vorgänger. In vielen Gremien und Einrichtungen war ich schon bekannt. Ein Anliegen war mir, in meinem Büro sehr schnell einen runden Tisch zu haben, für eine Vielzahl von Gesprächen, für einen Austausch auf Augenhöhe.

Die Gemeinden verlieren Mitglieder. Gibt es ein Rezept, dies zu stoppen?

Huneke : Hätte ich Rezepte, wäre ich Berater und nicht Superintendent. Dann könnte ich damit viel Geld verdienen. Viel Zuspruch erhalte ich aus den Gemeinden, von Presbytern, für die Einstellung, Gottesdienste verlässlich bieten zu wollen. Ich sehe dies als Grundaufgabe, bei Trauungen, Beerdigungen, in Schulen, Kindergärten, in den Gemeinden. Das schafft Bindung. Ich muss wissen: Es ist der erste Sonntag im Monat, und da ist dort in der Kirche Gottesdienst. Ein Angebotsumfang wie vor 16 Jahren ist heute leider nicht mehr zu machen. Wir haben jetzt 20,5 Pfarrstellen, wir hatten seinerzeit 34. Die Pfarrer müssen den Dienst mit menschlichem Maß leisten können.

Wie bewerten Sie den Faktor Ökumene im Kirchenkreis?

Huneke : Es gibt auf Ortsebene gute und etablierte Dinge. Auf Kirchenkreisebene treffen wir uns regelmäßig mit dem Dechanten. Er leitet das Dekanat Herford-Minden. Der Pastorale Raum Werre-Weser der katholischen Kirche ist fast deckungsgleich mit dem evangelischen Kirchenkreis Vlotho. Der Kontakt zum Kollegen Manfred Pollmeier ist sehr gut. Aber Dinge gemeinsam zu machen ist mühsam, weil oft die zeitlichen Ressourcen fehlen. Ein ostwestfälisch lutherischer Gottesdienst und ein katholischer sind sich nicht so fern. Sichtbar werden die Unterschiede, wenn es um das Abendmahl geht. In Bereichen, wo die Zahl evangelischer und katholischer Gläubiger etwa gleich groß ist, wird man in Zukunft sicher auch über die gemeinsame Nutzung von Räumen nachdenken müssen. An einem Nachmittag trifft sich dort die Frauenhilfe, an einem anderen die KFD. Der Personal- und Finanzdruck bleibt. Wir werden uns auch verstärkt mit unseren Gebäuden und ihrer Wirtschaftlichkeit beschäftigen müssen.

Woran denken Sie dabei konkret?

Huneke : Die Gemeinden im Bad Oeynhausener Süden denken über Konzepte gemeinsamen kirchlichen Lebens nach. Es gibt Überlegungen, eine Gemeinde im Süden zu bilden. Es geht um Wichern, Lohe, Altstadt und Rehme. Dazu würde ein großes, sehr gut ausgestattetes Gemeindezentrum gehören. An den jeweiligen Kirchenstandorten würde es kleinere Räume geben für eine Nutzung im Zusammenhang mit Gottesdiensten und für kleinere Gruppen. Die erste Überlegung ist, dass man Wichern zum großen Gemeindezentrum ausbaut, wo alle Veranstaltungsformate möglich sind oder auch mehrere Chöre gleichzeitig proben können. Transportfragen lassen sich über Fahrdienste lösen. Das ist preiswerter, als Gemeindehäuser zu unterhalten. Von dem einen oder anderen Gebäude wird man sich trennen müssen. Dass der Kirchenkreis jetzt den Martin-Luther-Hof in Rehme für einen Kindergarten nutzen kann, ist Indiz dafür, dass das Gemeindehaus dort in dieser Größe nicht mehr gebraucht wird.

In der Rehmer Gemeinde gibt es Probleme. Sie steht ohne Presbyterium da. Wie kann eine Lösung aussehen?

Huneke : Ohne Presbyterium kann sie nicht eigenständig ihre Zukunft gestalten. Dann entscheiden andere. Dazu kann es kommen. Ich hoffe immer noch, dass ein Presbyterium gewählt wird. Nach den Gemeindeversammlungen im November können nun innerhalb bestimmter Fristen Wahlvorschläge gemacht werden. Wenn das nicht gelingt, werden wir den Bevollmächtigen-Ausschuss bitten, die Arbeit fortzuführen. Im letzten Schritt müssten wir die Kirchenleitung auffordern, diese Gemeinde einer anderen zuzuordnen, zum Beispiel Wichern oder Altstadt. Aber ich bleibe zuversichtlich, dass ein Presbyterium zustande kommt. Andernfalls müssten die Überlegungen für eine gemeinsame Gemeinde in Bad Oeynhausen-Süd schnell zum Tragen kommen. Ich glaube, dass im Ernstfall die Bereitschaft dazu da wäre. In vielen Presbyterien entwickelt sich die Überzeugung, dass es in Zukunft nicht anders gehen wird, als Gemeinden mit Pfarr-Teams aus Pfarrern, Gemeindepädagogen, Kirchenmusikern, Seelsorgern und anderen zu versorgen und zu leiten, durch Frauen und Männer. In fünf Jahren werden wir nicht mehr genug Pfarrer haben, um alle Stellen zu besetzen. Das Evangelium zu verkünden muss zentrale Aufgabe bleiben. Es darf nicht nur noch um Gebäudemanagement und Verwaltung gehen.

Was waren Glücksmomente als Superintendent?

Huneke : Neben ungezählten anderen zum Beispiel auch die solide Vertretung durch meinen Assessor Lars Kunkel während meiner Krebserkrankung. Die vielfach freundliche Anteilnahme in dieser Zeit, ohne dass sie übergriffig war. Ich war etwa neun Monate nicht im Dienst bis Mai 2017. Es war ein großes Glück zu merken, da sind Menschen überall im Kirchenkreis, die wirken mit, die kümmern sich, die sind zuverlässig.

Was steht bis 2021 noch auf Ihrer To-Do-Liste?

Huneke : Die Presbyteriumswahl in allen Gemeinden am 22. März 2020. Sie kämpfen alle darum, genügend Personen zu finden, die dieses Amt ausüben wollen. Während der Sommersynode 2020 werden in der Folge fast alle Gremien neu zusammengesetzt. Es steht das Kindergartenprojekt an der Hermann-Löns-Straße an, auch wenn ich schon im Ruhestand sein werde, wenn es zum Kindergartenjahr 2021/2022 fertig wird. Ich freue mich auf das Mitwirken am Martin-Luther-King-Gesangsprojekt am 22. Februar in Halle. Nicht zu vergessen ist die Superintendenten-Wahl 2020.

Wie sehen Sie die Fridays for Future-Bewegung und Veränderungen daraus?

Huneke : Ich finde es super, dass junge Menschen ihre Geschicke in die Hand nehmen. Das Thema Klima ist ein Punkt, der ihre Generation existenziell betrifft, weil sie noch lange mit den Folgen unseres heutigen Handels leben müssen. Ich verfolge die Bewegung mit großem Wohlwollen. Bei der Neuzusammensetzung von Gremien müssen wir als Kirchenkreis die Stimmen der jungen Generation einbeziehen.

Was wird eine Herausforderung für Ihren Nachfolger?

Huneke : Für die Verschiedenheit von Menschen ein offenes Herz zu behalten.

Nehmen wir an: Sie treffen Papst Franziskus. Worüber würden Sie sich mit ihm austauschen?

Huneke : Wie wir gemeinsame Anstrengungen voran bringen können, dass im Mittelmeer keine Flüchtlinge mehr ertrinken. Und was wir für Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung tun können. Wie wir die Menschen dazu kriegen, sich mehr für deren Erhalt zu engagieren. Es geht ja um globale Fragen. Plastik, das wir in die Nordsee werfen, kann irgendwann auch am Strand in Tansania angespült werden. Ich habe dort die großen Müllmengen selbst gesehen. (Anmerkung der Redaktion: Mit dem Kirchenkreis Tambarare/Tansania verbindet den Kirchenkreis eine langjährige Partnerschaft).

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