Acht Mädchen in Bad Oeynhausen missbraucht? Gutachter kann nicht alle »Therapiegriffe« nachvollziehen Therapeut bleibt vorerst in U-Haft

Bielefeld/Bad Oeynhausen (WB). Der Physiotherapeut Rainer M. (61) aus Bad Oeynhausen, der in seiner Praxis acht Mädchen missbraucht haben soll, bleibt vorerst in Untersuchungshaft.

Von Christian Althoff
Der Angeklagte Rainer M. mit seiner Verteidigern Iris Grohmann. Links der Gutachter Guido Riediger.
Der Angeklagte Rainer M. mit seiner Verteidigern Iris Grohmann. Links der Gutachter Guido Riediger. Foto: Christian Althoff

Der Therapeut und seine Frau Reinhild M. (62) stehen seit September vor dem Landgericht Bielefeld. Dem Mann wird neben dem Kindesmissbrauch der Besitz sogenannter Kinderpornografie vorgeworfen. Seine Frau, eine frühere Krankenschwester, soll ihm geholfen haben, indem sie gegenüber einem verunsicherten Mädchen die Methoden ihres Mannes als notwendig bezeichnet haben soll. Während der Therapeut seit Ende März in Untersuchungshaft sitzt, ist seine Frau frei.

Lehrbeauftragter für Physiotherapie als Gutachter

»Heute entscheidet sich, ob der Angeklagte endlich freigelassen wird«, sagte am Dienstag Rechtsanwalt Detlef Ströcker aus Münster, der die Ehefrau vertritt. Denn das Gericht hatte für diesen Tag Guido Riediger als Gutachter geladen, einen Lehrbeauftragten für Physiotherapie, der eine Praxis mit 20 Mitarbeitern hat. Der Angeklagte hoffte offenbar, der Experte werde seine Behandlungsmethoden für angemessen halten und ihn entlasten. Aber so kam es nicht.

Einen Patientenfall nach dem anderen sprach das Gericht mit dem Gutachter durch, der sich spürbar um Neutralität bemühte. Er hatte ein Schulungsskelett mitgebracht und demonstrierte, wo ein Therapeut welche Griffe anwendet. Notgedrungen ging es dabei sehr ins Detail. So hatte ein schwerbehindertes Mädchen ausgesagt, beim Lockern der Muskeln an den Oberschenkelinnenseiten habe Rainer M. die Scheide berührt, in der polizeilichen Aussage ist sogar von Eindringen die Rede. Der Gutachter sagte, man komme bei dieser Behandlung mit den Fingerspitzen allenfalls seitlich an die äußeren Schamlippen. »Nicht weiter.«

Umstritten war bei diesem Mädchen auch der mutmaßliche Griff an die Pofalte, während es auf einem Gymnastikball gesessen hatte. Während der Gutachter sich für einen solchen Griff keinen Grund vorstellen konnte, sagte Rainer M., er habe das Mädchen an dieser Stelle überhaupt nicht angefasst.

Physiotherapie – »ein weites Feld«

Ein andere junge Patientin, die beim Fußballspielen aufs Steißbein gefallen war, hatte angegeben, Rainer M. habe ihren Po geknetet. Dazu sagte der Gutachter, so etwas mache man bei Sportlern, um nach einer großen Anstrengung die Muskeln zu lockern. Bei einer Steißbeinprellung aber »eigentlich nicht«.

Andere Griffe des Angeklagten konnte der Gutachter dagegen nachvollziehen, so auch den Einsatz eines pistolenförmigen Gerätes, das auf das Schambein hämmert. Guido Riediger sagte, mit Druck auf das Schambein versuche man, verschiedene Fehlstellungen des Skeletts zu korrigieren. »Es gibt auch noch andere Methoden, aber der Druck aufs Schambein machte in der Praxis des Angeklagten schon einen recht großen Anteil an den Behandlungsmethoden aus.«

Eine Mutter hatte ausgesagt, Rainer M. habe ihrer Tochter aus verschiedenen Positionen ans Schambein gefasst. Mal habe er dabei am Kopfende gestanden, mal neben dem Kind. Der Gutachter sagte, er könne sich nicht vorstellen, wozu das gedient haben soll. Er sagte aber auch, die Physiotherapie sei ein weites Feld, und das, was man lerne, hänge oft vom Lehrer und vom Ausbildungsort ab. Vieles liege später im Ermessen des Physiotherapeuten. Der Vorsitzende Carsten Nabel fasste diese Aussage mit den Worten zusammen: »Es gibt wenig Verbindliches.«

Angeklagte malt Mandalas aus

Während der Angeklagte Rainer M. sich mit den Angaben des Gutachters auseinandersetzte, malte seine Frau scheinbar uninteressiert Mandalas aus. Reinhild M. hofft auf einen Freispruch, denn in ihrem Fall gibt es bisher wohl nur die Aussage eines Mädchens, die gegen sie spricht.

Am Donnerstag könnte das Gericht den Psychiater Dr. Carl-Ernst von Schönfeld hören, der sich zu den beiden Angeklagten äußern soll, am Dienstag wäre Zeit für die Plädoyers. Bisher hat das Gericht den Mittwoch kommender Woche für die Urteilsverkündung vorgesehen.

Nach dem Verhandlungstag am Dienstag sagte Rechtsanwalt Baris Devletli aus Bad Oeynhausen, der eines der Mädchen vertritt: »Was mich so stutzig macht, ist, dass der Angeklagte offenbar nie einem Kind erklärt hat, wo er als nächstes hinfasst und warum er das tut. Ich spiele Fußball und kenne das von Physiotherapeuten ganz anders.«

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