Beim zeitnahen Bau an Knotenpunkten in Bad Oeynhausen befürchtet Experte Chaos
Vom Wunsch Kreisverkehr »ganz weit entfernt«

Bad Oeynhausen (WB). Vieles war erwartbar, manche Zahl und Aussage überraschte. Jörn Janssen, Geschäftsführer des Fachbüros SHP Ingenieure, hat im Ausschuss für Stadtentwicklung (ASE) Ergebnisse der Verkehrszählungen vor und nach Freigabe der Nordumgehung vorgelegt. Insgesamt ist das Fahrzeugaufkommen stark rückläufig, nicht aber zu Spitzenzeiten, morgens und am späten Nachmittag, an zwei zentralen Kreuzungspunkten. Auslöser ist dorthin zurückgekehrter innerstädtischer Verkehr. Damit verbunden ist die Frage zur Machbarkeit von Kreisverkehren dort.

Montag, 04.11.2019, 06:50 Uhr aktualisiert: 04.11.2019, 09:26 Uhr
Blick aus Fahrtrichtung Eidinghausener Straße auf den Einmündungsbereich Mindener Straße und in der Fortsetzung auf die Steinstraße. Für den Experten ist das Fahrzeugaufkommen zu Stoßzeiten hier zu hoch für einen Kreisel. Diese Einschätzung hat er auch für den Einmündungsbereich Herforder Straße/Mindener Straße (Fuhrken) so getroffen. Foto: Claus Brand

In diesem Zusammenhang schrieb der Diplom-Ingenieur den Bad Oeynhausenern ins Stammbuch: Gerade für kurze Strecken zwischen einem und zwei Kilometern würden sie nach der jüngsten Mobilitätsbefragung zu oft ins Auto steigen, »zu 58 Prozent. Da ist Luft nach oben, durch entsprechende Angebote, so auch durch attraktiven Radverkehr.«

»Das Problem sind die Oeynhausener, die im Auto sitzen«

Rückschlüsse des Plans

Als Zwischenfazit hat Jörn Janssen, Geschäftsführer Fachbüro SHP Ingenieure, nach den Vergleichszählungen diese Punkte genannt:

- massive Entlastung auf der ehemaligen Stadtautobahn (Mindener Straße/Kanalstraße) von 45 bis 64 Prozent.

- abgesehen vom Alten Postweg unauffällige Entwicklung im Norden der Stadt.

- keine spürbare Entlastung an zentralen Knotenpunkten in den Spitzenstunden. Als Grund wird die Rückverlagerung hausgemachten städtischen Verkehrs dorthin genannt.

- Gewünschte Kreisverkehre seien in den Knotenpunkten

– Einmündung Mindener Straße/Herforder Straße (Fuhrken); Einmündung Eidinghausener Straße/Mindener Straße/Steinstraße – nur ab einer Entlastung von etwa 30 Prozent im Vergleich zu heute machbar. Diese Problematik müsse die städtische Verkehrsplanung aufgreifen.

- Unabhängig davon sei ein Rückbau mit zwei Fahrstreifen und die Integration des Radschnellweges möglich.

- Weitere Verkehrszählungen seien erforderlich (so nach Freigabe der Verbindung von der A30 über die B61 in Richtung Herford).

...

Und wenn man die unerwartete Entwicklung an den Knotenpunkten in Zukunft stoppen oder gar rückläufig machen wolle, müsse man die städtische Verkehrsentwicklung zeitnah vorantreiben, dem ÖPNV mehr Vorrang einräumen. Janssen: »Das Problem sind die Oeynhausener, die im Auto sitzen.« Er appelliert: »Handeln Sie schnell, zeigen Sie, welches Gesicht die Straße bekommt. Dann wird der schleichende Vorgang gebremst.«

Die »bittere« Entwicklung an den Knotenpunkten habe ihn überrascht. Man müsse sich diese aber zu Spitzenzeiten anschauen. Das sei entscheidend für die Leistungsfähigkeit von Kreiseln und die Frage, was man dort tatsächlich machen könne. Janssen: »Da ist nach wie vor verdammt viel los.«

Besonders auffällig sei dies auf der Eidinghausener Straße, »von der neuen A30-Anschlussstelle kommend, rechts weiterfahrend auf die Mindener Straße und dann links abbiegend auf die Herforder Straße«. Das Verkehrsaufkommen sei dort sogar höher als vorher. Dies liege unter anderem an der Anschlussstelle Bad Oeynhausen-Nord. Für ihn liegt auf der Hand: »Wenn ich Freiräume schaffe für neuen Autoverkehr, durch die Umfahrung, wird das schnell aufgefüllt. Wenn ich Straßen säe, werde ich Verkehr ernten. Das ist kein Durchgangsverkehr dort, sondern hausgemachter Bad Oeynhausener Verkehr.«

Entlastung von »mindestens 30 Prozent« an den Knotenpunkten erforderlich

Mit Blick auf den Schwerverkehr meinte er ergänzend: »So lange die Straße weiter so aussieht« könne es auch wieder mehr Lkw-Fahrer geben, »die den Weg über die alte Trasse suchen. Man kommt gut voran. Der Weg ist kürzer.«

Jörn Janssen erinnerte an Beratungen 2012 zum Rückbau. Seinerzeit sei gesagt worden: »Im Moment, wo das Band für die Umfahrung durchgeschnitten wird, müssen die Bagger an Mindener Straße und Kanalstraße rollen. Das ist leider nicht erfolgt.« Man müsse nun schnell handeln, »damit der Verkehr sich nicht weiter in die Innenstadt verlagert.«

Vor dem Hintergrund der aktuellen Zahlen sei man vom Wunsch der Stadt und der Politik, an den Knotenpunkten Kreisverkehre zu haben, »ganz weit entfernt.« Um sie leistungsfähig betreiben zu können, brauche man im Vergleich zu heute eine Entlastung von »mindestens 30 Prozent.« Und bei den jetzigen Zählungen seien noch keine weiteren Verkehre vom Hockeyplatz oder dem geplanten Edeka berücksichtigt.

Als Rezept, um doch zum Ziel Kreisel zu kommen, verwies Janssen auf die aktuelle Arbeit am Verkehrsentwicklungsplan. Man müsse Maßnahmen zur Verkehrslenkung ergreifen, die zur Verdrängung des Verkehrs dort und zum Verzicht der Nutzung dieser Punkte führten. Der Rückbau auf zwei Fahrspuren bleibe, in Abstimmung mit Straßen NRW, gesetzt. Damit könne man auch zeitnah starten.

Von 40.900 Fahrzeugen pro Tag auf 22.700

An den Knotenpunkten würden sich die Geister zur Leistungsfähigkeit aber scheiden. Janssen: »Sie morgen zu Kreisverkehren umzubauen, würde zum Chaos führen.« In diesem Punkt brauche man längere Zeitfenster, »für die Verkehrsentwicklung.« Zeitnah favorisiere er eine gut abgestimmte Ampelregelung.

Ein Beispiel aus seinem umfangreichen Zahlenkatalog zur grundlegenden Reduzierung des Verkehr ist dieses: An der Zählstelle Mindener Straße, westlich der Einmündung Eidinghausener Straße, lag die Zahl der Fahrzeuge vor der Freigabe der Nordumgehung pro Tag bei 40.900, danach bei 22.700. Auch wenn es hier neuen innerstädtischen Verkehr gebe, sei die Entlastung groß.

Janssen: »Im zentralen Bereich liegt sie über den Daumen bei 50 Prozent. Die Hälfte des Verkehrs ist weg. Der eine oder andere mag sich mehr vorgestellt haben. Das ist aber eine realistische Größe, bevor man nichts anderes macht.«

Zum nördlichen Stadtgebiet und dem Aspekt »Vorher – nachher« sagte er: »Es hat sich nicht viel getan. Zwei Ausnahmen gebe es, »den Alten Postweg mit einer auffälligen Zunahme« und die Eidinghausener Straße mit einer auffälligen Abnahme in Fahrtrichtung Mindener Straße. Die Schwankungen an den anderen Straßen seien »unauffällig«.

Kommentar von Claus Brand

Und nun? Guter Rat ist in diesem Fall ganz sicher gefragt. Denn mit diesem Ergebnis der Verkehrszählungen vor und nach Freigabe der Nordumgehung hatte so wohl kaum jemand gerechnet. Aus Sicht des Experten für Verkehrsplanung, Straßenentwürfe und Verkehrssteuerung passen die favorisierte Idee von Kreisverkehren an den Verkehrsknotenpunkten und das bei den Zählungen dort ermittelte Verkaufsaufkommen überhaupt nicht zuein­ander. Die Zahl derer, die hier mit ihrem Auto zu Stoßzeiten – vor allem morgens und abends im Berufs- und Feierabendverkehr – unterwegs sind, sei schlichtweg zu hoch für einen Kreisel. Bei einer Umsetzung drohe Chaos.

Nun mit Blick auf das Ziel Kreisel den Kopf in den Sand zu stecken, hilft aber ganz und gar nicht weiter. Will man am Plan Kreisverkehre festhalten, muss die Stadt ihr Augenmerk darauf richten, im Zusammenspiel mit der Politik möglichst zeitnah Maßnahmen anzustoßen, gegenzusteuern, um die Zahlen zu senken. Massiv.

Im Übrigen ist da durchaus auch jeder Bürger in der Verantwortung. Wie? Indem er gerade bei kurzen Distanzen öfter darüber nachdenkt, das Rad statt das Auto zu nutzen. Das ist gleich mehrfach hilfreich: für die Zahlen und für die Umwelt.  

 

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