Zeitzeuge berichtet in Bad Oeynhausen vom DDR-Regime und seinem Fluchtversuch nach Westdeutschland
»Hier stimmt etwas nicht«

Bad Oeynhausen (WB). September 1967: Es ist früh morgens, noch nicht ganz hell. Ralf Wolfensteller und seine Kollegen sollen die Pfähle an der innerdeutschen Grenze inspizieren. Da ergreift der damals 23-Jährige die Gelegenheit beim Schopfe und flieht nach Westdeutschland. In der Europaschule Bad Oeynhausen hat der Zeitzeuge am Mittwoch über sein Leben in und die Flucht aus der DDR berichtet.

Donnerstag, 03.10.2019, 12:00 Uhr aktualisiert: 04.10.2019, 16:12 Uhr
Den Schülern der Europaschule Bad Oeynhausen hat Ralf Wolfensteller (vorne) von seinem Leben in der DDR in einem Zeitzeugenvortrag berichtet. Foto: Lydia Böhne

Ralf Wolfensteller beginnt sein Zeitzeugengespräch mit einem Blick auf seine Jugend. 1946 wird der heute 73-Jährige in Leipzig geboren. Umgeben von Zonengrenzen, die sich mehr und mehr zu Staatsgrenzen entwickeln, erlebt er eine Schulzeit, die von Militarismus und Disziplin geprägt ist. »Wir mussten uns schriftlich verpflichten, keine Radiosender des Klassenfeindes aus dem Westen zu hören«, berichtet Ralf Wolfensteller. Schon als Schulkind erlebt der gebürtige Leipziger den psychischen Druck des Ministeriums für Staatssicherheit (Stasi) der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). »Man hat uns zum Beispiel nach der Uhr befragt, die vor den Abendnachrichten kam«, erzählt der 73-Jährige. Bei der »Tagesschau« im Westen waren die Uhrzeiten durch Punkte markiert, bei der »Aktuellen Kamera«, dem DDR-Äquivalent, waren es Striche.

Verbotenes »Westfernsehen«

Über solch harmlos anmutende Fragen konnte das Regime der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) herausfinden, ob doch verbotenerweise »Westfernsehen« geschaut wurde. Fehlverhalten wurde in der sogenannten Kaderakte notiert. »Die politische und gesellschaftliche Denkweise wurde beurteilt«, fügt Ralf Wolfensteller hinzu. Letztere war für den weiteren Werdegang sogar entscheidender als schulische Leistungen.

Als er im Unterricht einmal die sozialistische Marktwirtschaft kritisch hinterfragt, wird dies sofort in der Personalakte notiert und tags darauf sitzen zwei Stasi-Mitarbeiter in Zivil im Unterricht und beobachten das Geschehen.

Auch der erste Volksaufstand nach dem Zweiten Weltkrieg, am 17. Juni 1953 in der DDR, der von der Regierung gewaltsam niedergeschlagen wird, ist dem Zeitzeugen noch gut in Erinnerung. »Ich fand es als kleiner Junge damals spannend, dass Panzer durch die Stadt fuhren«, sagt er. Als er dies Zuhause seinem Vater erzählt, habe der ihn nur eindringlich angeschaut und sei weggegangen.

Schüler interessiert die Flucht

Die Blutflecken an der Kleidung seines Vaters habe er nicht richtig wahrgenommen. Erst Jahre später erfährt Ralf Wolfensteller, dass sein Vater mit dem Lieferwagen Verletzte ins Krankenhaus und Tote ins Leichenschauhaus gebracht hat. »Da kann man sich vorstellen, wie mein Vater sich gefühlt hat, als ich ihm begeistert von den Panzern erzählt habe«, sagt der 73-Jährige.

Obwohl sich die DDR nach dem Nationalsozialismus mit dem Ziel eines besseren Deutschlands gründet, sind die Parallelen zwischen der gestürzten Diktatur und dem neuen Regime bezeichnend und Ralf Wolfensteller merkt schnell: »Hier stimmt etwas nicht.« Dann kommt der Zeitzeuge auf das zu sprechen, was die anwesenden Schüler besonders interessiert: seine Flucht. Beim Grenzgang nutzt Wolfensteller die Unaufmerksamkeit seiner Kollegen und rennt in den Wald. Er erreicht die westdeutsche Bundesstraße, da treffen ihn vier Schüsse in den Oberkörper. Ein Foto, das Wolfensteller dick in Plastikfolie verpackt in der Jacke trägt, lenkt ein Projektil gerade noch so von seinem Herzen ab.

Schwer verletzt in die DDR geschleift

Schwer verletzt wird der Geflüchtete zurück in die DDR geschleift und zu fünfeinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Ein halbes Jahr davon in Isolationshaft. 14 Stunden am Tag stehen, Schlafentzug – ein Martyrium, das bis heute Spuren hinterlassen hat. »Ich nehme bis an mein Lebensende Antidepressiva«, berichtet der 73-Jährige. Seine Vorträge als Zeitzeuge, die vom Berliner Zeitzeugenbüro koordiniert werden, empfinde er als eine Art Therapie.

Nach vierjähriger Gefangenschaft wird Ralf Wolfensteller von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft. »Der Preis für Gefangene lag zwischen 40.000 und 96.000 D-Mark«, informiert Geschichtslehrer Kai-Uwe Klatz die Schüler. Interessiert lauschen die Jugendlichen den Erzählungen des Zeitzeugen. Sie interessiert, ob Wolfensteller seine Flucht bereut. »Ich würde es immer wieder machen, aber anders angehen«, lautet sein Fazit. Seit 1971 lebt er in Hannover. Das Geräusch des Sichtfensters seiner Zelle ist dem Zeitzeugen bis heute in Erinnerung. Ebenso das Befreiungsgefühl nach dem Freikauf. Den Schülern rät er zum Abschied: »Gestaltet eure Zukunft, wie ihr es wollt und lasst es euch von niemandem diktieren.«

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