Ermittler gehen Anfangsverdacht gegen leitenden Mitarbeiter nach
Razzia auf dem Wittekindshof: Es geht um Freiheitsberaubung

Bad Oeynhausen (WB). Ermittler der Polizei Minden-Lübbecke und der Staatsanwaltschaft Bielefeld haben am Dienstag Teile des Wittenkindshofs in Bad Oeynhausen durchsucht. Die Beamten gehen dem Verdacht des Freiheitsentzugs nach. Im Visier der Ermittler: ein 55 Jahre alter leitender Mitarbeiter der Einrichtung.

Mittwoch, 02.10.2019, 04:41 Uhr aktualisiert: 02.10.2019, 05:00 Uhr
Aufgrund der besonderen Umstände kamen die Ermittler der Polizei Minden-Lübbecke und der Staatsanwaltschaft Bielefeld am Dienstag in Zivilkleidung zum Wittekindshof nach Bad Oeynhausen. Dort durchsuchten sie den Geschäftsbereich 4. Foto: Rajkumar Mukherjee

Um 10 Uhr begann die Razzia auf dem Gelände im Ortsteil Volmerdingsen. 70 Ermittler durchsuchten die Gebäude des so genannten Geschäftsbereichs vier, einer »Heilpädagogischen Intensivbetreuung«. Die Durchsuchung stütze sich auf einen »Anfangsverdacht« gegen einen 55-jährigen leitenden Mitarbeiter. »Es wird gegen ihn insbesondere wegen des Vorwurfs der Freiheitsberaubung ermittelt«, teilt die Staatsanwaltschaft Bielefeld mit.

Ermittler trugen Zivilkleidung.

Um die Bewohner der Einrichtung nicht zu erschrecken, trugen die Ermittler bei der Durchsuchung keine Uniform, sondern Zivilkleidung. Der Einsatz sei so unauffällig wie möglich durchgeführt worden. Die Aktion dauerte bis in den späten Abend. »Es wurden Papierakten und Datenträger sichergestellt«, sagt Polizeisprecher Ralf Steinmeyer. Aufgrund des umfangreichen Materials geht die Staatsanwaltschaft von einem längeren Verfahren aus.

Rechtsanwalt Martin Rother (Mitte) gemeinsam mit Pascal Glöh (rechts) und Vater Karl-Heinz Glöh.

Rechtsanwalt Martin Rother (Mitte) gemeinsam mit Pascal Glöh (rechts) und Vater Karl-Heinz Glöh. Foto: Wolfgang Wotke

Die Razzia ins Rollen brachte der Gütersloher Rechtsanwalt Martin Rother. Er vertritt den 28 Jahre alten Pascal Glöh, der im Mai schwere Vorwürfe gegen den Wittekindshof erhob, der mit etwa 100 Standorten in 19 Kommunen in NRW präsent ist. Die gesetzliche Betreuerin des Mannes, seine Schwester Steffi, hatte Strafanzeige gegen die Einrichtung wegen Freiheitsberaubung, Misshandlung von Schutzbefohlenen und Beleidigung gestellt.

Seit Kindheit in verschiedenen Einrichtungen

Der 28-Jährige, der inzwischen wieder bei seinem Vater Karl-Heinz in Rheda-Wiedenbrück lebt, ist seit seiner Kindheit aufgrund einer geistigen Behinderung in verschiedenen Einrichtungen untergebracht gewesen. Zuletzt im Wittekindshof. Im Oktober 2017 hatte er gemeinsam mit seiner Freundin versucht, sich umzubringen. Dazu legten sie in einem verwaisten Haus in Bad Oeynhausen Feuer. Jüngst wurde den beiden der Prozess gemacht. Das Urteil: sechs Monate Haft auf Bewährung.

Für Pascal Glöh habe schon nach dem Vorfall eine Leidenszeit im Wittekindshof begonnen, erklärt sein Anwalt. Er sei mehrmals durchgebrannt, wollte immer zurück zu seinem Vater, der ihn schließlich freiwillig in die Einrichtung nach Bad Oeynhausen zurückgebracht habe.

Isolation als Vorwurf

Martin Rother schildert die Vorwürfe seines Mandaten: »Elf Monate ist Pascal Glöh in seinem Zimmer eingesperrt worden. Man hat ihn in das Haus IV verlegt.« Er sei regelrecht isoliert worden. »Wenn er auf die Toilette wollte, musste er klopfen.« Einmal sei er 24 Stunden lang auf seinem Bett fixiert worden, habe »Hammermedikamente« bekommen, damit er ruhig gestellt werden konnte.

Mittlerweile lebt Pascal Glöh wieder bei seinem Vater. »Das Zusammenleben läuft ganz gut«, sagt sein Anwalt, der die Durchsuchung auf dem Gelände des Wittekindshofs gestern begrüßte. »Wir hoffen jetzt, dass die Ergebnisse der Durchsuchung für eine Anklage reichen«, sagt Rother.

Die Diakonische Stiftung Wittekindshof unterstütze die Ermittlungen, teilt Vorstandssprecher Pfarrer Prof. Dr. Dierk Starnitzke mit. »Wir sind an einer vorbehaltlosen Aufklärung im hohen Maße interessiert.« Selbstverständlich kooperiere man umfassend mit den Behörden. »Denen sind wir für ihre besonnene Vorgehensweise sehr dankbar.« Starnitzke bittet jedoch um Verständnis, dass die Einrichtung sich »aufgrund des laufenden Verfahrens nicht zu weiteren Details der Ermittlungen äußern« könne.

Kommentare

Uwe Werner  wrote: 06.10.2019 11:18
Razzia im Wittekindshof
Werner Uwe
Gerade eben ·
Erschreckend, enttäuschend und wütend zugleich.
Total 1 comments
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