Verdächtiger in U-Haft – Fall bereits 2017 bekannt gewesen Heilpraktiker Therapeut unter Kinderporno-Verdacht – Minister sieht Polizeifehler

Bad Oeynhausen/Bielefeld/Düsseldorf (WB/ca/dpa). Gut zwei Monate nach Bekanntwerden des Missbrauchfalls von Lüdge ermittelt die Polizei in einem weiteren Fall sexuellen Missbrauchs: Ein Physiotherapeut aus Bad Oeynhausen soll in seiner Praxis bei Behandlungen pornografische Fotos von Kinder-Patienten gemacht haben.

In Bad Oeynhausen steht ein Heilpraktiker unter Missbrauchsverdacht. Mögliche Betroffene und Zeugen können sich auch an die Polizeidienststelle in Bad Oeynhausen wenden.
In Bad Oeynhausen steht ein Heilpraktiker unter Missbrauchsverdacht. Mögliche Betroffene und Zeugen können sich auch an die Polizeidienststelle in Bad Oeynhausen wenden. Foto: Louis Ruthe

Laut Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) gibt es eine »mittlere einstellige Zahl von Opfern. Es ist aber nicht auszuschließen, dass es noch weitere Opfer gibt, möglicherweise sogar viele«, sagte Reul am Donnerstag im Innenausschuss des Landtags.

Der 60-Jährige Krankengymnast und Heilpraktiker sitzt seit vergangener Woche in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern und des Besitzes von Kinderpornografie.

Seit 2017 bei Kripo bekannt

In den Ermittlungen hat es laut Reul in puncto Ermittlungstempo einen »klaren Fehler« der Polizei gegeben. Der Fall hätte »höher priorisiert« werden müssen, da der Verdächtige als Kinder- und Jugendtherapeut »freien Zugang zu Kindern und Jugendlichen« gehabt habe. Polizeilich sei er zuvor nicht in Erscheinung getreten.

Der Fall lag laut Reul bereits seit November 2017 bei der Kripo Minden-Lübbecke. Erst am 8. März diesen Jahres sei es zu einer Durchsuchung gekommen, seit dem 29. März sitze der Mann in Untersuchungshaft. Die »Bild«-Zeitung hatte online zuerst über die Verzögerungen berichtet. In der Ausschusssitzung bezeichnete der innenpolitische Sprecher der SPD, Hartmut Ganzke, die Verzögerungen als »ein verheerendes Signal an die staatstreuen Bürger in NRW«.

Laut »Bild« bekam die Polizei den ersten Hinweis auf den Mann schon im Oktober 2017. Hinweisgeber sei ein Computerfachmann gewesen, der bei einer Reparatur kinderpornografische Bilder auf dem Rechner des Physiotherapeuten gefunden hatte, berichtete die Zeitung.

Drei erfloglose Versuche

Reul berichtete, dass die Polizei in der Folge drei erfolglose Versuche unternommen hatte, die Wohnung des Beschuldigten zu durchsuchen – im Mai und im Juli 2018 sowie im Januar 2019. »Da man den Beschuldigten aber nicht zu Hause antraf, hat man den Versuch dann aus taktischen Gründen abgebrochen«, sagte Reul.

»Es gibt nämlich die kriminalistische Erfahrung, dass die Konsumenten von Kinderpornografie die (...) Daten - also: diese furchtbaren Bilder und Videos – häufig mit sich herumtragen.« Das Vorgehen der Ermittler sei daher nach Einschätzung der kriminalpolizeilichen Fachaufsicht im Landeskriminalamt »grundsätzlich durchaus nachvollziehbar«, so Reul weiter.

80 Ermittler

Erst am 8. März habe umfangreiches Datenmaterial sichergestellt werden können, darunter Mobiltelefone, Computer und andere Datenträger. Bei einer weiteren Durchsuchung am 14. März seien weitere Datenträger beschlagnahmt worden. Eine Auswertung habe ergeben, dass es sich bei vielen Bildern um kinderpornografisches Material handele. Außerdem habe es Hinweise gegeben, dass der Tatverdächtige solches Material »auch selbst angefertigt haben könnte«. »Ob der Beschuldigte seine Tätigkeit als Therapeut zu weiteren strafbaren Handlungen ausgenutzt habe, wird derzeit ermittelt.«

Wegen »Umfang und Bedeutung« habe die Polizei Dortmund die Ermittlungen am 29. März übernommen, inzwischen seien mit dem Fall etwa 80 Ermittler befasst.

Anlaufstellen für Eltern

Um weitere Opfer ausfindig zu machen, richtete die Polizei am Donnerstag mobile Anlaufstellen ein. Und zwar:

-in Minden am Markt und

-in Bad Oeynhausen an der Herforder Straße in Höhe des Bahnhofs.

An diesen Anlaufstellen stehen Ermittler und Opferschutzbeauftragte zur Verfügung.

Die Polizei ist von Donnerstag bis einschließlich Samstag bis 20 Uhr mit mobilen Teams vor Ort. Mögliche Betroffene und Zeugen können sich zudem an die Polizeidienststellen in Bad Oeynhausen und Minden-Lübbecke wenden.

Telefonisch sind die Opferschutzbeauftragten und Ermittler ab sofort unter der Rufnummer der Dortmunder Polizei 0231-132 7444 erreichbar.

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