Unternehmer Horst Kottmeyer junior hat Notfallplan vorbereitet
Brexit sorgt bei Speditionen für Chaos

Bad Oeynhausen (WB). Vollzieht das Vereinigte Königreich den Brexit? Und wenn ja, wann? Mit Kopfschütteln blickt Spediteur Horst Kottmeyer junior (56) nach Großbritannien und auf das Chaos dort.

Montag, 01.04.2019, 15:08 Uhr aktualisiert: 01.04.2019, 15:12 Uhr
Horst Kottmeyer junior ist entsetzt über das Brexit-Chaos. Kottmeyer- Mitarbeiter haben inzwischen sogar Lehrgänge absolviert, um den Zoll selbst abwickeln zu können. Auch Zollnummern der Kunden haben sie zusammengestellt. »Wir hoffen jetzt auf Sicherheit bis zum 12. April. Die Wirtschaft braucht einen Plan«, fordert der Unternehmer aus Bad Oeynhausen. Foto: Rajkumar Mukherjee

Nach zwei Jahren Verhandlung sollte die Grenze am 29. März von 23 Uhr an eigentlich dicht sein. Daher sind Kottmeyer-Lkw mit Fracht für Großbritannien am Donnerstag vorsorglich auf dem Hof geblieben. Freitag sind dann aber doch wieder 18 Touren gestartet. An beiden Tagen sollten wegen des drohenden Brexits keine Kottmeyer-Lkw bei Kunden beladen werden. Weil aber der Austritt kurz vor der dritten Ablehnung des Brexit-Deals der Regierung May durch das britische Parlament am Freitag unwahrscheinlich erschien, haben sich Kottmeyer-Fahrer wieder auf den Weg gemacht. Jetzt geht der Blick auf den Stichtag 12. April. »Ich habe viel erlebt, so etwas aber noch nicht. Das ist ein EU-Austritt ohne Plan und Struktur«, sagt Kottmeyer. Kopfzerbrechen bereiten ungeklärte Zollfragen, ein Abkommen gebe es nicht.

Pro Tag 15 bis 20 Touren nach Großbritannien

Horst Kottmeyer junior ist geschäftsführender Gesellschafter der Kottmeyer GmbH & Co. KG. Neben der Spedition gehört auch eine Entsorgungsfirma zum Unternehmen. 400 Mitarbeiter hat es, davon 300 in der Spedition. 170 ziehende Einheiten mit Zugmaschinen und Auflieger transportieren Waren in Westeuropa. Vor allem Autoteile, aber auch Lebensmittel, Hygieneartikel und Weiße Ware bringen die Kottmeyer-Fahrer von Herstellern zu Abnehmern. Einen großen Teil macht das Großbritannien-Geschäft aus, besonders für die Automobilindustrie: Pro Tag gibt es 15 bis 20 Touren dorthin. In der Regel »just in time«, von einem Produktionsband zum nächsten.

Als Vorsitzender des Verbandes Verkehrswirtschaft und Logistik NRW und als Aufsichtsrat sowie zuvor langjähriger Vize-Präsident des Bundesverbandes Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung spricht Kottmeyer junior für Speditionen bundesweit. Und er weist auf die Probleme bei Treffen oder Podiumsdiskussionen mit hohen Vertretern des deutschen Zolls, des Europatunnels, dem britischen Konsul oder Friedrich Merz (CDU), NRW-Beauftragter für die Folgen des Brexit und die transatlantischen Beziehungen, hin.

Brexit bedeutet Zollpapiere für die Fahrer

Mit Spannung hat Kottmeyer am Freitag den Brexit erwartet. Wäre der um 23 Uhr vollzogen worden, »dann wäre Großbritannien in dem Augenblick faktisch Drittland gewesen«, sagt er. Von diesem Augenblick an hätten seine Fahrer, die vor dem Brexit gestartet sind, für die Warenausfuhr vom Kontinent nach Großbritannien Zollpapiere haben müssen. Diese werden vom Absender oder mit einem Zollagenten angefertigt. »Wir hätten aber am Donnerstag und Freitag, also vor dem möglichen Austritt, gar keine Zollpapiere anfertigen lassen können«, sagt der Unternehmer. Denn da war Großbritannien noch EU-Land – und ist es nun weiterhin. Für den Transport zwischen zwei EU-Ländern sind diese Papiere nicht notwendig.

Das Problem ist aus seiner Sicht noch viel größer: »Es gibt in Großbritannien keine Zollinfrastruktur – und so keine Möglichkeit zur Dokumentation.« Übergangsweise soll die Aus- und Einfuhr aufgrund einer simplen Annahme bestätigt werden: Lkw, die von Calais durch den Eurotunnel oder auf Fähren nach Dover unterwegs sind, können nur dort anlanden. Papiere sollen in Calais eingescannt werden. Ein Mehraufwand, wenn – wie zuletzt – auch noch der französische Zoll zeitweise streikt. Täglich sind zwischen Calais und Dover 12.000 bis 16.000 Lkw unterwegs. Eine Hälfte im Tunnel, die andere auf Fähren.

Briten fehlt notwendiges Zollpersonal

Zudem fehlt Großbritannien Zollpersonal. »5000 bis 10.000 Mitarbeiter sollen ausgebildet werden. Das dauert mindestens zwei Jahre«, sagt er. Dagegen habe ein Stresstest beim deutschen Zoll mit der Software ATLAS (Automatisiertes Tarif- und Lokales Zoll-Abwicklungs-System) ergeben, dass die Mitarbeiter nach einem Brexit ein höheres Warenvolumen abfertigen können. »Man geht von bis zu 17 Prozent mehr Volumen beim Export, neun Prozent beim Import aus«, sagt er.

Für den Brexit hat er einen Notfallplan. Auf dem Firmengelände ist eine Halle (1000 Quadratmeter Fläche) als Zwischenlager reserviert: »Unsere Kunden müssen die Ware abgeben können, sonst gibt es dort Produktionsstopps.«

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