Autor Dževad Karahasan bei Auftakt der »Poetischen Quellen« in Löhne zu Gast Mit Literatur Grenzen überwinden

Bad Oeynhausen/Löhne (WB). An der künftigen Partnerschaft zwischen den »Sarajevoer Poesietagen« und den »Poetischen Quellen« der Städte Bad Oeynhausen und Löhne hat der Schriftsteller Dževad Karahasan maßgeblichen Anteil. Im Interview spricht der Bosnier über die Hintergründe. Die Fragen stellte Redakteur Malte Samtenschnieder.

Der bosnische Autor Dževad Karahasan setzt sich dafür ein, die Zusammenarbeit zwischen den »Poetischen Quellen« und den »Sarajevoer Kulturtagen« in Zukunft zu vertiefen.
Der bosnische Autor Dževad Karahasan setzt sich dafür ein, die Zusammenarbeit zwischen den »Poetischen Quellen« und den »Sarajevoer Kulturtagen« in Zukunft zu vertiefen. Foto: imago

Das Literaturfest »Poetische Quellen« in Bad Oeynhausen und Löhne sowie die »Sarajevoer Poesietage« wollen in Zukunft zusammenarbeiten. Wie ist diese Idee entstanden?

Dževad Karahasan: Die Idee ist im Laufe eines Gesprächs entstanden. Wir vergessen immer öfter, wie fruchtbar ein altmodisches Gespräch sein kann, wenn sich zwei Menschen ohne Ziel und Grund unterhalten. So haben wir, Michael Scholz, Leiter der »Poetischen Quellen«, und ich einmal einfach so miteinander geredet, ohne Absicht bei dem Gesprächspartner etwas zu erreichen, ihn von etwas zu überzeugen, ihn zu belehren oder etwas von ihm zu erfahren. Und so ist die Idee, beide Festivals irgendwie zu verbinden, »zwischen uns« entstanden.

Wie würden Sie die wesentlichen Parallelen zwischen den »Poetischen Quellen« und den »Sarajevoer Poesietagen« beschreiben?

Karahasan: Beide sind internationale Festivals, die sich bemühen, Begegnungen zwischen verschiedenen Literaturen und Literaten zu ermöglichen. Beide sind auf zeitgenössische Literatur orientiert und versuchen, Literatur durch Gespräch, unmittelbare Begegnung mit den Autoren, zu vermitteln. Beide Festivals verstehen das Kunsterlebnis als Teil des alltäglichen Lebens, als Mittel, dieses alltägliche Leben zu veredeln, komplexer und bewusster zu machen.

Welche Unterschiede gibt es?

Karahasan: Unterschiede sind genauso zahlreich. Beschränken wir uns auf die wesentlichen: Die »Sarajevoer Poesietage« blicken auf eine lange und recht ansehnliche Tradition. Denn das Festival wird seit 1962 alljährlich veranstaltet – auch während der Belagerung Sarajevos von 1992 bis 1995. Geraume Zeit war es eine von wenigen Stätten, die Begegnungen zwischen einem Sowjet und einem Amerikaner, einem Afrikaner und einem Asiaten möglich machten. Ich erinnere: Unser Festival ist mitten im Kalten Krieg entstanden, und Jugoslawien war ein blockfreies Land. Heute lebt das Festival, wie alle Kultur in Bosnien, von der Liebe der Autoren und Leseratten, Enthusiasmus und Trotz. Bei den »Poetischen Quellen« ist es vermutlich anders.

Wie wollen Sie die Zusammenarbeit zwischen den zwei Literaturfesten in Deutschland und Bosnien-Herzegowina ausgestalten, damit beide Seiten davon profitieren?

Karahasan: Michael Scholz hatte eine wunderbare Idee, die ich herzlich und gerne angenommen habe – literarische Patenschaften. Ein deutschsprachiger und ein bosnischsprachiger Autor sollen sich gegenseitig in Bad Oeynhausen und in Sarajevo vorstellen, kommentieren, miteinander reden. Davon profitieren jeweilige Autoren, unsere Besucher, beide Kulturen. Wie von einem guten Dialog, wie wir am Anfang unseren eigenen Gesprächs festgestellt haben.

Die Partnerschaft zwischen den »Poetischen Quellen« und den »Sarajevoer Poesietagen« wird bei einer Auftaktveranstaltung am Mittwoch, 23. August, um 19.30 Uhr in der Löhner Werretalhalle vorgestellt. Das Motto lautet »Alle Länder gebe ich für Sarajevo hin«. Wie ist das zu verstehen?

Karahasan: »Alle Länder gebe ich für Sarajevo hin / Aber auch Sarajevo für meinen Liebsten«, heißt es in einem Volkslied, von einem Mädchen gesungen. Dem ist, glaube ich, nichts hinzuzufügen. Für das Mädchen ist Sarajevo das Teuerste auf der Welt, aber ihr Liebster...

Sie haben einmal gesagt, dass für Sie die Stadt Sarajevo »als mögliche Vorstellung für ein zukünftiges Europa steht«. Warum?

Karahasan: Seit Jahrhunderten leben in Sarajevo Juden und Christen, Muslime und Szientisten, Atheisten und Agnostiker, Pantheisten und Götzenanbeter nebeneinander, miteinander, gelegentlich in manchem Kneipenstreit auch gegeneinander. In Sarajevo lernt man am schnellsten, dass der Andere die beste, wahrscheinlich gar die einzige Möglichkeit ist, sich selber zu erkennen, zu verstehen, eigene Grenzen und somit Form des eigenen Wesens zu begreifen, zu entdecken.

Sie haben bereits viele Preise und Auszeichnungen erhalten. Neben etlichen Würdigungen für Ihr literarisches Werk war die Goethe-Medaille für Ihre Verdienste um den kulturellen Austausch darunter. Was bedeutet Ihnen mehr?

Karahasan: Eine schwere Frage, eine verdammt schwere Frage! Goethe gehört zu einem Kreis der Autoren, die ich immer wieder lese, mit denen ich ununterbrochen Gespräche führe, polemisiere, an die ich Fragen richte, die mich aktuell quälen. Alles, was mit Goethe zu tun hat, was mit seinem Namen in Verbindung steht, bedeutet mir sehr viel. Andererseits wird einem ein Preis von Kollegen und Kritiker zuerkannt, daher ist ein Preis auch emotional wertvoll. Am besten kann ich die Frage mit einem bosnischen Witz beantworten: »Was denkst du, Suljo«, fragt Bosnier Mujo seinen besten Freund, »wächst und entwickelt sich das menschliche Wesen von außen nach innen, oder von innen nach außen?« Suljo überlegt eine Weile und gibt zur Antwort: »Du, ich glaube schon.«

Sie sind der Sohn einer Muslimin und eines Kommunisten und haben in Ihrer Kindheit eine Franziskanerschule besucht. Wie haben unterschiedliche religiöse und politische Sichtweisen Ihre eigene Identität geprägt?

Karahasan: Da liegt ein Missverständnis zugrunde. Es war keine Franziskanerschule. Es handelte sich um Privatunterricht bei guten Bekannten in einem Franziskanerkloster. Ich kann das nicht beurteilen. Aber ich glaube, dass das Kennenlernen von so unterschiedlichen Weltansichten, politischen und gesellschaftlichen Sichtweisen mir beziehungsweise meiner Identität sehr wohl getan hat. Denn so etwas öffnet einen Menschen, ermöglicht ihm unerwartete Einsichten. Persönliche und kulturelle Identität sind keine mechanische Einheit, sie sind nicht mechanisch vollendet, sondern ein fließendes Ganzes, ein stetes Entstehen. Mensch, sowie Kultur und Leben selbst, leben von Unterschieden, für all das bedeutet eine mechanische Vollendung wirklich das Ende.

Sie sind 1993 mit Ihrer Frau aus dem belagerten und umkämpften Sarajevo geflüchtet. Wie bewerten Sie aufgrund Ihrer eigenen Erfahrungen die aktuelle Flüchtlingspolitik in Deutschland und in Europa?

Karahasan: Kein Thema für festliche Anlässe. Ich bin ein Schriftsteller. Meine Aufgabe ist es zu verstehen, nicht zu verurteilen. Aber das, was ich verstehe, ist erschreckend. Denn es wird Politik mit Angst gemacht. Frau Merkel ausgenommen. Und Angst ist kein guter Berater. Verängstigte Menschen sind keine Bürger. Sie bilden keine Gesellschaft, bestenfalls eine Masse.

Sie gelten als einer der »bedeutendsten europäischen Gegenwartsautoren«. Wie gehen Sie mit derartigen Aussagen um?

Karahasan: Meine Antwort muss zwiespältig ausfallen. Jedes Mal, wenn mir Gefahr droht, mich sehr ernst zu nehmen, sage ich einige Namen her, zum Beispiel Tschechow, Goethe, Büchner, Platon, und ich bin schon geheilt. Und trotzdem tut es sehr wohl, von anderen ernst genommen zu werden.

Bei der Auftaktveranstaltung am nächsten Mittwoch in der Löhner Werretalhalle ist die Musikgruppe »Divanhana« dabei. Sie wird traditionellen Sevdah spielen. Welche Bedeutung hat diese Musik für Sie?

Karahasan: Sevdah ist eine typisch bosnische Mischung. Total unterschiedliche Einflüsse haben sich im Laufe der Zeit vermischt und eine ganz wunderbare musikalische Form zustande gebracht. Da spielen Einflüsse sephardischer Juden (die von der iberischen Halbinsel vertrieben wurden) und orientalische, traditionell bosnische und wer weiß welche Einflüsse noch zusammen. Für mich ist diese Musik vor allem tiefe pathetische Erinnerung. Wie Erinnerung an das Haus, in dem ich meine Kindheit verbracht habe, an den Bach, in dem ich zum ersten Mal badete, an...

Warum lohnt es sich aus Ihrer Sicht, bei der Auftaktveranstaltung als Besucher dabei zu sein?

Karahasan: Da könnte man eine spannende musikalische Form kennenlernen in recht guter Aufführung. Man kann Eindruck bekommen von einer wunderbaren Stadt, die so nahe und so fremd zugleich ist, einer einmaligen Stadt, die zwei Flugstunden von Düsseldorf liegt, die total unser und total anders ist. Man kann den Wunsch bekommen, gar das Bedürfnis, diese Stadt zu besuchen, kennenzulernen. Das wäre eine der besseren Sachen, die einem heute passieren können.

Herta Müller verewigt sich in Goldenem Buch

Dass sich Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller inzwischen zu einem Eintrag im Goldenen Buch der Stadt Löhne bereit erklärt hat, hat Michael Scholz, künstlerischer Leiter der »Poetischen Quellen«, am Freitag bestätigt. Wahrscheinlich werde die Zeremonie unmittelbar vor der Lesung erfolgen, die am Samstag, 26. August, 20.30 Uhr, im Literaturzelt auf der Aqua Magica beginnt. Der genaue Zeitpunkt wird laut Michael Scholz rechtzeitig noch bekannt gegeben.

Weitere Informationen zum Programm des 16. Internationalen Literaturfests »Poetische Quellen« gibt es unter Telefon 05732/100323.

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