Gedenkveranstaltung erinnert an Reichspogromnacht am 9. November 1938
Gegen das Vergessen

Schlangen (WB). Der 9. November 1938 war der Tag, an dem NS-Schlägertrupps in ganz Deutschland jüdische Geschäfte verwüsteten und Synagogen in Brand steckten. Tausende Juden wurden verhaftet, gefoltert oder getötet. Mit einer besonderen Gedenkveranstaltung wollen die Gemeinde Schlangen und die offene Kinder- und Jugendarbeit an die Reichspogromnacht erinnern.

Dienstag, 05.11.2019, 15:30 Uhr aktualisiert: 05.11.2019, 15:32 Uhr
Auf dem jüdischen Friedhof an der Gartenstraße: Theaterpädagogin Awelina Lintermanns und Joachim Woite setzen gemeinsam mit Jugendlichen und der Gemeinde Schlangen ein Zeichen gegen das Vergessen. Foto: Klaus Karenfeld

Als Adolf Hitler 1933 Reichskanzler wurde, lebten noch 25 Juden in Schlangen und fünf weitere im benachbarten Haustenbeck. Schnell war klar: Das NS-Regime würde es nicht bei radikalen Ankündigungen belassen. Die staatlich angeordnete Boykottaktion gegen jüdische Geschäfte am 1. April 1933 war ein erstes ernstes Warnsignal, dem weitere folgen sollten. Alt eingesessene Unternehmen wie die Metzgerei Grünewald mussten aufgeben und gingen in nichtjüdische Hände über.

In der Reichspogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 kam es landesweit zu Gewaltexzessen gegen Juden – nicht so in Schlangen. Über die Gründe kann heute nur spekuliert werden.

1933 lebten noch 30 Juden in Schlangen und Haustenbeck

Antijüdische Aktionen unterblieben wohl aber auch deshalb, weil viele jüdische Bürger bereits emigriert oder verzogen waren. Dennoch kam es zu vereinzelten Verhaftungen. Schon vor der Reichspogromnacht waren zehn Juden direkt von Schlangen nach Argentinien emigriert. Vier weitere kehrten Deutschland den Rücken, nachdem sie zuvor in einen anderen Ort verzogen waren. Argentinien wurde auch Zufluchtsort für sieben Mitglieder der Haustenbecker Familie Soesmann.

Im Herbst 1941 kam es zu den ersten großen Deportationen. Während Robert Levi mehrere Vernichtungslager überlebte und später nach Schlangen zurück kehrte, wurde seine Schwester Hildegard nach Kriegsende für tot erklärt. Elfriede Levi verzog zunächst nach Bigge und gilt seit ihrer Deportation 1943 nach Auschwitz als verschollen. Grete Levi lebte kurzzeitig in Schieder und starb vermutlich 1943 in Auschwitz. Horst Levi gelang zunächst die Flucht nach Holland, wurde 1941 in Westerbork interniert und starb 1942 ebenfalls in Auschwitz.

In diesem geschichtlichen Wissen wurde am 20. September 1963 ein Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof (Gartenstraße) eingeweiht. Er zeigt einen an beiden Händen gefesselten Menschen, der von Qualen gezeichnet ist. Darunter findet sich der Spruch: »Den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus der Gemeinde Schlangen«.

Gedenken am jüdischen Friedhof

Der jüdische Friedhof ist auch Ausgangspunkt einer besonderen Gedenkfeier am 9. November. Eingeladen dazu haben die Gemeinde Schlangen und die örtliche Kinder- und Jugendarbeit. »Wir wollen damit ein Zeichen der Erinnerung und gegen das Vergessen setzen«, macht Sozialarbeiter Joachim Woite gegenüber der SCHLÄNGER ZEITUNG deutlich. Bürgermeister Ulrich Knorr unterstützt das Anliegen ausdrücklich. Gerade in Zeiten zunehmender Gewalttaten von Rechts sei es notwendig, Stellung zu beziehen und Haltung zu zeigen. Knorr ist überzeugt: »Die Demokratie muss täglich neu erarbeitet werden.«

Die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung treffen sich am 9. November um 17 Uhr auf dem jüdischen Friedhof. Der Bürgermeister wird hier in einer Ansprache an die Schlänger Holocaust-Opfer erinnern.

Schüler gestalten Programm im Bürgerhaus mit

Für das anschließende Programm im Bürgerhaus (ab 18 Uhr) zeichnen auch mehrere Schlänger Jugendliche verantwortlich. Ihr Engagement bezeichnet Woite im Gespräch mit dieser Zeitung als vorbildlich: »Es ist gut und wichtig, die Erinnerung an die schrecklichen Geschehnisse von damals wach zu halten.«

So werden die Jugendlichen selbst entworfene Briefe vortragen, die auf Forschungen des langjährigen Lokalhistorikers Heinz Wiemann zurückgehen. In ihnen wird beispielsweise beschrieben, wo und wie jüdisches Leben in Schlangen seinerzeit stattfand. Begleitet hat das Projekt Theaterpädagogin Awelina Lintermanns.

Musikalisch umrahmt wird die Veranstaltung von der Formation »Bimetall«, die im Bürgerhaus Klezmer Musik spielt.

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