Erstmals E-Flugzeug in Oerlinghausen gelandet
Gib Strom!

Oerlinghausen (WB). Die Zuschauer sind vielleicht nicht ganz so aufgekratzt wie jene, die im September 1909 auf dem Tempelhofer Feld dem Flugpionier Orville Wright in seinem Doppeldecker zuwinkten. Doch ein Gefühl von Abenteuer, von Pioniergeist und Aufbruch ist am Freitag auch auf dem Segelflugplatz Oerlinghausen zu spüren. Dort warten etwa zwei Dutzend E-Mobil-Enthusiasten auf die Landung des ersten in Europa zugelassenen Elektro-Serienflugzeugs.

Montag, 07.09.2020, 05:00 Uhr
Foto: Christian Althoff

Die in der Schweiz stationierte zweisitzige „Velis Electro“ ist nicht zu hören, als sie auf dem Rückweg von Norderney gegen 17.20 Uhr Oerlinghausen aus Südwesten anfliegt. Dann setzt sie auf, und die Reifen sind lauter als der Antrieb. Die Zuschauer klatschen, als das Ultra-Leicht-Flugzeug ausgerollt ist und sich Pilot Marco Buholzer und Zukunftsforscher Morell Westermann aus der engen Kabine befreien. Sofort sind sie von begeisterten Menschen umringt, die sie begrüßen und ihnen ungezählte Fragen stellen. Eric Schrödter ist aus Paderborn gekommen. Seit eineinhalb Jahren pendelt er mit seinem strombetriebenen Hyundai Ioniq 30 Kilometer zur Arbeit und zurück. „E-Mobilität ist toll!“, schwärmt er. Nur einmal pro Woche müsse er den Akku laden, und das mache er nach Möglichkeit über die Solarzellen auf seinem Haus. „Wir haben mit dem Auto sogar schon eine 3000-Kilometer-Reise unternommen – ohne Probleme.“ Klar, man müsse schauen, wo man den Akku füllen könne. „Aber das Lade-Netz wird ja immer dichter.“

Erste Elektroflugschule weltweit

Batterieflug ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. 1973 hielt sich ein Österreicher mit einem Eigenbau einige Minuten in der Luft, und 1981 motorisierte ein Heidelberger Ingenieur seinen Hängegleiter mit zwei Scheibenwischermotoren und blieb zwölfeinhalb Minuten am Himmel. Doch serienreif ist erstmals die „Velis Electro“, für die der slowenischen Hersteller „Pipistrel“ im Juni die Typenzulassung der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA) bekommen hat. Das Flugzeug wiegt 428 Kilogramm und damit etwa so viel wie die vollbetankte benzinbetriebene Variante. Auch der Preis ist mit etwa 170.000 Euro ähnlich. Die herkömmliche Maschine wird von einem Rotax 912 angetrieben, einem in den 80-ern entwickelten 54-PS-Boxermotor. In der modernen Variante dreht sich ein 77-PS-Elektro-Bootsmotor, der für die Luftfahrt modifiziert wurde und aus zwei Akkus gespeist wird.

Pilot Marco Buholzer besitzt eine der ersten „Velis Electro“ und betreibt in der Schweiz nach eigenen Angaben die erste Elektroflugschule der Welt. „Die Akkus reichen für eine Stunde Flugzeit plus Reserve“, sagt er. Damit eigneten sich diese Maschinen nicht für Langstreckenflüge, sagt Co-Pilot und Zukunftsforscher Morell Westermann. „Aber die meisten Kleinflugzeuge werden sowieso zur Ausbildung oder für kürzere Touren genutzt, etwa als Taxis auf die ostfriesischen Inseln.“

Akkus reichen für eine Stunde Flugzeit

Marco Buholzer sagt, der Lärm an Flugplätzen durch startende Maschinen und Platzrunden von Flugschülern finde mit den E-Flugzeugen ein Ende. „In 150 Metern Entfernung hört man sie nicht mehr.“ Und auch das Fliegen mache mehr Spaß. „Man braucht den Motor nicht vorzuwärmen, man braucht nicht mit dem Choke zu spielen, bis er rund läuft, und im Flug fallen die üblichen Vibrationen weg. Und viel leiser ist es auch noch – von der günstigeren Wartung ganz zu schweigen.“

Die Begeisterung des Schweizers erreichte vor Monaten übers Internet auch den Bierbrauer Tobias Pape auf Norderney. Der lud den Elektro-Piloten ein, und daraus erwuchs Idee, mit Strom die 700 Kilometer von der Schweiz bis an die Nordsee in Etappen zu fliegen und öffentlichkeitswirksam zu zeigen, was E-Mobilität kann. Morell Westermann: „Während manche immer noch sagen, dass E-Autos nicht funktionieren, fliegen wir schon mit Strom.“

Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht, mit Batterien von den Alpen ans Meer und zurück zu kommen. Denn nach etwa einer Stunde in der Luft und 120 Kilometern muss die kleine Maschine geladen werden – und da hapert es noch an Möglichkeiten. Denn aus Gewichtsgründen hat die „Velis Electro“ im Gegensatz zu E-Autos kein Ladegerät an Bord. Ein Bodenteam fährt deshalb dem Flugzeug voraus und wartet an den Flugplätzen mit dem 75 Kilogramm schweren Lader. Tesla hat dem Team um Marco Buholzer dafür extra ein Auto zur Verfügung gestellt, auch andere Sponsoren unterstützen den Flug.

Strom für sieben Euro

In Oerlinghausen hat Flughafen-Geschäftsführer Rolf Tiemeyer ein 380-Volt-Kabel aufs Vorfeld gelegt, an das die Bodencrew ihr Ladegerät anschließen kann. „Natürlich ist das ein Provisorium. Aber wenn es erst mal mehr E-Flugzeuge gibt, werden Flugplätze auch Ladestationen haben.“

Privat zu fliegen ist teuer, und darum interessiert am Freitag viele Besucher die Energiebilanz. Ernst Bickmeier aus Rietberg besitzt die Benzin-Variante des Flugzeugs und hat den E-Flieger auf einigen Etappen begleitet. „Ich habe 17 Liter Super pro Stunde gebraucht.“ Und das E-Flugzeug? Marco Buholzer strahlt. „Strom für etwa sieben Euro.”

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