Kriminalbeamte sagen im Untersuchungsausschuss Lügde aus
Zu wenig Platz, zu wenig Leute

Lügde/Düsseldorf (WB). Sie gehört zu den drängendsten Fragen: Hätte Andreas V. als Haupttäter im Missbrauchsfall Lügde früher gestoppt werden können?

Dienstag, 08.09.2020, 02:00 Uhr
Auf dem Campingplatz in Lügde sind Kinder schwer missbraucht worden. Jetzt sagen Kriminalbeamte vor dem Untersuchungsausschuss in Düsseldorf dazu aus. Foto: dpa

Der Untersuchungsausschuss des Landtags versuchte am Montag, Hinweise auf eine frühere Tat von 1998 zu beleuchten. Dabei, so schilderte es der SPD-Abgeordnete Andreas Bialas, ging es offenbar um den Vorwurf des schweren sexuellen Missbrauchs eines vierjährigen Mädchens auch auf dem Campingplatz.

Dass Andreas V. bereits früher im Fokus der Polizei Lippe stand, daran hatte sich eine bis 2017 mit Sexualstrafsachen befasste Kriminalkommissarin erinnert. „Den kenne ich“, sei ihre spontane Reaktion gewesen, als sie Ende 2018 Ermittlungsakten auf dem Tisch einer Kollegin gesehen habe, berichtete die heute 52-jährige Polizeibeamtin im Untersuchungsausschuss. Durch eigene Recherchen habe sie – trotz eines Schreibfehlers im Namen von V. – Hinweise auf eine frühere Strafanzeige wegen eines Sexualdelikts gegen ihn aus dem Jahr 2002 gefunden, die auf einen Missbrauch im Jahr 1998 zurückgehen sollte. Sie habe ihre Kollegen darauf hingewiesen. Warum sie sich erinnerte, konnte sie nicht erklären, möglicherweise sei es einer ihrer ersten Fälle gewesen. „Ich war mir sicher, dass ich mit dem zu tun hatte.“ Ihre Kollegen hätten dann mit dem früheren Opfer aus dem Oberbergischen Kreis Kontakt aufgenommen.

Kommissarin lebt nicht mehr

Ob damals schon der Haupttäter hätte gestoppt werde können, lässt sich vermutlich nicht mehr klären. Die 2002 zuständige Kommissarin lebe nicht mehr, sagte die Zeugin. Aber sie habe zuverlässig gearbeitet, deshalb vermute sie, dass der Fall an die Staatsanwaltschaft gegangen sei. Ob es zu einem Strafverfahren gegen V. gekommen war, konnte der Ausschuss am Montag nicht klären. Er wird es weiter versuchen müssen. Denn als 2016 erstmals ein massiver Verdacht gegen Andreas V. durch eine Mitarbeiterin der Arbeitsagentur erhoben wurde, stieß niemand auf die früheren Ermittlungen.

Das geschah erst im Winter 2018, als die Kreispolizei Lippe den Fall Lügde aufzurollen begann. Die Arbeitsbedingungen für die Ermittlungskommission „Camping“ seien dürftig gewesen, sagte der dritte Leiter der Kommission als Zeuge aus. Zuerst habe er die Akte „in einen lesbaren Zustand“ bringen müssen. Sein Vorgänger sei als Ermittlungsleiter überfordert gewesen. Weder die Räume noch die Personalausstattung seien ausreichend gewesen, sagte der Zeuge. Mehrfach habe er einen eigenen Raum für die Beweismittel angemahnt. Die Asservate hätten an mehreren Stellen gelegen. Verschwundene Datenträger habe er in einem anderen Kommissariat gewähnt. Auch die personelle Unterbesetzung der Kommission sei „ständig Thema“ gewesen.

In Akten gepfuscht

Deshalb habe er mit den Ermittlern arbeiten müssen, die der Kommission zugeteilt worden waren. Darunter seien auch zwei bereits früher mit einem Verdacht gegen V. betraute Beamte gewesen, die damals kein Ermittlungsverfahren eingeleitet hätten. Immer neue Opfer hätten sich gemeldet, sagte der 56-jährige Kriminalbeamte. Die vielen Videoanhörungen ihrer Aussagen seien mit großem Verzug protokolliert worden. Als ihm klar geworden sei, dass Ermittlungen gegen der Jugendämter in Blomberg und Hameln/Bad Pyrmont notwendig würden, weil in deren Akten „gepfuscht“ worden sei, habe er um Hilfe gebeten. Diesen Strang des Verfahrens habe er abtrennen wollen. „Das war eine Dimension, die wie mit unserem Team nicht bearbeiten konnten.“

Bis zur später vom Innenministerium verfügten Übergabe ans Polizeipräsidium Bielefeld habe die Ermittlungskommission alle Opfer identifiziert. Den auf 2002 zurückgehenden Fall habe die Kommission allerdings nicht mehr rekonstruieren können, weil die Akten längst gelöscht gewesen seien.

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