Vor langer Zeit missbrauchte Frauen melden sich jetzt und suchen Hilfe »Lügde lässt alles wieder hochkommen«

Paderborn/Lüdge (WB). Der Fall Lügde – er lässt bei vielen Mädchen und Frauen nach Jahren oder Jahrzehnten einen selbst erlittenen Missbrauch wieder hochkommen, manchmal mit dramatischen Folgen.

Von Christian Althoff
Angela Förster (l.) und Dagmar Knipp von der Paderborner Frauenberatungsstelle »Lilith«. Die Einrichtung wird vor allem vom Land und von der Stadt finanziert.
Angela Förster (l.) und Dagmar Knipp von der Paderborner Frauenberatungsstelle »Lilith«. Die Einrichtung wird vor allem vom Land und von der Stadt finanziert. Foto: Christian Althoff

»Die Anfragen nach Hilfe überrollen uns im Moment«, sagt Dagmar Knipp (56), Diplomsozialarbeiterin, Traumaexpertin und Mitbegründerin der Frauenberatungsstelle »Lilith« in Paderborn.

1985 ins Leben gerufen, um Frauen in allen möglichen Lebenslagen zu unterstützen, haben es die heute sieben Mitarbeiterinnen seit Jahren fast nur noch mit häuslicher Gewalt, Missbrauch und Vergewaltigungen zu tun.

Wie »ein Trigger«

Der Fall Lügde fordert sie zusätzlich: »Der ist wie ein Trigger. Frauen, die Missbrauchserlebnisse seit langem verdrängt haben, lesen über Lügde, und plötzlich ist alles wieder da«, sagt Dagmar Knipp. »Sie sehen die Bilder vor ihrem geistigen Auge, und manche haben Körpererinnerungen, bei denen sie die Schmerzen der Tat wieder spüren.«

Vor kurzem hätten an einem einzigen Tag fünf Frauen angerufen und nach Hilfe gefragt. »Und viele sind sich unsicher, ob ihnen die Hilfe überhaupt zusteht, weil sie sich durch die perfide Manipulation des Täters selber die Schuld für die Übergriffe geben.«

Beratungsstelle »Lilith«

In der Beratungsstelle kümmert sich Dagmar Knipp vor allem um Frauen mittleren und fortgeschrittenen Alters. »Viele wurden als Kind im familiären Umfeld missbraucht – vom Vater, Opa oder Onkel.« Jugendlichen und junge Erwachsene betreut Angela Förster: »Da sind die Täter neben Angehörigen häufig Vertrauenspersonen aus dem sozialen Umfeld wie Trainer, Lehrer und Professoren«, sagt die Diplompädagogin und Traumafachberaterin.

Die Beratungsstelle sieht ihre Aufgabe vor allem darin, Mädchen und Frauen so zu stabilisieren, dass sie ihren Alltag bewältigen können. »Dass sie selbst wieder über ihr Leben bestimmen, und nicht die Erinnerungen an die Tat«, wie Angela Förster sagt.

Das ist nicht einfach. »Es kann passieren, dass sich eine Frau nicht mehr unter Leute traut, weil sie fürchtet, ein Rasierwasser zu riechen, das sie an den Täter erinnert. Dann hätte sie schlagartig das Gefühl, die Tat wieder zu erleben«, erzählt Angela Förster. »Es gibt auch Frauen, die nach einem Missbrauch oder einer Vergewaltigung nie wieder beim Zahnarzt oder einer Gynäkologin waren, weil sie das Gefühl des Ausgeliefertseins nicht ertragen.« Versuche, solche Frauen zu einer Ärztin zu begleiten, scheiterten oft. »Berührungen bleiben eben sehr schlimm für sie.«

Was ihnen im Detail angetan wurde – das behalten die meisten Mädchen und Frauen für sich, und sie werden bei »Lilith« bewusst nicht danach gefragt. »Das ist für viele eine große Erleichterung.« Die Opfer verwenden zwar Begriffe wie Missbrauch und Vergewaltigung, aber näher gehen die wenigsten auf die Verbrechen ein. »Schon diese groben Schilderungen lösen bei manchen Frauen Atemnot, Herzrasen und Schmerzen aus«, sagt Dagmar Knipp.

Positive Gegengewichte

Die Mitarbeiterinnen der Frauenberatungsstelle erklären Opfern, wie ihre Symptome entstehen, warum sie plötzlich Körpererinnerungen haben oder auf einmal Angst bekommen, obwohl sie in einer sicheren Umgebung sind. »Ein Teil des Gehirns hat kein Zeitgefühl. Deshalb fühlen sich die Frauen und Mädchen in bestimmten Situationen von einer Sekunde auf die andere so, als passiere die Tat hier und jetzt wieder« sagt Angela Förster.

Die Expertinnen versuchen, positive Gegengewichte zu setzen. »Eine Frau, die sich nicht mehr unter Leute traut, kann vielleicht mit der Zeit lernen, Rasierwassergeruch mit etwas Schönem zu verbinden und nur daran zu denken, wenn die ersten Missbrauchserinnerungen hochzukommen drohen.« Das sei ein sehr langer Prozess. Dabei erfahren die Helferinnen häufig, dass Mädchen und Frauen die Schuld bei sich suchen. »Der inflationäre Gebrauch des Begriffs pädophil lässt bei manchen den Eindruck entstehen, dass die Täter generell krank sind und nicht wissen, was sie tun«, sagt Dagmar Knipp. »Das ist natürlich falsch. Zum einen sind die wenigsten Kindesmissbraucher pädophil. Und zum anderen führt die Krankheit nicht dazu, dass man nicht weiß, was man tut.«

Auf die Frage, ob sie Opfern empfehlen, zur Polizei zu gehen, haben die Beraterinnen keine eindeutige Antwort. »Die Entscheidung trifft alleine die Frau. Es kommt auch darauf an, wie stabil sie ist«, sagt Angela Förster. »Ich höre immer wieder von jungen Frauen, dass sie das Gefühl haben, die Polizistinnen glaubten ihnen nicht. Da kommen Fragen, wie: Was hatten Sie denn an? Haben sie den Mann vielleicht provoziert? Die Polizei muss solche Fragen stellen, denn die werden im Prozess auch vom Verteidiger gestellt. Wir kritisieren aber, dass die Polizei den Frauen nicht vorher erklärt, warum sie so fragt. Bei den Mädchen und Frauen kommt das so an, als hätten sie Schuld an dem, was ihnen passiert ist.«

Besonders traumatisiert seien Opfer, wenn der Täter sie beim Missbrauch auch noch gefilmt habe, erzählen die Beraterinnen. »Sie müssen ihr Leben lang damit klarkommen, dass ihre Bilder da draußen im Netz sind und jederzeit auftauchen können. Der Täter hat vielleicht irgendwann seine Strafe verbüßt, aber die Opfer leiden ein Leben lang«, sagt Dagmar Knipp.

Auch deshalb fordern die Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle, Sexualstraftaten nie aus polizeilichen Führungszeugnissen zu löschen. Und sie fordern höhere Mindeststrafen für den Besitz von Kinderpornographie. »Wobei wir schon dieses Wort ablehnen«, sagt Angela Förster.»Diese Bilder zeigen keine Pornographie, sondern zum Teil den brutalsten Missbrauch von Babys, Kindern und Jugendlichen.« Für sie erschließe sich deshalb nicht, sagt Dagmar Knipp, warum einem Konsumenten solcher Missbrauchsfotos weniger Strafe drohe als dem Produzenten. »In den letzten Wochen konnte man wieder lesen, dass bei uns in Ostwestfalen ein Richter, ein Staatsanwalt und ein Polizist, die Kinderpornos besaßen, recht glimpflich davongekommen sind. So etwas ist einfach ein falsches Zeichen.«

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