Beim ärztlichen Notdienst gehen die Kreise Paderborn, Höxter und Lippe einen anderen Weg
Die Patientenleitstelle

Lemgo (WB). Es gibt Menschen, die 20 Minuten oder länger in der Telefon-Warteschleife des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes hängen, bevor jemand abnimmt. Und es gibt Menschen, denen nach 30 Sekunden geholfen wird.

Mittwoch, 04.03.2020, 10:00 Uhr aktualisiert: 04.03.2020, 13:28 Uhr
Sascha Medina, der Chef der Leitstelle beim Kreis Lippe, an einem der acht Arbeitsplätze. Von hier aus werden Patienten in drei Kreisen betreut. Foto: Althoff

Letztere leben in den Kreisen Lippe, Höxter und Paderborn. Denn in dieser Region mit ihren gut 800.000 Einwohnern wird seit 2018 ein von Ärzten finanziertes Verfahren ausprobiert, das Patientenströme effektiver leiten soll – zum Nutzen von Kranken, Ärzten und Kliniken.

Bei Verdacht auf Herzinfarkt, Schlaganfall und sonstigen bedrohenden Zuständen bleibt es bei der Nummer 112 für einen sofortigen Rettungseinsatz. Aber bei anderen Beschwerden außerhalb der Praxiszeiten des Hausarztes ist der ärztliche Bereitschaftsdienst mit der bundesweiten Nummer 116 117 zuständig.

„Patienten waren oft lange“

Wer außerhalb der drei genannten Kreise wohnt, erreicht unter der Nummer ein Callcenter in Duisburg. Die Disponenten dort informieren, welcher Arzt in der Nähe gerade Notdienst hat, und organisieren Fahrten von Bereitschaftsärzten, sollte ein Kranker den Notdienstarzt nicht selbständig aufsuchen können. „Doch das System hat Schwächen“, sagt Hausarzt Dr. Ulli Polenz aus Paderborn, ehrenamtlicher Leiter der Bezirksstelle der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe. „Es dauert vergleichsweise lange, bis jemand ans Telefon geht, und die Disponenten kennen sich in Ostwestfalen-Lippe überhaupt nicht aus. Deshalb müssen Patienten oft lange auf den Bereitschaftsarzt warten.“

Jeder Arzt zahlt 175 Euro

Immer wieder gab es Patientenbeschwerden, oder Menschen fuhren genervt ins Krankenhaus und verstopften dort die Notaufnahmen. Die Landräte der Kreise Paderborn, Höxter und Lippe gehen deshalb ihren eigenen Weg. Im Sommer 2018 begann das dreijährige Pilotprojekt – unterstützt vom NRW-Gesundheitsministerium und der Ärztekammer und mit 900.000 Euro von den Kassenärzten finanziert. Dr. Polenz: „Jeder der 17.000 niedergelassenen Ärzte in Westfalen-Lippe muss 175 Euro im Monat für die Aufrechterhaltung des Notdienstes zahlen. Aus diesem Topf stammen die Mittel für das Projekt. Wir finanzieren drei Stellen für drei Jahre.“ Der Versuch wird vom IGES-Institut Berlin wissenschaftlich begleitet und zum Schluss bewertet.

26 Sekunden Reaktionszeit

Wer in einem der drei Kreise wohnt und 116 117 wählt, landet in der Leitstelle Lippe, die ihren Sitz in Lemgo hat. „Im Durchschnitt dauert es nur 26 Sekunden, bis wir uns um den Anrufer kümmern“, sagt Meinolf Haase, der beim Kreis Lippe für den Bevölkerungsschutz zuständig ist.

Jeder Rettungsassistent oder Notfallsanitäter, der einen 116 117- Anruf annimmt, sitzt vor sechs Bildschirmen. Er kann sich die Adresse des Anrufers auf einer Straßenkarte oder einem Satellitenfoto zeigen lassen, er kann erkennen, welcher Bereitschaftsarzt gerade mit welchem Fahrzeug wo ist, und er bekommt einen Fragenkatalog angezeigt, der für jeden Anrufer gleich ist. Der wesentliche Unterschied zu Mitarbeitern in anderen Leitstellen, die Notrufe entgegennehmen: Während dort innerhalb von Sekunden entschieden werden muss, ob jemand sofort einen Arzt braucht, haben die Disponenten in Lemgo mehr Zeit für die Anamnese. Zweieinhalb Minuten ist die durchschnittliche Gesprächsdauer, es waren aber auch schon mal 19 Minuten.

Viele Fragen

Die Disponenten erkundigen sich nach Bewusstseinsstörungen, nach Atemproblemen, nach dem Kreislauf, nach Schmerzen und anderen Dingen. Sascha Medina, Chef der Leitstelle: „Anschließend muss sich der Disponent entscheiden. Er kann dem Anrufer raten, am nächsten Tag zum Hausarzt zu gehen. Er kann ihm aber auch empfehlen, den ärztlichen Notdienst aufzusuchen. Wenn der Anrufer dazu nicht in der Lage ist, schickt der Disponent einen Bereitschaftsarzt los. Oder er alarmiert einen Notarzt, wenn er den Zustand des Anrufers für kritisch hält.“ Sollte der Disponent unsicher sein, könne er den Anrufer auch zu einem Bereitschaftsarzt durchstellen, sagt Sascha Medina.

55.347 Anrufe in 18 Monaten

In den ersten 18 Monaten gingen in der Leitstelle 55.347 Anrufe aus den drei Kreisen ein – mehr als 100 pro Tag. Jeder zwölfte Anrufer legte nach der Bandansage, die über den Dienst informiert, wieder auf. Von den 52.000 angenommenen Gesprächen reichte in 31.000 Fällen die Beratung durch den Disponenten aus. In fast 2000 Fällen wurde das Gespräch an einen Hintergrundarzt weitergegeben, und in mehr als 16.000 Fällen brachte der Fahrdienst der Johanniter einen Bereitschaftsarzt zum Anrufer. Bei gut 3000 Anrufern wurde deren Zustand als so ernst eingeschätzt, dass sofort ein Notarzt losgeschickt wurde.

Meinolf Haase: „Im Durchschnitt sind unsere Bereitschaftsärzte 31 Minuten nach Anforderung durch den Disponenten beim Patienten. In dieser Zeit haben manche Menschen, die im Callcenter in Duisburg landen, noch nicht einmal jemanden am Telefon.“ Dr. Ulli Polenz: „Wir Ärzte sind mit dem Verlauf des Projekts sehr zufrieden. Der Patientenstrom wird aufgefächert, und die Notaufnahmen der Krankenhäuser werden entlastet.“ Ihm sei bis heute kein Fall bekanntgeworden, in dem die Leitstellenmitarbeiter mit ihrer Einschätzung falsch gelegen hätten und deshalb ein Patient zu Schaden gekommen sei.

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