Trotz Behinderung: Zustellerin kann in Lippe weiter Post austragen – mit Video Gerda Kennedy und ihr gelber Flitzer

Lemgo (WB). Weil Gerda Kennedy nicht mehr so weit laufen kann, hat ihr Arbeitgeber der 55-Jährigen jetzt ein ungewöhnliches Gefährt besorgt. Damit ist die Postbotin ein kleiner Star in Lemgos Innenstadt geworden.

Von Jan Gruhn
Gerda Kennedy bei einem Zwischenstopp auf ihrer Zustellertour.
Gerda Kennedy bei einem Zwischenstopp auf ihrer Zustellertour. Foto: Jan Gruhn

Der Radfahrer, der in diesem Moment an Gerda Kennedy vorbei fährt, hebt anerkennend die Augenbrauen. Sein Kopf dreht sich mit, als die Postbotin in Gegenrichtung an ihm vorbeidüst. Vier große, gelbe Posttaschen schiebt Kennedy vor sich her. Doch Muskelkraft muss sie nicht investieren – sie gibt einfach Gas. Auf einem Trittbrett, das mit dem elektronischen Trolley verbunden ist, zuckelt sie hinterher.

Seit etwa drei Wochen ist die Zustellerin auf ihrem neuen Gefährt in der Lemgoer Innenstadt im Einsatz. Wegen einer orthopädischen Einschränkung ist sie nicht mehr gut zu Fuß. Deshalb hat die Deutsche Post für sie den knapp 5000 Euro teuren Trolley mit Mitfahrgelegenheit angeschafft. »Er spart mir 13.000 Schritte pro Tag«, sagt Kennedy mit Verweis auf ihren Schrittzähler im Smartphone. Zum Vergleich: Etwa 10.000 Schritte sind Forschungsergebnissen zufolge eine empfohlene Tagesdosis.

Für Zusteller mit Handicap wird es schwerer

»Es bleibt ein knackiger Job«, sagt Rainer Ernzer, Pressesprecher Deutsche Post DHL Group – trotz motorisierter Hilfe. Mit Maßnahmen wie dieser wolle das Unternehmen dafür sorgen, dass auch schwerbehinderte Mitarbeiter weiter im Dienst bleiben können. Nach Angaben von Michael Temme, Vertrauensmann für Schwerbehinderte, arbeiten etwa 250 schwerbehinderte Mitarbeiter in der Postniederlassung Herford – bei insgesamt etwa 4200 Mitarbeitern.

Für die Zusteller mit Einschränkung wird es Temme zufolge immer schwerer. Die Post setze verstärkt darauf, Briefe und Pakete zugleich zuzustellen. Die körperlichen Belastungen seien dadurch höher und nicht für alle Zusteller mit schwerer Behinderung zu meistern.

Für einige Mitarbeiter sei ein Wechsel ins Herforder Briefzentrum denkbar, das für alle Postsendungen aus den Postleitzahlbereichen 32xxx und 33xxx zuständig ist. Aber auch dort seien die Plätze begrenzt. Allerdings gehen Temme und Ernzer davon aus, dass besonders in den Innenstädten aufgrund des höhen Briefund Paketaufkommens die Zustellung erst mal weiterhin getrennt erfolgen werde.

Bis zu 25 Kilometer sind drin

Für Gerda Kennedy ist die Tour durch ihren Bezirk dank des Trolleys vorerst kein Problem. Vielmehr werde sie demnächst noch einmal aufstocken – von einem halben Arbeitstag auf einen ganzen. Die Reichweite habe ihr Flitzer allemal. 20 bis 25 Kilometer seien selbst unter Volllast und bei kalten Temperaturen möglich, schätzt Temme. Geladen wird der Wagen an einer handelsüblichen Steckdose.

»Wir bemühen uns immer, für eingeschränkte Mitarbeiter Lösungen zu finden«, sagt Sprecher Rainer Ernzer. Insgesamt fahren nach Post-Angaben vier Boten in Ostwestfalen-Lippe auf den Trolleys samt Trittbett durch die Straßen. Neben Kennedy in Lemgo sind das ein Zusteller in Paderborn, einer in Bielefeld und einer in Bad Salzuflen. Bei Letzterem durfte Kennedy eine Testfahrt absolvieren, bevor sie ihr eigenes Gefährt bekam.

»Den gebe ich nicht mehr her«

Sie habe sich auf dem Brett gleich wohl gefühlt, sagt die 55-Jährige: »Ich bin selbst erstaunt, wie gut ich ihn mittlerweile durch relativ enge Stellen bekomme.« Die elegante Wende gelinge ihr auch auf engem Raum. Nur an drei, vier kniffligen Stellen ihrer Tour steige sie dennoch ab: »Da würde es mich sonst vom Brett hauen.«

In Lemgos Innenstadt ist sie eigenen Angaben zufolge mit ihrem Fahrzeug, das ein wenig den Flair eines antiken Streitwagens verbreitet, zu einer kleinen Attraktion geworden. »Einige fragen mich immer, ob ich ihnen den Trolley fürs Einkaufen ausleihen kann«, sagt die Zustellerin – und lacht. »Oder für Christi Himmelfahrt für eine Wanderung. Aber den gebe ich nicht mehr her.«

Gespannt ist sie auf die erste Fahrt im Schnee – Regen und Wind sei derweil kein Problem. Für die engen Innenstadtstraßen sei das Fahrzeug genau richtig, urteilt Kennedy. »Nur auf geraden Strecken, da dürfte er etwas schneller sein.«

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