Kunsthistoriker begutachten in Lemgo zweimal im Jahr Gemälde und Porzellan Ein Schatz oder nur Kitsch?

Lemgo (WB). Kunst oder Krempel? Zweimal im Jahr beantworten Experten des Weserrenaissance-Museums Schloß Brake in Lemgo diese Frage, wenn ihnen Bürger Bilder, Porzellan und Schmuck zeigen.

Von Dietmar Kemper
Herbert Pelizäus mit den Bildern von Erich Heckel (links) und Wilhelm Morgner. »Ich will, dass die Blätter gut erhalten bleiben«, sagt er.
Herbert Pelizäus mit den Bildern von Erich Heckel (links) und Wilhelm Morgner. »Ich will, dass die Blätter gut erhalten bleiben«, sagt er. Foto: Oliver Schwabe

Vera Lüpkes, Michael Bischoff, Heiner Borggrefe und Eckehard Deichsel (von links) begutachten Wolfgang Buntes Stadtansicht. Foto: Oliver Schwabe

»Damit prahlt man nicht«, sagt Herbert Pelizäus. Der 81-jährige Rentner aus Detmold hat zwei Schätze ins Museum mitgebracht: die Kohlezeichnung »Golgotha« von Wilhelm Morgner (1891-1917) und den Holzschnitt »Beim Vorlesen« von Erich Heckel (1883-1970). »Beide Werke sind über 100 Jahre alt, ich bewahre sie schon mindestens 30 Jahre lang bei mir auf, und ich möchte sie täglich sehen«, erzählt der Kunstfreund. Im Museum möchte er wissen, was er gegen Stockflecken unternehmen kann und wie die Bilder der beiden Expressionisten optimal erhalten bleiben.

Sie sollten besser nicht einer Beleuchtungsstärke von mehr als 50 Lux ausgesetzt werden, und das Passepartout sollte so ausgestaltet sein, dass die Farbschichten nicht mit dem Glas in Berührung kommen, erläutert Vera Lüpkes, die Leiterin des Weserrenaissance-Museums. Mit Michael Bischoff, Heiner Borggrefe, Eckehard Deichsel und Mayarí Granados berät sie am Mittwoch zwischen 15 und 18 Uhr kostenlos mehr als 60 Personen, analysiert die Bilder, nennt Restauratoren und verweist bei Porzellan an das Museum Huelsmann in Bielefeld.

Augenmerk auf Rückseite eines Bildes

Viele wollten wissen, wie viel ihr Bild wert ist, sagt Lüpkes dem WESTFALEN-BLATT. Oft hat es allenfalls ideellen Wert. Lüpkes: »Ich sage den Menschen nicht direkt ›Das ist kein Rembrandt‹, sondern fordere sie auf, mal über die Oberfläche zu streichen. Wenn sie sich ganz glatt anfühlt und eine Malschicht fehlt, ist es eine Fotoreproduktion.« Ein ungewohnter Mix von gefälligen, kitschigen Motiven und das Fehlen einer Signatur lasse auf chinesische Massenware schließen, weiß die Expertin.

Sehr genau schaut sie sich die Rückseite eines Bildes an: Wie ist der Spannrahmen verarbeitet? Wird er durch Klammern statt Holzdübel zusammengehalten, dann spricht

Diese Kanne, die vermutlich aus dem 19. Jahrhundert stammt, war Teil einer Hochzeitsgabe. Foto: Oliver Schwabe

das für Industrieware. Ist die Leinwand von Hand gesponnen und sind die Fäden im Gegensatz zur industriellen Variante nicht gleichmäßig, so ist das Bild älter und wertvoller. Das Gegenteil gilt für Skulpturen, bei denen die Details nicht herausgearbeitet sind.

Lüpkes und ihre Kollegen bekommen Schätze wie die Bilder der Expressionisten Heckel und Morgner nur selten zu Gesicht. Allerdings ist der Museumschefin ein betagtes Ehepaar aus Lemgo in Erinnerung geblieben, das im Herbst 2016 aus einer Supermarkttüte eine Glasvase herausholte. Es stellte sich heraus, dass es sich um eine Arbeit des französischen Jugendstilkünstlers Émile Gallé (1846-1904) handelte. Dessen Werke erzielen auf Auktionen Höchstpreise.

»Wir kaufen selbst nicht an und nennen auch keine Preise«, sagt Lüpkes. Ihr Museum ist kein Kunsthaus. Weil es von Banken keine Zinsen mehr gibt und der Preis für bestimmte Immobilien explodiert ist, wird in Kunst investiert. Mit der Folge, dass die Preise für Werke namhafter Künstler exorbitant gestiegen sind.

Wer schleppt schon eine Truhe nach Lemgo?

Das gilt nicht für die Stadtansicht Lemgos aus dem Jahr 1671, die bei Bärbel und Wolfgang Bunte aus Lemgo in der Oldtimer-Garage an der Wand hing. Am Mittwoch wollen sie wissen, ob das Geschenk von Bekannten wirklich alt ist. »Kupferblech auf Hartfaser, zweite Hälfte 20. Jahrhundert, eine typische Dekoration für Ratskeller«, analysiert Restaurator Eckehard Deichsel. In mehr als der Hälfte der Fälle kommen die Menschen mit Ölbildern und Grafiken ins Weserrenaissance-Museum.

Möbel sind selten – kein Wunder, wer schleppt schon eine Truhe nach Lemgo? »Wenn das Foto des Möbelstücks interessant aussieht, fahren wir auch schon mal zu den Leuten hin«, sagt Vera Lüpkes. Mit allem kennen sich die Kunsthistoriker nicht aus, bei Münzen zum Beispiel winken sie ab und verweisen auf Numismatiker. Und manchmal geht es Ratsuchenden nicht um die Kunst an sich, sondern um den familiären Frieden. Dann sollen die Experten Fragen wie diese beantworten: »Wenn ich dieses Bild der einen Tochter und das der anderen schenke – ist das dann gleich viel wert?«

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.