Kalletaler Landwirte schätzen sie als Dünger, Fischzüchter fürchten ihr Gift Fluch und Segen der Gülle

Kalletal/Lemgo (WB). Gülle auf dem Acker, tote Fische im Teich – gibt es da einen Zusammenhang? »Klar!«, sagt Forellenzüchter Peter Wenzel (48). »Aber beweisen Sie das mal!«

Von Christian Althoff
Seit Sommer 2017 dürfen Gülle und Mist nur noch in den Zeiten ausgebracht werden, in denen Pflanzen wachsen.
Seit Sommer 2017 dürfen Gülle und Mist nur noch in den Zeiten ausgebracht werden, in denen Pflanzen wachsen. Foto: dpa

Der Fischzüchter ist aufgebracht, weil er gerade einen Rechtsstreit mit einem Nachbarn verloren hat. Zusammen mit seiner Schwester Susanne (50) und seinem Bruder Falko (43) betreibt Peter Wenzel in Kalletal eine Fischzucht. In 41 Quellwasserteichen werden Regenbogenforellen, Bachforellen, Tigerforellen und Saiblinge großgezogen. »Restaurants und Kliniken sind unsere Hauptkunden. Wir vermarkten die Fische aber auch über unseren Hofverkauf«, sagt Peter Wenzel. Außerdem beliefert er Angelvereine, die Nachwuchs in Gewässern aussetzen.

Am 19. Januar 2016 ließ ein benachbarter Landwirt Kuhmist auf einer Wiese oberhalb der Teiche ausbringen. »Der Boden war gefroren, und es lag Schnee«, sagt Peter Wenzel. Einen Tag später schwammen die ersten Saiblinge auf der Seite.

Probleme, wenn Dünger in Gewässer gespült wird

Landwirte schätzen Gülle und Mist als wertvollen Dünger. Probleme gibt es aber, wenn der vom Regen in Gewässer gespült wird. Diplom-Biologe Dr. Hartmut Späh aus Bielefeld: »Gülle entzieht dem Wasser Sauerstoff. Außerdem entsteht beim Abbau des Harnstoffs gefährliches Nitrit. Gülle ist für Tiere so giftig, dass nach der Öl- und Giftalarm-Richtlinie des Landes NRW nach einem Auslaufen Giftalarm wie bei Öl gegeben werden soll.« Die Wenzels stoppten damals sofort die Fütterung der Fische, weil starkes Wachstum das Immunsystem zusätzlich belastet. Trotzdem kamen nicht alle Saiblinge durch.

Der Familienbetrieb beauftragte ein Analyseunternehmen aus Bielefeld, Proben zu nehmen, was am Tag darauf geschah. Neben der gedüngten Wiese wurde in einem Graben eine schaumige, milchige Probe entnommen, die »sehr hoch organisch belastet« war. Der Graben entwässert in die Kalle, an der die Fischteiche liegen. In ihnen wurde jedoch keine erhöhte Belastung festgestellt.

»Wahrscheinlich war die Brühe längst verdünnt«, vermutet Peter Wenzel. Jedenfalls wies das Amtsgericht Lemgo seine Klage auf 2500 Euro Schadensersatz ab, weil ein Zusammenhang zwischen der Düngung und dem Fischsterben nach Ansicht des Gerichts nicht nachzuweisen war.

Es war nicht das erste Fischsterben, für das die Familie Gülle verantwortlich macht. Susanne Wenzel: »Nach starkem Regen gehst du morgens schon mit einem schlechten Gefühl zu den Teichen und denkst, hoffentlich leben noch alle.« Und die Wenzels befürchten, dass es noch schlimmer wird: Nach der neuen Düngeverordnung, die seit Sommer 2017 gilt, dürfen Gülle und Mist nur noch in den Zeiten ausgebracht werden, in denen Pflanzen wachsen und Nährstoffbedarf haben. Peter Wenzel: »In der restlichen Zeit des Jahres werden nun riesige Mengen Gülle gebunkert, die die Bauern ja irgendwann loswerden müssen.«

Verstöße gegen Düngeverordnung seien die Ausnahme

Dr. Josef Lammers, Leiter der Landwirtschaftskammer Höxter-Lippe-Paderborn in Brakel, bestätigt, dass manche Landwirte unter Druck stehen. »Jeder ist verpflichtet, genügend Lager für Gülle vorzuhalten. Aber wenn wir ein Frühjahr haben wie dieses, in dem die Äcker regendurchweicht oder gefroren sind und Gülle nicht ausgebracht werden darf, wird es eng.«

In Einzelfällen werde dann schon mal Gülle ausgefahren, obwohl die Bodenverhältnisse oder die Zeit das eigentlich nicht zuließen. »Dann gibt es Beschwerden von Bürgern oder Landwirten, die sich an die Regeln halten.« Solche Verstöße gegen die Düngeverordnung seien aber die Ausnahme. Die Dokumentationspflichten für Bauern sind erheblich: Sie müssen jährlich schriftlich gegenüberstellen, was auf die Flächen aufgetragen wurde und was die Pflanzen verbraucht haben. Diese Bilanzen werden stichprobenartig geprüft.

»Gülle, die zur falschen Zeit oder bei falschem Wetter ausgebracht wird, ist ein Problem«, bestätigt Claus Gröger, Geschäftsführer der Fischereigenossenschaft Lippe. »Der Schaden ist größer als vermutet. Denn Gülle, die in Bäche gelangt, tötet Eier und Larven von Fischen, die geschützt zwischen Kieselsteinen auf den Gewässergründen wachsen. Aber dieses Fischsterben bemerkt natürlich niemand.«

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