In Detmold versorgt ein Huhn die Nachbarschaft
Henne Sigrids Eier-Bringdienst

Detmold (WB) -

Jeden Morgen bekommt Hans-Dieter Neuber (82) Besuch. Um kurz nach neun verschwindet Henne Sigrid laut gackernd unter einem Busch neben seiner Terrasse und beginnt, ein Ei zu legen. Seit Monaten geht das schon so.

Freitag, 08.01.2021, 04:12 Uhr aktualisiert: 08.01.2021, 04:20 Uhr
Auf ihrem Weg zum Nachbarn überquert Sigrid eine Straße. Damit sie von Autofahrern gesehen wird, trägt sie eine Warnweste, die es im Internet gab. Foto: Althoff

Sigrid gehört einem Un­ternehmer-Ehepaar aus Detmold-Berlebeck, das auf der anderen Straßenseite wohnt und auf seinem weitläufigen Grundstück Pfauen, Ziegen, Gänse und andere Tiere beherbergt. Henne Sigrid und ihre Schwestern Elke und Sandra, benannt nach Frauen aus der Nachbarschaft, kamen vor einem Jahr dazu. „Sie waren für einen großen Legebetrieb vorgesehen. Da haben wir sie zu uns genommen“, erzählt der Besitzer (56).

Dass Sigrid jeden Morgen ein Ei zu Hans-Dieter Neuber trägt, wusste das Ehepaar lange Zeit nicht. „Irgendwann stand unser Nachbar mit einer Flasche Sekt in der Tür, um sich für den Lieferservice zu bedanken“, sagt Sigrids Besitzerin und lacht.

Wenn die Frau den kleinen Hühnerstall morgens aufschließt, geht alles ganz schnell. Kaum steht die Tür offen, stürmt Sigrid los. Die Wiese hoch, quer durch den Garten, hoch auf die Bruchsteinmauer. Ein kurzes Zögern, dann flattert sie auf der anderen Seite runter. Schnell über die Straße und weiter geht‘s, den Berg hoch zum Nachbarn. Vielleicht noch 100 Meter, dann erreicht Sigrid den Busch, in dem sie ihr Ei ablegen wird.

Hans-Dieter Neuber: „Sie hat sich unter dem Gebüsch ein Nest gebaut. Ich lege jeden Morgen ein Ei rein, weil ich denke, dass Sigrid das gefällt.“ Sobald die Henne sich auf den Heimweg gemacht hat, bringt der Rentner die beiden Eier ins Haus. „Sonst holt sie der Marder, den wir hier haben.“

Die Eier kommen in den Kühlschrank. „Schließlich kann man ja nicht jeden Morgen eins zum Frühstück essen“, sagt der 82-Jährige. Er ist Tierfreund und beobachtet oft Vögel in seinem Garten. „Ich füttere sie auch, und als Sigrid das erste Mal kam, hat sie natürlich auch was bekommen.“

Dass die Henne ihre Eier ausgerechnet bei ihm legt, kann sich der Detmolder nicht so recht erklären. „Generell fühlen sich die braunen Hühner aber schon zu Menschen hingezogen, während die weißen scheuer sind“, sagt er.

Sigrid flattert durch den Schnee.

Sigrid flattert durch den Schnee. Foto: Christian Althoff

Seit die Tage kürzer geworden sind, darf Sigrid nur noch mit Warnweste aus dem Stall. Ihre Besitzerin: „Wenn sie neben der Straße im Herbstlaub scharrt, ist sie mit ihren brauen Federn für die Autofahrer nicht zu erkennen. Wir wollen doch nicht, dass ihr was passiert.“

Dabei wäre es fast schon einmal um Sigrid geschehen gewesen. „Ein Bussard hat sie angegriffen, aber unsere Gänse und der Hund sind dazwischengegangen.“ Es blieb bei einer längst verheilten Wunde am Kopf, und nun hoffen Sigrids Besitzer, dass die neongelbe Weste, die die Henne damals noch nicht trug, in Zukunft Raubvögel abschreckt. Auf jeden Fall gefällt die Weste dem namenlosen Hahn, der zu den drei Hennen gehört. „Er steht drauf. Die Weste macht Sigrid einzigartig“, sagt ihre Besitzerin.

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