Säugling zu Tode geschüttelt: fast sieben Jahre Haft für den Vater
Tod eines Babys

Detmold (WB). Bei seinem „letzten Wort“ versagte dem Angeklagten die Stimme. Er brach in Tränen aus, und im Zuschauerraum weinten und schluchzten seine Frau und andere Verwandte. „Für das Gericht mag Lex ja nur ein Name sein“, sagte der Angeklagte. „Aber für unsere Familie war er mehr. Er war unser Sohn, unser Neffe, unser Enkel. Dass er durch mein Tun gestorben ist, ist für mich eine lebenslange Strafe.“

Donnerstag, 01.10.2020, 04:00 Uhr
Landgericht Detmold: John D. und sein Verteidiger Jerrit Schöll, im Hintergrund ein Justizwachtmeister. Foto: Christian Althoff

Sechs Jahre und neun Monate Gefängnis wegen Körperverletzung mit Todesfolge – so lautete am Mittwoch das Urteil des Landgerichts Detmold gegen John D. (27) aus Oerlinghausen. Nach drei Verhandlungstagen und der Befragung zweier Rechtsmediziner stand für das Gericht fest, dass er seinen nicht einmal drei Monate alten Sohn zu Tode geschüttelt hatte. „Warum – das konnten wir nicht klären, weil der Angeklagte dazu nichts gesagt hat“, sagte der Vorsitzende Richter Karsten Niemeyer. Er sprach von einer „sinnlosen, unbegreiflichen Tat“. Es habe vermutlich eine „Stress- oder Überlastungssituation“ gegeben.

Der 12. März habe für die Familie begonnen wie die meisten anderen Tage, sagte Niemeyer. Die Ehefrau habe den Jungen gefüttert und sei gegen 6.15 Uhr zu ihrer Ausbildungsstelle gefahren. Und ihr Mann, Mitarbeiter einer Rohrreinigungsfirma und in Elternzeit, habe sich um das Baby gekümmert. „Bis 10 Uhr war alles in Ordnung“, sagte der Richter. Denn um diese Zeit hatte John D. noch Fotos von sich und dem Baby gemacht und per WhatsApp an seine Frau geschickt. Etwa eine Stunde später rief er einen Notarztwagen für sein regloses Kind.

Auch Not-OP kann Kind nicht retten

Später gab er an, er habe den Jungen, der über seine Schulter nach hinten geblickt habe, getragen. So habe er sich aufs Sofa fallen lassen. Dabei sei das Baby mit dem Kopf gegen die Fensterbank geschlagen.

„Das mag so gewesen sein“, sagte der Vorsitzende Richter, aber das sei nicht der Grund für die schweren Hirnverletzungen des Säuglings gewesen. „Das Baby wurde an den Armen gepackt und so heftig geschüttelt, dass der Kopf nach vorne und hinten flog. Das haben uns die Rechtsmediziner im Prozess erläutert.“

In einer Not-OP hatten Ärzte der Kinderklinik Bielefeld-Bethel damals den Kopf des Babys geöffnet, um dem Gehirn mit seinen Blutungen und Schwellungen mehr Platz zu verschaffen. Doch es war zu spät: 70 Prozent des Gehirns seien bereits tot gewesen, sagte Niemeyer, eine Aussicht auf ein selbstbestimmtes Leben habe nicht mehr bestanden.

Die Ärzte berieten damals mit der Mutter, was zu tun sei. Selbständig atmen und schlucken – ja, das hätte der Junge wohl noch gekonnt, und er wäre wohl auch in absehbarer Zeit nicht gestorben. Aber ein Leben fast ohne Gehirn – wäre das ein Leben gewesen? Die Mutter stimmte schließlich zu, die Maschinen abzuschalten, und rief gemeinsam mit einer Ärztin ihren Mann an, der bereits in Untersuchungshaft saß. Verteidiger Jerrit Schöll: „Mein Mandant hat zugestimmt. Was hätte er auch machen sollen?“ Und so starb Lex in der Nacht zum 14. März.

Spuren der Kindesmisshandlung

Bei den folgenden Ermittlungen fanden Polizisten und Rechtsmediziner heraus, dass der 12. März nicht der einzige Tag im kurzen Leben des Jungen war, an dem er schwer verletzt wurde. Am 19. Februar hatte der Vater den Säugling mit einem gebrochenen Oberarm in die Kinderklinik Herford gebracht. Es wurde ein Spiralbruch festgestellt – nach Angaben eines Rechtsmediziners ein Bruch, der entstehen kann, wenn man einen Knochen so dreht, als wringe man ein Tuch aus. Solche Brüche kenne man von Kindesmisshandlungen, sagte der Mediziner. Aber er ergänzte, die Version des Angeklagten könne ebenfalls stimmen. Der hatte gesagt, er sei mit dem Baby auf dem Arm gestolpert, und es sei ihm entglitten. Er habe reflexartig zugefasst und das fallende Kind am Arm zu fassen bekommen, wodurch der Knochen gebrochen sei.

„Wir können diese Verletzung also für unser Urteil nicht berücksichtigen“, sagte der Vorsitzende Richter. Und auch die Ursache der gebrochenen Rippen, die bei der Obduktion festgestellt worden seien, sei ungeklärt und eine Täterschaft des Angeklagten damit nicht bewiesen. „Aber Zweifel bleiben.“

Der Angeklagte hatte im Prozess akzeptiert, dass er das Kind zu Tode geschüttelt haben musste, machte dazu aber keine Angaben. Staatsanwalt Oliver Mergelmeyer forderte sieben Jahre und zehn Monate Haft, der Verteidiger zwei Jahre Haft auf Bewährung. Er wird nun möglicherweise das Urteil vom Bundesgerichtshof überprüfen lassen: „Der Junge ist ja nicht durch das Schütteln gestorben, sondern durch das Abschalten der Maschinen im Krankenhaus.“ Dieser Argumentation folgte das Gericht nicht. Karsten Niemeyer: „Dass man im Krankenhaus mit sich gerungen hat, ob man die Maschinen abschaltet, war eine Folge der Misshandlung.“

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