Detmolder Unternehmen Weidmüller steigt in den Markt der Elektromobilität ein
Strom aus der Nostalgie-Parkuhr

Detmold (WB). Der Detmolder Elektronikspezialist Weidmüller steigt ins zukunftsträchtige Geschäftsfeld Elektromobilität ein – und setzt sich als Anbieter für Ladeinfrastrukturlösungen hohe Ziele. „Wir wollen in den nächsten zehn Jahren zu den weltweit größten fünf Herstellern gehören“, sagt Klaus Holterhoff (62), Geschäftsführer des Tochterunternehmens Mobility Concepts.

Dienstag, 04.08.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 04.08.2020, 16:58 Uhr
So könnte es aussehen: Ein alter Käfer, hier als E-Käfer dargestellt, „tankt“ Strom an einer Säule, die einer Parkuhr gleicht.

„Noch sind wir im Aufbau begriffen“, erläutert Holterhoff, der als Fahrer eines Tesla Model 3 die Elektromobilität bereits mit Begeisterung (vor)lebt. Holterhoff weiß aber auch, dass viele Autofahrer in Deutschland den Umstieg vom Verbrenner auf den Stromer noch scheuen. „Sie haben Angst vor der Ladesäulen-Problematik. Sie sorgen sich, dass sie mit einem E-Fahrzeug irgendwo liegen bleiben könnten.“

Vertrauen in das Thema „Strom tanken“ bekommen

Hier setzt das Geschäftsmodell von Weidmüller an. Die Lipper wollen mit neuen Produkten Vertrauen in das Thema „Strom tanken“ bekommen. „Wir wollen den Skeptikern mehr Sicherheit bieten“, sagt Produktexperte Johannes Kniep (32), der vor knapp 18 Monaten  von Audi in Ingolstadt zurück in seine ostwestfälische Heimat gekommen ist.

„Auch bei den E-Bikes hat es ein paar Jahre gedauert bis sie von den Bürgern akzeptiert wurden“, sieht Kniep eine Analogie bei den Fahrrädern mit Akku zu den Elektro-Autos. „Wenn die Bereitschaft in der Bevölkerung steigt, auf E-Autos umzusteigen, dann will Weidmüller mit dabei sein“, ergänzt Holterhoff. 

Und so hat Weidmüller eine AC-Wandladestation (Wall-Box für Wechselstrom) für den privaten Anwender entwickelt, die gerade auch beim Design den hohen Ansprüchen vieler Kunden Rechnung tragen soll. Sie soll bereits diesen Sommer in den Handel kommen und ab rund 700 Euro kosten.

Retro-Ladesäule ist bislang einzigartig am Markt

Daneben arbeiten die Detmolder an einer Retro-Ladesäule mit Weidmüller-Technologie im Innern und der Optik einer Parkuhr – bislang einzigartig am Markt, wie Kniep erklärt. Diese Nostalgie-Säule soll von 2021 an im öffentlichen Raum platziert werden – etwa in historischen Innenstädten. Mit der Stadt Detmold etwa sei man „im Gespräch“, sagt Holterhoff. „Das Interesse ist im Allgemeinen sehr groß.“ Für den privaten Raum könnten Interessierte die Retro-Ladesäule bereits ab dem Herbst beziehen.

Neben den E-Fahrzeugen an sich ist die marktreife Entwicklung und Standardisierung der Ladeinfrastruktur eines der Hauptthemen, wenn es um Elektromobilität geht. Viele Experten meinen, dass nur 20 Prozent der Ladevorgänge von E-Autos an öffentlichen Ladepunkten stattfinden werden, 80 Prozent dagegen am Arbeitsplatz oder sogar in der heimischen Garage.

Präsentieren eine Weidmüller-Wallbox für E-Autos: Klaus Holterhoff (links), Geschäftsführer des Tochterunternehmens Mobility Concepts, und Produktexperte Johannes Kniep.

Präsentieren eine Weidmüller-Wallbox für E-Autos: Klaus Holterhoff (links), Geschäftsführer des Tochterunternehmens Mobility Concepts, und Produktexperte Johannes Kniep.

Weil die meisten Autos statistisch gesehen pro Tag ohnehin nicht mehr als 50 Kilometer zurücklegen, müsse der Wagen also gar nicht zwingend unterwegs geladen werden, heißt es bei Weidmüller. Und weiter: „Eine anwenderfreundliche, sichere, flächendeckende und leistungsfähige Ladeinfrastruktur ist sowohl für potenzielle Elektrofahrzeug-Nutzer als auch für Planer, Betreiber und Energieanbieter entscheidend.“  Besonderen Wert legten die Entwickler bei Weidmüller auf einfache Montage, hohe Verfügbarkeit, Zuverlässigkeit und Akzeptanz von Ladestationen – und deren Wirtschaftlichkeit.

Die neue AC-Wandladestation von Weidmüller sei besonders für den Einsatz in privaten Garagen und für Stellplatzanlagen in Ein- und Mehrfamilienhäusern sowie in gewerblich genutzten Immobilien geeignet. Ein Vorteil sei die neuartige Kabelablage, die nicht nur praktisch zu bedienen sei und langes Kabelgewirr verhindere, sondern auch so konzipiert sei, dass eine Überhitzung durch nicht sachgemäßes Abwickeln der Ladeleitung verhindert wird.

Wandladestationen werden in OWL hergestellt

Alle AC-Wandladestationen seien in den Leistungsstufen 3,7 kW (Kilowatt),  11 kW und 22  kW erhältlich mit entsprechenden Leitungslängen in zwei und fünf Meter. Zudem zeichneten sie sich durch ein besonderes Design aus: So können die runden Abdeckungen der AC-Ladestation individuell mit Bildern gestaltet werden.

Hergestellt werden die Wandladestationen derzeit noch von mehreren Partnerfirmen in OWL. Zukünftig will Weidmüller die Produktion selbst übernehmen. Die Vermarktung startet in Deutschland, soll aber nach und nach weltweit erfolgen. Holterhoff betont: „Auch China und Indien sind gigantische Märkte.“ Entsprechend werde auch die Zahl der neuen Arbeitsplätze bei Weidmüller steigen.

Elektro-Autofahrer, die keine eigene Garage haben, sollen ebenfalls die Möglichkeit haben, mit Weidmüller-Produkten Strom aufzutanken. Für Parkhäuser wurde die Business-Wallbox konzipiert. Sie soll im September oder Oktober 2020 auf den Markt kommen.

Für viel Aufmerksamkeit in der Fachwelt hat Weidmüller mit seiner „Retro-Ladesäule“ gesorgt. In ihr kombinierte das Familienunternehmen moderne Ladesäulentechnologie mit dem Design einer klassischen Parkuhr. Sie könnten in historischen Stadtzentren oder auch vor einem privaten Fachwerkhaus aufgestellt werden. Noch aber dauere die Zertifizierung, sagt Holterhoff. Dazu gehöre etwa die Eichfähigkeit der Ladesäulen für den öffentlichen Raum – um die abgegebene Strommenge und damit den Preis exakt und sicher zu bestimmen. Die Kilowattstunde Strom kostet derzeit rund 30 bis 35 Cent. Das heißt umgerechnet in Fahrleistung: 100 Kilometer kosten damit rund 4,50 Euro. 

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