Kein Krankenhaus Ostwestfalen-Lippes hatte mehr Corona-Patienten als das Klinikum Lippe
Infizierte leiden unter „Gehirnnebel”

Detmold (WB). Fachärztin Nidhi Kulamadayil-Heidenreich öffnet die erste Tür zu einem Zimmer auf der Isolierstation. In einer Schleuse liegen Handschuhe und Schutzanzüge bereit, hier ziehen sich die Ärzte und Pfleger um. Durch eine zweite Tür geht es in das eigentliche Patientenzimmer. Das Bett ist leer, desinfiziert und frisch bezogen. „Leere Betten hatten wir hier lange nicht”, sagt die Internistin, die am Klinikum Lippe arbeitet.

Dienstag, 09.06.2020, 03:23 Uhr aktualisiert: 09.06.2020, 14:32 Uhr
Das Klinikum Lippe hat Standorte in Detmold (Foto) und Lemgo. Insgesamt wurden bisher 115 Corona-Patienten behandelt, so viele wie in keinem anderen Klinikum in Ostwestfalen-Lippe. Etwa jeder sechste stationär versorgte Corona-Patient verstarb im Laufe der Behandlung. Foto: Althoff

Kein Krankenhaus in Ostwestfalen-Lippe hat so viele Corona-Patienten behandelt wie dieses. 115 waren es bis zur vergangenen Woche, sie waren 19 bis 94 Jahre alt. „Im Kreis Lippe haben die niedergelassenen Ärzte, das Gesundheitsamt und auch wir frühzeitig flächendeckend getestet”, sagt Privat-Dozent Dr. Johannes Tebbe, Chefarzt der Klinik für Gastroenterologie und Infektiologie. Bei 743 Menschen im Kreis Lippe seien bisher Corona-Infektionen festgestellt worden.

„Zu Spitzenzeiten 30 Corona-Patienten“

Weil im März noch befürchtet wurde, das Gesundheitssystem könne überfordert werden, wurden nur jene positiv Getesteten im Krankenhaus aufgenommen, die in einem kritischen Zustand waren. „Zu Spitzenzeiten hatten wir hier 30 Corona-Patienten. Wir mussten sie zu zweit in die Isolierzimmer legen”, sagt Dr. Tebbe. Alle seien mit hohem Fieber ins Krankenhaus gekommen, erzählt Nidhi Kulamadayil-Heidenreich. „Viele klagten außerdem über Husten, Übelkeit und Durchfälle.”

Bei der Aufnahme erhoben die Ärzte zunächst mehrere Parameter, von denen sie sich eine bessere Einschätzung der Schwere der Erkrankung erhofften. Dazu zählten Röntgenbilder der Lunge, ein Test der Lungenfunktion, die Sauerstoffsättigung des Blutes und der Troponin-Wert, der Hinweise auf Schäden am Herzen und den Gefäßen geben kann. „Je nach Ergebnis haben wir dann entschieden, ob wir nur die Symptome behandeln oder in eine spezifische, in Einzelfällen auch intensivmedizinische Behandlung einsteigen”, sagt Chefarzt Dr. Tebbe.

Patienten, bei denen das Röntgenbild bereits eine virustypische Lungenentzündung zeigte und die keine Herzkrankheit hatten, bekamen sofort Hydroxychloroquin, ein Malariamittel. Dr. Tebbe: „In Laborversuchen hat es die Virusvermehrung gebremst. Zur Wirkung beim Menschen in Sachen Corona gibt es noch keine verlässlichen Studien und unterschiedliche Bewertungen.” In Detmold hätten sie das Mittel deshalb in deutlich niedriger Dosis eingesetzt als die Ärzte in China, sagt der Chefarzt. „Wir haben 27 Patienten damit behandelt, und meine erste, vorsichtige Einschätzung ist, dass es ihnen geholfen hat. Mit rechtzeitiger Gabe von Sauerstoff und Hydroxychloroquin konnten wir viele Patienten so managen, dass sie auf der Isolierstation betreut werden konnten und nicht auf die Intensivstation mussten.” Ein Wundermittel sei Hydroxychloroquin aber nicht: „Sechs der 27 Patienten sind gestorben.”

„Nicht mehr zurechnungsfähig”

Was alle überrascht habe, sei die zum Teil extrem schnelle Verschlechterung des Zustands einiger Kranker gewesen, sagt Dr. Tebbe. „Es gab Patienten, die noch zu Fuß zu uns ins Krankenhaus gekommen sind, und zwei Stunden später auf der Intensivstation beatmet werden mussten.” Auch Oberärztin Nidhi Kulamadayil-Heidenreich weiß von unerwarteten Verläufen zu berichten. „Wir hatten einen Mann in den 40ern, für den es nicht gut aussah, der sich dann aber doch noch erholt hat. Wir hatten aber auch eine Patientin hier, von der wir glaubten, sie sei auf einem guten Weg. Und dann ging es plötzlich ganz schnell und sie ist gestorben.” Solche Erfahrungen nähmen sie natürlich mit, sagt die Ärztin.

„In der Öffentlichkeit ist ja vor allem die typische Covid19-Lungenentzündung als Folge der Corona-Infektion bekannt. Aber im Krankenhaus sehen wir, dass noch mehr Organe geschädigt sind”, sagt Dr. Johannes Tebbe. „Bei manchen ist auch die Niere betroffen, und wir hatten einen Patienten, der an einer Herzmuskelentzündung gestorben ist.” Und auch Embolien, also Gefäßverstopfungen, könnten von dem Virus ausgelöst werden. „Auch das mussten wir erst lernen.” Ursache der Embolien sei, dass sich durch das Virus die Blutgefäße entzündeten und sich an solchen Stellen Blutgerinnsel bilden könnten. Diese Gerinnsel könnten dann durch den Blutkreislauf in die Lunge geschwemmt werden. „Wir haben auf Röntgenaufnahmen vieler Corona-Patienten Lungenareale gefunden, die wegen solcher Embolien nicht mehr durchblutet wurden und die deshalb für den Gasaustausch, also die Lungenfunktion, ausfielen.”

Eine weitere Auffälligkeit bei einer Corona-Infektion sei der sogenannte „Gehirnnebel“, sagt Internistin Nidhi Kulamadayil-Heidenreich. „Manche Patienten können nicht mehr erfassen, wie kritisch es um sie steht. Sie sind nicht mehr zurechnungsfähig.” Dr. Tebbe: „Wir wissen noch nicht, ob dieses Phänomen eine Folge der allgemeinen Entzündungsreaktion ist, wie wir sie von der Blutvergiftung her kennen, oder ob das Virus auch hier direkt das Nervensystem angreift.” Denn dass das Virus Nerven angreift, ist inzwischen bekannt – auch durch den Geruchs- und Geschmacksverlust, von dem einige Patienten berichten. „Wir wissen noch nicht, wie lange diese Störungen anhalten”, sagt Nidhi Kulamadayil-Heidenreich. Denn während der sogenannte Gehirnnebel mit der Genesung des Patienten verschwinde, bleibe der Geruchs- und Geschmacksverlust in Einzelfällen bestehen. „Wir haben Patienten, die schon vor Wochen entlassen wurden und noch immer darüber klagen.” Eine andere Spätfolge der Corona-Infektion sei Hautjucken, ergänzt Dr. Tebbe. „Auch da wissen wir noch nicht, ob und wann das wieder aufhört.”

30 deutsche Universitätskliniken in nationaler Forschungsinitiative

Dieses und der „Gehirnnebel” seien Symptome, die man von anderen Viruserkrankungen eben so nicht kenne, erklärt der Chefarzt. „Wenn Patienten mit einer Influenza zu uns kommen und die Lunge betroffen ist, berichten sie uns von ihrer Atemnot. Bei Corona-Patienten stellen wir dagegen fest, dass sie ihre Atemnot oft überhaupt nicht realisieren. Die sagen uns, sie hätten keine, und wir messen dann, dass sie doppelt so schnell atmen müssen wie ein gesunder Mensch.”

Das Fehlen eines speziellen Corona-Medikaments, die begrenzte Erfahrung in der Behandlung – alles das setzt die Ärzte unter Druck. „In den ersten Wochen habe ich versucht, jede neue Studie zu lesen, die über Corona veröffentlicht wurde”, sagt die Internistin. „Aber irgendwann bin ich der Masse nicht mehr Herr geworden. Zumal man ja jede Studie hinterfragen muss, weil die meisten ja noch nicht von anderen Wissenschaftlern überprüft wurden.” Auch fehle es manchen Studien an der nötigen Zahl von Patienten, sagt Dr. Tebbe. „Die besten aus China, Italien und Spanien kommen vielleicht auf 100 bis 150 Patienten. Aber ob das repräsentativ ist?”

Um das zu ändern, haben sich in Deutschland inzwischen mehr als 30 Universitätskliniken zu einer nationalen Forschungsinitiative namens NaFoUnimed-Covid19 zusammengeschlossen – unter ihnen auch das neue Universitätsklinikum Ostwestfalen-Lippe, das vom Klinikum Lippe, dem Klinikum Bielefeld und dem Evangelischen Krankenhaus Bielefeld gebildet wird. Dr. Tebbe: „Wir tragen im Moment alle Patientendaten in einem zentralen Register zusammen.” Man hoffe, schon im Herbst mit Hilfe der Datenbank das eine oder andere Geheimnis um Corona lösen zu können, sagt der Chefarzt.

Eine Erkenntnis hat Dr. Tebbe aber schon jetzt gewonnen: „Wir sollten in Zukunft genauer prüfen, wen wir zu Hause in Quarantäne behandeln, und wen wir besser sofort im Krankenhaus versorgen.” Die letzten Monate hätten gezeigt, dass eine frühzeitige Behandlung in der Klinik den Verlauf der Krankheit erheblich mildern könne.

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