Im Interview: Judith Pirscher ist seit 100 Tagen Regierungspräsidentin in Detmold
„OWL darf sich nicht ausruhen“

Detmold (WB). Die neue Präsidentin der Bezirksregierung Detmold ist seit fast 100 Tagen im Amt. Judith Pirscher (52) geht ihre Aufgabe voller Elan an und offen auf die Ostwestfalen und Lipper zu. Andreas Schnadwinkel hat mit ihr gesprochen.

Samstag, 07.03.2020, 02:30 Uhr aktualisiert: 07.03.2020, 17:00 Uhr
Judith Pirscher. Foto: Andreas Schnadwinkel

Auch Dortmund ist Westfalen. Was unterscheidet Ihre Heimatstadt dann doch von Ostwestfalen und Lippe?

Judith Pirscher : Die Menschen in OWL sind genau so offen und aufgeschlossen wie die Menschen in Dortmund. Und anders als man mir gesagt hat, lachen die Ostwestfalen und Lipper sehr gerne. Das sind zumindest meine Erfahrungen. Dortmunder sind etwas direkter, und das Lebensgefühl in Dortmund ist städtischer. In Dortmund fühlt man sich eher dem Ruhrgebiet zugehörig und ist erst an zweiter Stelle Westfale. Außerdem wird dort schon seit Jahrzehnten guter Fußball gespielt.

Ihr Herz schlägt also für Borussia Dortmund, wenn es gegen den SC Paderborn und nächste Saison vielleicht gegen Arminia Bielefeld geht?

Pirscher : Ich bin BVB-Fan, gehe jetzt aber nicht mehr so oft ins Stadion. Das letzte Mal war ich mit meinem Neffen da, den bekommt man aus dem Trikot nicht raus.

Sind Sie schon ein bisschen heimisch geworden?

Pirscher : Ja, ich bin jetzt nach Detmold gezogen und fühle mich dort sehr wohl.

Kommt Ihre direkte Art gut an in OWL?

Pirscher : Ich habe hoffentlich noch keinen verschreckt, aber das müssen andere beurteilen.

Sie sind am 11. März 100 Tage im Amt. Können Sie schon ein erstes Resümee Ihrer Eindrücke ziehen?

Pirscher : Ich bin noch in der Phase, in der ich viel zuhöre und gut hinhöre. Ich bin ja keine Ministerin, die das Wahlprogramm ihrer Partei oder den Koalitionsvertrag unmittelbar umsetzt. Ich verstehe mich auch als Botschafterin für die Region bei der NRW-Landesregierung – und umgekehrt. Und dabei werbe ich dafür, dass man sich gegenseitig gut versteht. In Düsseldorf hat man ein gutes Bild von OWL und auch von der Regierungsbehörde in Detmold. Das gilt es, immer wieder aufzufrischen.

Ist die Übergabe von Förderbescheiden eine gute Gelegenheit, die Region und ihre Menschen kennenzulernen?

Pirscher : Das kommt darauf an, was man damit verknüpft. Ein Treffen mit Funktionsträgern ist etwas Anderes als zum Beispiel ein Besuch beim Klimacampus in Lichtenau. Da bekomme ich schon eher starke Eindrücke von der Region, ihrer Infrastruktur und ihren Menschen. Da habe ich viel mit Land und Leuten zu tun. Und ich freue mich, dass die Arbeit der Bezirksregierung so oft gelobt wird – als gestaltender Begleiter.

Zur Person

Judith Pirscher, geboren am 29. Dezember 1967 in Dortmund, studierte Jura in Bayreuth, absolvierte ihr Referendariat in NRW und arbeitete als Rechtsanwältin für Öffentliches Recht in Düsseldorf. 1998 war Pirscher bei der umweltpolitischen Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion in Bonn und später in Berlin tätig. Im Jahr 2000 wechselte sie als stellvertretende Geschäftsführerin und Justitiarin zur FDP-Landtagsfraktion in Nordrhein-Westfalen. Von 2011 an war sie Landesrätin für den Bau- und Liegenschaftsbetrieb und Geschäftsführerin der Kommunalen Versorgungskassen beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe.

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OWL ist ländlich und auch städtisch geprägt. Sehen Sie hier einen Stadt-Land-Konflikt?

Pirscher : Nein. Ich halte das für eine Diskussion aus der Vergangenheit. Spätestens seit der Enquetekommission zur Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse sollte sich dieser Blickwinkel überholt haben. Politik und Behörden müssen zwar darauf achten, dass kein Gebiet abgehängt wird. Aber Menschen leben dort ja trotzdem gerne.

Vier von fünf Bezirksregierungen werden von Frauen geleitet. Zufall? Oder sind etwa Frauen für diese Ebene zwischen Landesregierung und Kreisen prädestiniert?

Pirscher : Das kommt auf die Qualifikation an. Vorher haben das Männer gemacht, und es hat geklappt. Jetzt machen das Frauen, und es klappt.

Wechseln Sie vom FDP-Kreisverband Münster zur lippischen FDP?

Pirscher : Ich bin in Münster nicht erneut als stellvertretende Kreisvorsitzende zur Wahl angetreten, und ich werde auch den stellvertretenden Bezirksvorsitz abgeben. Denn ich finde, dass das nicht zu meiner neuen Aufgabe als Regierungspräsidentin passt.

Auch Regierungspräsidentinnen und -präsidenten haben ein Parteibuch. Ihres ist das der FDP, wie auch das Ihrer Vorgängerin Marianne Thomann-Stahl. Wie gehen Sie damit um, dass bei einem Regierungswechsel nach den NRW-Landtagswahlen im Mai 2022 eine neue Landesregierung ohne FDP-Beteiligung auf die Idee kommen könnte, eine andere Person nach Detmold zu schicken?

Pirscher : Das sehe ich ganz gelassen. Wenn man sich überlegt, politischer Beamter zu werden, dann bedeutet das, dass man unabhängig von Wahlen jeden Tag vom Landesinnenminister abberufen werden kann. Damit muss man leben, wenn man etwas für die Region tun will. Und wenn man das will, so wie ich, dann sind das die Spielregeln.

Was steht auf Ihrer Agenda als Regierungspräsidentin in OWL?

Pirscher : Ganz oben steht, die Entwicklungskraft der Region zu erhalten und zu steigern. Die Vernetzung von Wirtschaft und Hochschulen ist einzigartig, diesen guten Draht zwischen den Entscheidern habe ich bislang in keiner Region so gesehen. Und das, diese Bodenständigkeit und Innovationskraft, macht Ostwestfalen-Lippe aus. Hier macht man einfach. Das will ich ebenso unterstützen wie die Digitalisierung auf allen Ebenen. Vom Breitbandausbau im ländlichen Raum bis zu unserer eigenen Verwaltung. Da will die Bezirksregierung Detmold Vorreiter sein.

Sie haben in Ihrer Antrittsrede erklärt, dass „OWL Vorreiter in NRW” bleiben müsse. Was meinen Sie damit?

Pirscher : Ganz oben in NRW, heißt es doch auch. Wenn man als Region einmal etwas erreicht hat, dann darf man sich nicht ausruhen. Neue Ideen müssen einen weiter antreiben. Sonst wundert man sich irgendwann, dass andere aufgeholt haben. Ostwestfalen-Lippe muss Nordrhein-Westfalens Motor sein.

Und Sie haben vor einer „Fokus-Verschiebung” gewarnt. Haben Sie Sorgen, dass sich der Fokus in NRW durch den Kohlekompromiss und die Olympiapläne noch mehr auf Rhein und Ruhr verengt?

Pirscher : In den Bundesgesetzen zum Kohleausstieg kommt unser Kraftwerksstandort in OWL nicht vor. Darum müssen wir uns um die Entwicklung des Standortes und der Region in besonderer Weise kümmern. Die Olympiabewerbung „Rhein Ruhr City 2032“ finde ich gut, auch für unsere Region. Wir können das positiv begleiten, gute Beiträge leisten und davon profitieren. Nach den neuen IOC-Statuten können sich Regionen innerhalb eines festgelegten Radius‘ bewerben. Das ist fix und reicht nicht ganz bis OWL. Und das wäre, falls die Bewerbung erfolgreich sein sollte, überhaupt nicht schlimm. Denn als innovative Region würden sich unsere Unternehmen zum Beispiel beim Bau des Olympischen Dorfes einbringen können. Allein schon die Tatsache, dass es mit dem Jahr 2032 einen zeitlichen Endpunkt gibt, würde für einen technologischen Schub sorgen – auch zugunsten der Unternehmen und Hochschulen in OWL. Nicht zu vergessen der Impuls, der in den heimischen Tourismus gehen würde.

Sind Sie zufrieden mit den Vereinbarungen zwischen dem Land NRW, den Städten und der Deutschen Umwelthilfe?

Pirscher : Ja. Aus meiner Sicht ist das eine gute Sache. Es gibt drei Gewinner – die Luft, die Autofahrer und alle am Kompromiss beteiligten Parteien.

Ihre Vorgängerin Marianne Thomann-Stahl hat die enge Zusammenarbeit mit den Landräten und Bürgermeistern während der Flüchtlingskrise 2015 immer sehr gelobt. Befürchten Sie, dass Sie diese Erfahrung auch machen werden?

Pirscher : Ich will das nicht herbeireden. Wenn es so kommen sollte, wüsste man, was man tun müsste.

Die Bezirksregierung

Die Bezirksregierung Detmold ist eine Behörde des Landes Nordrhein-Westfalen. Sie ist ein Scharnier zwischen der Landesregierung in Düsseldorf sowie den Kreisen und Kommunen in Ostwestfalen-Lippe. Bauen, Arbeit, Schule, Umwelt, Gesundheit und weitere Ressorts sind in einer Behörde gebündelt. Gleichzeitig vertritt sie die Interessen der Region gegenüber den Ministerien und der Landesregierung.

Die Anzahl der Mitarbeiter hat sich von 700 im Jahr 2005 auf heute knapp 1200 erhöht – auch wegen neuer Aufgaben in der Landesverwaltung: landesweite Scanstelle für Beihilfeanträge in Detmold, Flüchtlingsdezernat, Unterbringungseinrichtung für Ausreisepflichtige.

Die Bezirksregierung ist eine der größten Ausbildungsbehörden in OWL. Zehn Prozent der Mitarbeiter sind Auszubildende.

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