Neuer Haftbefehl – dritte Anklage – kein Verfahren gegen Kripochef Fall Lügde: Andreas V. scheut die Kameras

Detmold (WB). Er soll jahrelang Kinder vor laufenden Kameras vergewaltigt haben. Doch als am Donnerstag Kameras auf ihn gerichtet waren, ließ sich Andreas V. (56) eine Sturmmaske überziehen , damit niemand sein Gesicht sehen konnte.

Von Christian Althoff
Justizmitarbeiter haben Andreas V. eine Sturmhaube übergezogen, um den mutmaßlichen Sexualverbrecher vor Kameras zu schützen. V. hält sich eine Hand vor die Augen und lässt sich in gebückter Haltung durch einen Hintereingang ins Landgericht führen.
Justizmitarbeiter haben Andreas V. eine Sturmhaube übergezogen, um den mutmaßlichen Sexualverbrecher vor Kameras zu schützen. V. hält sich eine Hand vor die Augen und lässt sich in gebückter Haltung durch einen Hintereingang ins Landgericht führen. Foto: Althoff

Der 56-Jährige sitzt seit Anfang Dezember in Untersuchungshaft. Weil die Ermittlungen inzwischen viel mehr Tatvorwürfe ergeben haben, als damals bekannt waren, sollte ihm gestern ein neuer Haftbefehl mit den neuen Vorwürfen verkündet werden.

V. wurde am Vormittag mit einem VW Bulli aus der Justizvollzugsanstalt Hamm nach Detmold gefahren. Im Hof des Landgerichts zogen ihm JVA-Mitarbeiter eine Motorradsturmhaube über den Kopf. Andreas V. hielt sich zusätzlich noch eine Hand vor die Augen und ließ sich dann in gebückter Haltung durch einen Hintereingang ins Gericht führen.

293 Fälle

Um 13.30 Uhr saß er in Saal 165 zum ersten Mal der Kammer unter Vorsitz von Richterin Anke Grudda gegenüber, die auch den Prozess im Fall Lügde führen wird. Ihm zur Seite stand sein Anwalt Johannes Salmen aus Lage. Für die Staatsanwaltschaft war Jaqueline Kleine-Flaßbeck gekommen, die die Ermittlungen gegen Andreas V. geleitet hat.

Nach etwa 30 Minuten gingen die Türen wieder auf. »Die Kammer hat den neuen Haftbefehl verkündet«, teilte Gerichtssprecher Dr. Wolfram Wormuth mit. Andreas V. werden 293 Fälle von Kindesmissbrauch vorgeworfen, wobei es in 226 Fällen um Vergewaltigungen gehen soll. Außerdem soll er 879 Kinderpornodateien besessen haben.

»Nicht geäußert«

Rechtsanwalt Salmen sagte: »Mein Mandant hat sich gegenüber dem Gericht nicht geäußert. Hätte er das getan, hätte die Gefahr bestanden, dass seine Aussage an die Öffentlichkeit gelangt wäre.« Salmen nahm damit Bezug auf den Umstand, dass die Anklage einigen Medien zugänglich gemacht worden war – von wem, wisse er nicht. »Dass vor dem Prozess schon Einzelheiten veröffentlicht wurden, ist ein Affront gegen das Gericht, gegen die Prozessbeteiligten und damit auch gegen die Opfer«, sagte Salmen. Die 67-seitige Anklageschrift war an die Verteidiger und das Oberlandesgericht Hamm und später auch an Nebenklageanwälte gegangen.

Unterdessen hat die Staatsanwaltschaft auch die Anklage gegen den dritten Beschuldigten fertiggestellt. Sie ging gestern beim Gericht ein. Darin wird Mario S. (34) aus Steinheim der Missbrauch von Kindern auf dem Campingplatz »Eichwald« zur Last gelegt.

Kein Disziplinarverfahren

Der Prozess gegen ihn und die beiden anderen Angeklagten An­dreas V. und Heiko V. soll am 27. Juni beginnen. Bisher hat das Gericht 16 mutmaßliche Opfer als Nebenkläger zugelassen. Sie werden von neun Rechtsanwälten vertreten.

Bekannt wurde auch: Der nach den Pannen im Missbrauchsfall Lügde vom Dienst suspendierte lippische Kripochef Wolfgang P. (61) muss kein Disziplinarverfahren mehr fürchten. Eine interne Untersuchung habe keinen Anlass für disziplinarrechtliche Ermittlungen ergeben, heißt es. Wolfgang P. war vor drei Monaten beurlaubt worden. An seinen alten Arbeitsplatz wird er aber dennoch nicht zurückkehren. Weil er ohnehin im Herbst in den Ruhestand geht, werde er jetzt Überstunden abfeiern und seinen Urlaub nehmen.

Und noch eine Personalie: Nachdem der lippische Polizeichef Bernd Stienkemeier (59) seinen Stuhl im März räumen musste, hatte NRW-Innenminister Reul die aus Ostwestfalen stammende Polizeidirektorin Margit Picker zur kommissarischen Chefin der lippischen Polizei gemacht. Nun hat man sich in Düsseldorf entschieden, dass die 53-Jährige die Behörde mit 391 Polizisten und 32 Verwaltungskräften auf Dauer leiten wird.

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